AYLA

Buch: Su Turhan, Beatrice Dossi; Regie: Su Turhan

Mit “Die Fremde” gelang kürzlich ein beachtlicher Erfolg. Dieser Film hat inzwischen knapp 100.000 Zuschauer gefunden, was für ein solch düsteres Drama als großer Erfolg gewertet werden muss. Für den thematisch verwandten “Ayla” ist diese gute Vorgabe einerseits ein Gewinn. Denn das im weitesten Sinne relevante Thema “Ehrenmord” hat somit bereits die Publikumstauglichkeit unter Beweis gestellt. Andererseits müßte “Ayla” wirklich zwingend alternative Wege einschlagen, um das Publikum zum Betrachten eines weiteren thematisch verwandten Films zu animieren.

Für die Analyse von “Ayla” ist der vergleichende Blick auf “Die Fremde” erhellend. In letzterem Film steht der tragische Konflikt ganz klar im Zentrum. Bei “Ayla” hingegen wird eher die Peripherie des Dramas bespielt. Die Titelheldin (Pegah Ferydoni) ist selbst gar nicht das designierte Opfer des Ehrenmordes. Vielmehr spielt HATICE (Sesede Terzyan), die die Ehre ihrer Familie verletzt hat, eher eine Nebenrolle. Damit ist schon von Beginn an die Grundspannung viel niedriger als bei “Die Fremde”. Es steht längere Zeit nicht allzu viel auf dem Spiel, und Ayla selbst steht erst ganz am Ende buchstäblich in der Schusslinie.

Die gesamte Tonalität in “Ayla” ist also leichter, weniger belastet, weniger intensiv – aber dadurch auch beliebiger. Denn Ayla hat gute Möglichkeiten, dem sich anbahnenden Konflikt aus dem Weg zu gehen. Ja sogar Hatice weiß genau, was sie tun will, um sich den Nachstellungen ihrer Familie zu entziehen (warum tut sie dies nicht schon früher?). Die Zwangsläufigkeit, mit der “Die Fremde” auf eine finale Katastrophe hinsteuert, wird hier also umgangen und aufgeweicht. Die Figuren könnten alle auch anders handeln, und insofern erreicht dieser Film nicht die tragische Unausweichlichkeit von des Vergleichsfilms.

Die entscheidende Rolle kommt hier der Liebe zu. Denn Ayla lernt in der Person von AYHAN (Mehdi Moinzadeh) ausgerechnet den zukünftigen potenziellen Mörder ihrer Freundin kennen. Man muss leider sagen, dass hier wenig Geben und Nehmen vorliegt, und sich entsprechend die Liebesbeziehung nicht allzu intensiv entwickelt. Was Ayla und Ayhan innerlich verbindet, wofür sie glühen und was sie vom Leben wollen, erschließt sich nicht wirklich vehement. Eine echte Beziehung entsteht hier nicht – und entsprechend tut man sich als Zuschauer dann schwer, Aylas Gewissensqualen nachzuvollziehen. Sie braucht nicht viel aufzugeben, wenn sie Ayhan verlässt. Ja dass sie so lange nicht merkt, zu welchen Taten ihr Geliebter eigentlich in der Lage ist, mag befremden.

Und gerade insofern ja Ayla nicht mit ihrer Doppelrolle als Kindergärtnerin und verruchter Nachtclub-Garderobiere hinterm Berg hält, wird aus Zuschauersicht Ayhans Verhalten rätselhaft. Einerseits eine Liebesaffaire mit einer Frau, die (aus seiner Sicht) zweifelhaften Neigungen nachgeht – und andererseits sich zum versuchten Mord an der Schwester breitschlagen lassen – wie geht das zusammen? Doch wohl nur dann, wenn tatsächlich Ayhans Doppelmoral im Blickpunkt steht. Doch von seinen eigentlichen Überzeugungen erfährt man viel zu wenig, um ihm näher zu kommen. Eine zwangsläufige Logik, die ihn zum versuchten Mord treibt, ist schwer zu erkennen. Der Druck von Seiten seiner Familie wirkt – gerade im Vergleich zu “Die Fremde” – eher schwach. Ayhan hätte alle Möglichkeit, sich dem Diktat seiner Familie zu entziehen. Warum er es nicht tut, entzieht sich ebenso dem Blick wie die Frage, warum seine Schwester so lange wartet, ehe sie ihren Plan einer Flucht nach Rotterdam wahrmacht.

Insofern entzieht sich in “Ayla” das eigentliche Drama immer wieder unserem Blick. Die Vehemenz, mit der die Protagonistin in “Die Fremde” immer wieder versucht, in ihre Familie zurück zu kehren, fehlt. Und diese verringerte Grundspannung führt insgesamt dazu, dass man “Ayla” eigentlich eher im Fernsehen als im Kino vermutet hätte. Die Radikalität, die eine der Grundvoraussetzungen für Kinoerfolge ist, weicht hier einem eher weichen, versöhnlichen Blick.

MARKTPROGNOSEN:

Insfern “Ayla” an Radikalität und dramatischer Wucht weit hinter “Die Fremde” zurück bleibt, ist der zuerst gestartete Film für den jetzigen sicher ein Nachteil. Dieses Handicap ließe sich nur wettmachen, wenn “Ayla” ganz zwingende, radikal alternative Blicke auf dasselbe Thema entwickeln würde. Dem ist aber nicht so.

Insofern hat es dieser Film am Kinomarkt schwer. Eine starke Mundpropaganda kann sich angesichts der Unentschiedenheit wohl kaum entwickeln. Insofern wäre der Film im Fernsehen grundsätzlich besser aufgehoben. Am Kinomarkt hingegen wären Zuschauerzahlen von mehr als 10.000 schon eine Überraschung.


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