COCO CHANEL UND IGOR STRAWINSKY

Buch: Chris Greenhalgh; Regie: Jan Kounen

Die Figur der Coco Chanel (Anna Moulalis), wie sie dieser Film entwirft, ist wahrlich faszinierend. Kontrolliert und kontrollierend, vollständig autonom, lädt sie den verarmten Komponisten Strawinsky mit seiner Familie auf ihr Sommerhaus – scheinbar ohne Hintergedanken, generös und gerde zur Familie ausgesprochen warmherzig. Dass sie es schafft, daneben eine Affaire mit dem Komponisten zu beginnen und die Verzweiflung von dessen Frau eiskalt zu ignorieren, ja sogar zu betonen, dass sie keine Schuldgefühle habe,  ist in seiner amoralischen Qualität unbedingt filmisch.

Gegenüber dieser faszinierenden Frau hat ihr Gegenüber, Igor Strawinsky (Mads Mikkelsen), einen schweren Stand. Er ist zu schwach, um ihren Reizen zu widerstehen, und zu schwach, sich von seiner Frau zu trennen oder sonst irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Dennoch geht auch von diesem großen, um Nüchternheit und Ruhe ringenden Musiker in dieser Konstellation eine starke emotionale Kraft aus, denn sein Dilemma zwischen zwei Zugehörigkeiten ist das größte.

Zuletzt spielt Strawinskys Frau Katja (Elene Morozova) die Rolle des Bauernopfers, also der Benachteiligten, die als kranke und dem Ehemann ergebene Mutter mit zusehen muss, wie ihr Mann der strahlenden Schönheit von Coco verfällt.

Die Rollenverteilung ist also eindeutig und spannend: auf der einen Seite die Leidende, denen unser Mitgefühl gilt; auf der anderen Seite die beiden Superstars, deren Amoralität befremdet oder auch Gefühle der Ungerechtigkeit herauf beschwört – die aber durch ihre jeweilige ideelle Bindung und die großen Werke, die sie hervorbringen, wieder für sich einnehmen.

Dieses Dreieck wirkt stark und überzeugend, auch wenn sich die Qualität der sexuellen Beziehung nicht so recht erschließt. Echte Gefühle scheinen kaum im Spiel zu sein, und wenn, dann werden sie geschickt verborgen.

Dem Film fehlt es allerdings lange Zeit an einer vorwärts treibenden Spannung. Schwer vorstellbar, dass der mittellose und um Anerkennung kämpfende Komponist wochenlang abgeschirmt von jeder Außenwelt vor sich hinlebt. Die rastlose Ambition des Künstlers, der die Welt erobern will, bleibt ausgespart, und dadurch fehlt die Dynamik, was einige Passagen nur mäßig spannend wirken lässt.

Ab dem Moment jedoch, wo die kranke Katja den Ehemann mit den Kindern resigniert verlässt, verliert der Film seine Dynamik fast vollständig. Denn jetzt ergibt sich für alle Beteiligten eine No-Win-Situation: Coco wird Igor nie für sich gewinnen können; und seine Tage sind daraufhin gezählt. Was bleibt, ist ein absehbarer Machtkampf von gegenseitigen Verletzungen, der sich einfach im Nirgendwo verläuft. Die kranke Ehefrau wäre die spannendere Figur gewesen. Sie einfach zu vergessen, ist dramaturgisch ein Fehler mit Folgen.

Denn die schlussendliche Behauptung, dass die beiden alt gewordenen Künstler das jeweilige Gegenüber als große Liebe nie vergessen, wird zur unglaubwürdigen Behauptung. Dafür, dass beide einander ein Leben lang geliebt oder begehrt haben könnten, bleibt das Geben und Nehmen viel zu schwach. Und das Ausblenden der Schuld an Katja kann im Zuschauer kein echtes Gefühl von Rührung oder emotionaler Beteiligung aufkommen lassen. Insofern vermag “Coco Chanel & Igor Strawinsky” zwar zu interessieren, aber nicht tief zu berühren. Vermutlich bleibt ein großer Teil des Publikums sogar unbefriedigt zurück.

MARKTPROGNOSEN:

Für schwelgerisches Kino dieses Formats existiert ein Publikum, es ist nicht unbedingt sehr groß, aber durchaus zu mobilisieren. Dass erst kürzlich ein Biopic über Coco Chanel herauskam, ist sicherlich eine Beeinträchtigung. Andererseits kommt durch Strawinsky wiederum ein Publikumssegment hinzu, das sich eher für Musik und Kunst interessiert.Insofern sind die Voraussetzungen nicht ganz schlecht.

Der Film dürfte sein Publikum zwar einerseits halbwegs zufrieden stellen – aber einen echten Sog, eine wirkliche Publikumsbindung schafft er durch seine eher kühle und letztlich unstimmige Amoralität wohl kaum. Der dramatische Konflikt ist zwar da, aber er verläuft im Sande und hinterlässt ein schales Gefühl.

Insofern wird man nicht viel mehr Zuschauer erwarten können, als etwa “Klimt” oder “Bach Vs. Friedrich d.Große” und ähnliche mäßig attraktive Künstlerbiografien erreichten – also maximal 50.000. Vermutlich bleibt der Film aber sogar noch deutlich darunter.


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