MAHLER AUF DER COUCH

Buch und Regie: Felix Adlon, Percy Adlon

Die Affaire ALMA Mahlers (Barbara Romaner), die nach 9 Ehejahren ihren Gatten GUSTAV (Johannes Silberschneider) mit dem jungen Stararchitekten WALTER GROPIUS (Friedrich Mücke) betrog, ist an und für sich sicher kinotauglich. Da ist einerseits eine hoch romantisierte Liebe zwischen Gustav und seiner Frau, andererseits die sinnliche Begierde der unausgelasteten Gattin. Da ist die Freudsche Fehlleistung, dass Gropius einen Brief an seine Geliebte “versehentlich” an deren Mann sandte und damit die Affaire ans Licht kam. Und da ist das himmelschreiende Unrecht, dass Mahler seiner Frau verbot, in ihrer Ehe weiterhin zu komponieren. Almas Loyalitätskonflikt ist groß: einerseits der Wunsch, dem berühmten Ehemann eine gute Frau zu sein; andererseits die Kränkung und die sexuelle Begierde. Das alles wird überwölbt durch eine vielleicht übersteigert wirkende, aber emotional wirksame Hingabe aller Beteiligten.

Indem “Mahler auf der Couch” all dies recht getreu der Biografie erzählt, ja mit geradezu pädagogischem Eifer möglichst viel Details verarbeitet, kann zunächst nicht viel schiefgehen. Der Gefahr, die Fakten allzu sehr umzubiegen, sind die Autoren aus dem Weg gegangen. Lediglich der Besuch Mahlers bei Freuds wurde zwar nicht erfunden (er ist belegt), aber doch auf eine ganz Nacht gestreckt (in Wahrheit waren es nur 4 Stunden gemeinsamer Spaziergang).

“Mahler auf der Couch” erzählt also eine im Grunde spannende Geschichte. Der Komponist kommt quasi ahnungslos zu Freud und will alle Schuld am Scheitern der Ehe von sich weisen. Der Plot Point Freuds besteht darin, Mahler auf die Spur seiner eigenen Schuld zu schicken. Ganz allmählich dämmert es Gustav, dass es vielleicht nicht so klug war, der Ehefrau das Komponieren zu verbieten.Man konzentriert sich mehr und mehr auf die Entbehrungen, die der Hofoperndirektor seiner Frau diktiert hat. (Wobei man sich fragt, WARUM Alma ihn überhaupt geheiratet hat – das wird nicht ganz klar). Der Moment, in dem Mahler klar zu Bewusstsein kommt, was er seiner Frau angetan hat, bildet den Höhepunkt und damit quasi Plot Point 2.

Das Drama rundet sich also bis zu jenem Punkt, wo – gemäß der klassischen Dramaturgie – der dritte Akt einsetzen würde.Dieser letzte Akt ist immer mit einer neuen Zielsetzung der Protagonisten verbunden. Und Mahlers Leben weist genau diese neue Zielsetzung auf: denn diese Affaire war ein letzter entscheidender Wendepunkt. Sein Versuch, die Lieder seiner Frau zu veröffentlichen, sie als Komponistin zu stützen und nunmehr ALLES daran zu setzen, sie ihm wieder gewogen zu machen – er definiert tatsächlich diese neue Zielsetzung. Und gleichzeitig leitet die innere Aufregung über den möglichen Verlust Almas auch seine tödliche Krankheit ein. Mahler starb nur 10 Monate später – etwas überspitzt könnte man sagen, an gebrochenem Herzen.

Merkwürdiger Weise spart der Film diesen dritten, eigentlich die Tragik erst erfüllenden  Akt aus. Er unterschlägt auch, dass Alma zwar bei Mahler blieb, ihn aber bis zu seinem Tod mit Gropius betrog. Insofern hinterlässt “Mahler auf der Couch” einen merkwürdig unfertigen Eindruck. Das dramatische Element ist unbedingt spürbar – aber die Lösung des Knotens wird uns vorenthalten  (bzw. durch einen Monolog von Bruno Walter direkt in die Kamera merkwürdig eilig abgehandelt).

Es entsteht ein amphibischer, halbfertiger Eindruck: einerseits wird das Drama forciert; und andererseits bleibt die Story unbefriedigend, als sei es nur um eine biographisch-pädagogische Nachhilfestunde gegangen, die zudem in einem etwas pädagogisch eingefärbeten, altmodisch wirkenden Flair daherkommt.

MARKTPROGNOSEN:

Die Aussichten sind nicht schlecht. Das Zielpublikum – ein älteres, gebildetes und vor allem auch an Musik interessiertes – kann relativ hohe Zahlen garantieren. Diese Zuschauern wird auch die erzählerisch unfertige, z.T. in der Umsetzung auch nicht immer stilsichere Machart wenig stören. Diese Leute zieht es auch in der Hitze nicht unbedingt an den Badesee oder in den Biergarten. Und durch das aktuelle Mahler-Jahr wird das Interesse zusätzlich geschürt.

Man sollte hier also durchaus trotz erzählerischer Mängel von sechsstelligen Zahlen ausgehen.  Wenn ein Film wie “Ein russischer Sommer”, der die Geschichte Tolstojs (dramaturgisch viel stimmiger) auf 220.000 Zuschauer bringt, dann müßte “Mahler auf der Couch” trotz schwächerer Vorgaben (keine echten Stars, Sommermonate, nicht allzu gute Presse) doch immerhin 100.000 schaffen. Die Tatsache, dass selbst ein so problematisches Werk wie “Klimt” noch immer annähernd 50.000 Zuschauer hatte, nährt diesen Verdacht. Nach unserer Einschätzung wird also “Mahler auf der Couch” zwar nicht schnell (er wird klein vermarktet), aber doch über eine lange Laufzeit hin sechsstellig werden können.

R.Z.

Comments are closed.