MARCELLO, MARCELLO

Buch: Mark David Hatwood, Luda de Benedettis, Denis Rabaglia; Regie: Denis Rabaglia

MARCELLO (Francesco Mistichelli) will ELENA (Elena Cucci) für sich gewinnen. Dazu muss er deren Vater ein wirklich aufregendes Geschenk machen – so will es ein alter, unselig patriarchalischer Brauch auf einer italienischen Insel. Auf diese Art und Weise kommt eine Serie von Tauschgeschäften in Gang, die über viele Stationen das gesamte Sozialleben der Insel einbezieht: vom Fischer über den Friseur, den Bürgermeister, Metzger, Pfarrer bis hin zu den einsiedlerischen Schwestern und der traurigen Alleingelassenen kommt Marcello (und mit ihm der Zuschauer) mit einem Querschnitt der Bevölkerung in Kontakt.

In der Prämisse stecken brillante Voraussetzungen. Da ist einmal der Aspekt des Gebens und Nehmens. Der Tauschhandel, den Marcello unfreiwillig in Gang setzt, bringt zahlreiche Backstories zum Vorschein, kleine Ungerechtigkeiten, offene Rechnungen, Benachteiligungen usw. Doch auch der Aspekt der sozialen Vernetzung ist bestechend. Die Handlung durchpflügt praktisch das gesamte soziale Netz der Insel. Hierarchien und Abgründe werden spürbar, Abhängigkeiten und Verstrickungen tun sich auf. Marcello schafft es auch, durch seinen Parcours andere Menschen zu versöhnen. Vor allem sein Vater kommt mit einer verhinderten Liebe zusammen. Es findet also ein sozialer Zuwachs statt, der befriedigend wirkt. Hinzu kommt auf der Ebene der Umsetzung ein wunderbar sommerlich-heiteres, von keiner Modernisierung angekränkeltes Ambiente, das nostalgische “Italianità” versprüht. Insofern startet “Marcello, Marcello” mit starken Voraussetzungen.

Doch die immanenten Fragen und Frag-Würdigkeiten drängen sich ebenfalls auf. So brillant die Grundidee scheinen mag, liegen in ihr doch Widersprüche begraben, die die Dynamik bremsen.

Da ist die Tatsache, dass das Geschenk, dem Marcello nachjagt, ja eigentlich ein “falsches” ist. Er will nicht der von ihm angebeteten Braut einen Dienst erweisen, sondern sie quasi von ihrem Vater loskaufen. Marcello opfert gewissermaßen dem falschen Gott. Wir wissen von Anbeginn, dass der Hahn, den er haben will, ihn Elena nicht näher bringen wird. Insofern ist unser Verlangen als Zuschauer gebremst: all das, was da hin und her getauscht wird, hat mit seinem eigentlichen Ziel nicht viel zu tun. Die emotionale Bindung zur Geliebten wird durch die Handlung gar nicht berührt.

Das offenbart die große Schwäche der Liebesbeziehung selbst. Denn ein Geben und Nehmen zwischen den Liebenden findet so gut wie gar nicht statt, die beiden haben kaum gemeinsame Szenen – wir müssen Marcellos glühende Leidenschaft für Elena glauben. Das ist einerseits nicht schwer, denn die Darstellerin ist hübsch. Aber ob die beiden zusammen passen, sich etwas zu sagen haben, aufregend finden oder gar gemeinsame Ziele verfolgen – all das wissen wir nicht. Die Liebe bleibt eine Behauptung.

Noch ein weiterer innerer Widerspruch komt hinzu. Denn die Möglichkeit, sich durch schulische Leistungen auszuzeichnen, bietet Marcello die Möglichkeit, der Enge der Insel zu entkommen. Er kann endlich die große Welt kennen lernen. Dort lockt die Möglichkeit der Selbstentfaltung. Auf der Insel kann er nur ein sozial wenig geachteter Fischer bleiben. Gerade dieser Aspekt der Freiheit aber, dieses Privileg, der Enge zu entkommen, wird in “Marcello, Marcello” zur antagonistischen Kraft. Der Lehrer, der dem Schüler eigentlich nur Gutes will, wird dramaturgisch zu seinem Feind. Das kann nicht gut gehen. Für Marcello, den hoch begabten Schüler, wäre es mindestens ebenso verlockend, endlich studieren zu dürfen, als sich mit Elena auf der Insel zu vergnügen. Denn dieses Vergnügen wird im provinziellen Mief ersticken – das zeigen uns die übrigen Episoden. Die beiden müssten eigentlich raus und die frustrierende Enge der Insel verlassen, um ihr Glück anderswo zu finden. Und genau diese Bewegung wird durch die Prämisse verhindert. Der Lehrer, im Film als Witzfigur verspottet, müßte in Wahrheit Marcellos Wohltäter sein.

Bleibt noch der Blick auf die Unerheblichkeit der meisten Episoden – ist es wirklich so schwer, Limoncello aufzutreiben? Wie relevant wird von uns die Frage nach einem angeblich anrüchigen Nacktportrait erlebt? Welche soziale Aufladung haben zwei unbenutzte Hochzeitskleider? Es gibt keine wirklich hohe Relevanz in “Marcello, Marcello”, und die Möglichkeit zu einem wirklichen Gemeinschaftserlebnis bleibt ungenutzt.

Man sieht also, dass grundsätzlich starke Elemente sich mit hinderlichen vermischen und gegenseitig behindern. In der Regel wird das zu spürbaren Einbußen im Markterfolg führen.

MARKTPROGNOSE:

Den Film direkt gegen die Konkurrenz der Fußball-WM zu programmieren, macht sicherlich Sinn. “Marcello, Marcello” bietet ein stimmiges Gegen-Programm für fußballabstinente Romantiker und Sommer-Sucher. Und auf der sinnlichen Ebene bietet der Film kostbare, nostalgische Wohlfühl-Idyllik. Insofern wird ein vermeintlich ganz rundes Paket geboten.

Doch die inneren Widersprüche der Story bremsen die Wirkungskraft doch ganz erheblich. Der prinzipiell sehr originelle Tauschhandel, den Marcello absolvieren muss, führt konsequent an seinem eigentlichen Ziel, seiner Liebe zu Elena, vorbei. Letztlich unterwirft er sich unter ein Prinzip, das er ablehnt, aber eben doch erfüllt. Insofern kann das Happy End nicht wirklich zünden. Und die Tatsache, dass er mit Elena auf einer Insel bleiben will, deren Abgründe sich soeben erst aufgetan haben, ist keine wirklich beglückende.

Insofern muss man skeptisch sein. Werte wir für “Kleine Verbrechen”, den griechischen Sommerhit von 2008 (knapp 150.000 Zuschauer) dürften kaum erreichbar sein. Auch der (etwas ernstere) “Die Frau des Leuchtturmwärters”, der etwas über 100.000 lag, ist vermutlich außer Reichweite. Je nach Wetterlage (und dem Fußballfieber) könnte “Marcello, Marcello” also vielleicht zwischen 60.000 und 80.000 Zuschauer erreichen – bei konsequentem Sommerwetter jedoch eher noch weniger.

R.Z.


Comments are closed.