RENN WENN DU KANNST

Buch: Anna Brüggemann, Dietrich Brüggemann; Regie: Dietrich Brüggemann

Der Umgang mit Behinderten ist ein Tabuthema, das man im Kino gerne ausspart – indem man es entweder ausblendet oder bagatellisiert. “Renn wenn du kannst” packt es frontal an- und das liefert ein starkes Alleinstellungsmerkmal. BEN (Robert Gwisdek) will sich mit seiner Rolle als Rollstuhlfahrer nicht abfinden. Er ist bitter geworden, gallig, despotisch. Gerade um heikle Themen wie z.B. “Sex zwischen einem behinderten Mann und einer nicht behinderten Frau” macht der Film keinen Bogen. Die Szene, in der Ben mit der Cellistin ANNIKA (Anna Brüggemann) schlafen will und es nicht schafft, gehört sicherlich zu den stärksten und ehrlichsten des Films. Damit ist ein starkes Argument für den Film garantiert: er wird alle, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, zunächst ansprechen und durch seinen schonungslosen Blick interessieren. Auf der anderen Seite versucht die Umsetzung durch phantastische, spielerische Elemente immer wieder auch eine Leichtigkeit ins Spiel zu bringen, die der Schwere des Themas die Spitze bricht.

Rein dramaturgisch gesehen ist der Rollstuhlfahrer im Film zunächst ein dankbarer Protagonist, weil er so stark benachteiligt ist. Die Empathie liegt natürlich erst mal sehr klar bei Ben. Doch die Schraube der Bitterkeit, Destruktivität, ja geradezu des Zynismus der Figur Ben wird vom Drehbuch bis zum Schluss des Films immer weiter angezogen. Bens Brutalität im Umgang mit sich selbst und seiner Umgebung mag verständlich sein, weil er sein Schicksal nicht annehmen will und kann. Bis zu einem gewissen Grad wird jeder dafür Verständnis haben. Doch irgendwann muss man sich fragen, was seinen Betreuer CHRIS (Jacob Matschenz) und vor allem natürlich eine Frau wie Annika an ihm reizt und sie an ihn bindet. Denn Ben ist ein bis zum Sadismus gehender Verweigerer, der noch jede Form von Zuwendung (auch von Seiten seiner Mutter) abwehrt und mit Gemeinheiten (”Du bist nur ein Tuttischwein”) beantwortet. Der gallige Humor des Protagonisten findet nur selten eine tiefere und menschlichere Ebene. Echten Austausch verweigert er. Insofern fragt man sich dann, was Annika so tief an ihm anzieht, dass sie beschwerlichen Sex mit ihm haben will. Der schnodderige Tonfall, den Ben bevorzugt, nimmt dem Thema nicht etwa die Schwere, sondern verstärkt sie noch.

Erst ganz am Schluss findet der Film zur eigentlichen Schlüsselszene, unter der Ben leidet: denn eigentlich rührt sein Trauma vom Verlust der Frau her, die bei dem Unfall, den er überlebte, starb. Hier läge ein starkes Argument für die differenzierte Gestaltung seiner Verstörung. Doch leider erfährt man von dieser Beziehung nichts. Sie hätte ein Türöffner zum Verständnis von Ben sein können. Insofern gleicht der Film seinem Hauptdarsteller: die wichtigen Informationen werden uns eher verweigert als gegeben. Das stellt das Publikum auf eine harte Probe.

Auch hinsichtlich Annikas bleiben große offen. Was sie überhaupt an Ben und Chris reizt, ist nicht ganz klar. Die Austauschsebene der Musik existiert zwar (Annika liebt Cello), wird aber kaum bespielt (Ben und Chris interessieren sich kaum für ihre Musik und schon gar nicht für spezifisches Problem des Lampenfiebers). Wenn Ben sagt: “Du hast mein Herz berührt”, so wirkt das so sarkastisch wie alles, was er von sich gibt. Dass hier irgendjemand einen anderen wirklich berührt, ist kaum spürbar. Wie und warum Annika ihre große Angst vor dem öffentlichen Vorspielen im Moment des Konzerts auf einmal überwindet, bleibt undeutlich. Der Moment des Triumphs wird ihr auch nicht gegönnt – endlich einem nicht mehr “Tuttischwein” gewesen zu sein und die Anerkennung genossen zu haben, dieses schöne Gefühl kann sie nicht mit anderen teilen.

Entsprechend treibt der Film sein immer galligeres Spiel am Ende auf die Spitze, indem Ben doch noch den lange angekündigten Selbstmordversuch unternimmt. Irgendwann wird man dann seines düsteren Selbsthasses überdrüssig. Irgendwann geht es nicht mehr um seine Behinderung, sondern eine Art Selbstekel, dem man nur noch schwer folgen kann.

So gesehen tut “Renn wenn du kannst” seinem eigentlichen Anliegen – der vorurteilslosen Konfrontation mit Behinderung – nicht unbedingt einen Gefallen. Denn der Protagonist nimmt die Angebote seiner Umgebung einfach nicht an. Irgendwann wirkt sein Unglück dann eben doch – trotz aller Vorschuss-Empathie – selbstverschuldet. Und ab diesem Moment ist die Publikumsbindung dahin.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

Markteinschätzung:

„Renn, wenn Du kannst“ stellt einen Zyniker im Rollstuhl in den Mittelpunkt und stellt sich dabei auch dem Thema Sex mit Behinderten. Insofern handelt es sich im Moment um einen mutigen und ungewöhnlichen Film auf dem deutschen Kinomarkt, der seit der Premiere auf der Berlinale ein gewisses Alleinstellungsmerkmal vermittelt hat und bestimmte erwachsene Zuschauerkreise auf jeden Fall interessieren wird. Die grundsätzliche Anlage verspricht zudem viele komische und zwischenmenschlich starke Aspekte, aber die Umsetzung ist erkennbar weniger unterhaltsam und emotional bewegend geraten, als es das Thema verdient gehabt hätte. Dafür wäre eine Herangehensweise hilfreich gewesen, die uns die Figuren näher bringt und stärkere emotionale Entwicklungen auslöst. Stattdessen wird vor allem der zentralen Figur die Wandlung und Reifung vorenthalten und damit die Wunschentwicklung des Publikums trotz des schematisch harmonisierenden Endes kaum befriedigt. Robert Gwisdek wurde zuletzt in „13 Semester“ von 163.000 und in „Lauf um Dein Leben“ von 95.000 Zuschauern gesehen. Da die Namen der weiteren Beteiligten an diesem Debütfilm aber noch nicht bekannt genug sind, gibt es kaum Zusatzeffekte für die Vermarktung. Außerdem hat die Konkurrenzsituation in den Arthouse-Kinos wieder stark zugenommen. So gesehen überwiegen die negativen Vorzeichen leicht und die absolute Obergrenze liegt meinem Erachten nach bei 40.000 (wie etwa zuletzt „Schwerkraft“ hatte), aber die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass das Endergebnis nur bei der Hälfte und damit zwischen 20.000 und 25.000 liegen wird.

Markteinschätzung: Norbert Maass

München/Berlin 28.07.2010

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