VERTRAUTE FREMDE

Buch: Philippe Blasband, Jerome Tonnerre nach Jiru Taniguchi; Regie: Sam Gabarski

Es gibt Filme, die auf EINE einzige, große Pointe zulaufen. Ein solcher Moment kann vieles retten. Und ein solcher Film ist “Vertraute Fremde”.

Da wird im Verlauf der Geschichte eine Menge erzählt, was man als mehr oder weniger aufregend empfinden mag. Aber die Story kommt erst in dem ganz späten Moment zu sich, wo THOMAS (Pascal Greggory) wieder zu seiner Familie nach Hause zurück kehrt. Als er seine Frau und seine Töchter gemeinsam auf ihn warten sieht, wird durch die Essenz des zuvor Erfahrenen klar, welche Bedeutung seine Heimkehr hat. Thomas wird erwartet. Er spielt eine Rolle. Seine Ankunft ist nicht gleichgültig. Die Phantasie, Frau und Kind zu verlassen – die sich bei den ersten Bildern durchaus einstellt – wird revidiert. Thomas hat gelernt, dass das Verschwinden eines Familienmitglieds traumatische Folgen nach sich ziehen kann. Sein Blick – und damit der des Zuschauers – auf die Rolle des Familienvaters hat sich gewandelt und vertieft.

Durch diesen einen Moment rechtfertigt sich das gesamte Unternehmen des Films. Indem diese Pointe unmittelbar vor dem Ende steht, wird das Publikum mit einem Zuwachs an Sinn und emotionaler Befriedigung entlassen – gleichgültig, wie spannend man den Rest des Films mit seiner intellektuell anstrengenden Zeitverschiebung erleben mochte.

Das Motiv der Zeitreise ist dem Kino ja nicht neu. Vermutlich am berühmtesten wurde “Zurück in die Zukunft”. Dem Vergleich mit diesem Film hält “Vertraute Fremde” kaum stand. Das Problem liegt darin, dass Thomas im Körper eines 14-Jährigen, doch mit dem Bewusstsein eines älteren Erwachsenen innerhalb seiner Familie kaum Möglichkeiten zum Austausch hat. Thomas fühlt sich abgrundtief allein. Er verfügt über ein Bewußtsein für Zusammenhänge, das der Rest der Welt nicht haben kann. Von daher entwickelt sich die Story recht einseitig: die vorherrschende Form der Verständigung ist die Kontakt-Verweigerung. Der über die Zukunft orientierte Thomas macht Äußerungen, die seiner Umwelt rätselhaft erscheinen müssen; und er selbst schafft es nicht (versucht es allerdings auch nur halbherzig), vor allem mit seinen Eltern, aber auch seiner Freundin in Kontakt zu kommen. Die Eltern weichen der echten Konfrontation ein ums andere mal aus, und gegenüber der Freundin mag Thomas nicht recht mit der Sprache rausrücken.

Aus all dem ergibt sich ein rätselhaft gebremstes Bild – “Vertraute Fremde” mag schon vom Plot her, vor allem aber emotional nie so recht in Fahrt zu kommen. Dabei hat der FIlm durchaus ein spannendes Geheimnis aufzuweisen: denn Thomas’ VATER (Jonathan Zaccai) ist einst von einem Moment auf den anderen für immer verschwunden. Die Gründe für dieses Verschwinden werden ein Stück weit verständlicher, indem Thomas einer sterbenden Geliebten des Vaters auf die Spur kommt. Aber wirklich nachvollziehbar wird die Flucht des Mannes, der damit seine Frau ins Unglück stürzt, nicht – und schon gar nicht moralisch gerechtfertigt.

Viel mehr als diese Story mit dem Verschwinden des Vaters hat “Vertraute Fremde” kaum aufzuweisen – wäre da nicht die erwähnte Pointe, der Coup, der dem gesamten Unterfangen des Films eine sinnstiftende Kraft und Energie verleiht.

Zusammengefasst wird man also sagen können, dass der Film über weite Strecken etwas enttäuschend Einseitiges aufweist, weil rein strukturell echte Beziehungen zwischen dem Protagonisten und seiner Umwelt kaum entstehen können; auf der anderen Seite wird dieses Handicap durch eine Art von “Moral” oder “Botschaft” aufgefangen, die den Zuschauer dann doch für manche Durststrecken entschädigt.

MARKTPROGNOSEN:

Als Faustregel für befriedigende, wenngleich nicht herausragende französische Produktionen hat sich immer wieder die Zahl von 100.000 etabliert. “Vertraute Fremde” wird vermutlich deutlich unter dieser Zahl bleiben. Zwar bringt die Schlusswendung die Story dann doch noch zum Glänzen. Doch insgesamt sind die emotionalen Signale, die von der weitgehend einseitig und auch etwas umständlich erzählten Geschichte ausgehen, eher schwach. Insofern wird man vielleicht mit einer Zuschauerzahl von 50.000 + X ausgehen können.

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