BERGFEST
Buch und Regie: Florian Eichinger
Die rein materiellen Beschränkungen eines No-Budget-Films wie diesem brauchen kein Hindernis zu sein. Natürlich kommt “Bergfest” durch ein extrem eingeschränktes Setting und das fast völlige Fehlen von Musik besonders spröde daher. Doch die starken Schauspieler wären in der Lage, dem Film narrativ genügend Qualitäten zu verleihen, um echte Kinotauglichkeit herzustellen. “Alle anderen” wäre hier als gutes Beispiel zu nennen, wo es gelungen ist, durch eine intensive Dramaturgie hohe Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Die Grundkonstellation ist zwar nicht allzu originell, aber doch nicht ohne Reiz: HANNES (Martin Schleiss) und ANN (Anna Brüggemann) begegnen auf einer einsamen Berghütte dem Vater HANS-GERT (Peter Kurth) sowie dessen junger Geliebter LAVINIA (Rosalie Thomass). Zwischen Vater und Sohn stehen Spannungen und Vorwürfe im Raum, die die Handlung definieren.
“Bergfest” hat – dramaturgisch geschickt – ein Austauschmedium, das auf verschiedenen Ebenen wirksam wird. Denn das Theater spielt nicht nur für Hannes und Hans-Gert eine Rolle, sondern auch vor Ort werden direkte Rollenspiele inszeniert, die ihre Eigendynamik entfalten. Das Thema “Schein und Sein” lässt sich so auf verschiedenen Ebenen gut anspielen, und tatsächlich entwickelt der Film streckenweise eine gute Spannung, die die Einschränkungen vorübergehend vergessen lässt.
Alles konzentriert sich hierbei auf die Konfrontation zwischen Vater und Sohn. Offenbar lautet der Vorwurf nicht direkt “sexueller Mißbrauch”. Sondern Hans-Gert hat “nur” als leiblicher Vater den Mißbrauch durch den Stiefvater gedeckt und nicht bekämpft. Verglichen mit der Schwere dieser Vorwürfe steht jedoch das Hauptthema erstaunlich wenig im Raum. Eigentlich interessiert sich das Drehbuch für Hans-Gerts Rechtfertigungen und späte Rechtfertigungen kaum. Der Vater scheint durchaus für Wandlungen und neue Entwicklungen bereit zu sein – aber er erhält vom Autoren nicht den Raum. Hingegen konzentriert sich die Story auf die destruktive Verweigerung des Sohnes. Hannes reitet sich selbst in eine immer schwierigere Situation, indem er – wenig plausibel – mit Lavinia ins Bett geht. Zwar wird die dramaturgische Behauptung dieses Beischlafs durch einen interessanten und überzeugenden Monolog von Lavinia wieder aufgehoben und gebrochen. Dennoch ist die Beziehung zu Ann mutwillig zerstört und Hannes keinen Schritt weiter.
An diesem Punkt nun könnte der Film eigentlich wirklich beginnen, seine Figuren in einen schmerzhaften Prozess der Wandlung zu bringen. Doch an diesem Punkt hört er leider ganz einfach auf. Anders gesagt: die Dramaturgie ist so unfertig und unreif wie der Protagonist. Der Prozess des sturen und destruktiven Verweigerns steht im Mittelpunkt, während die Annäherungen und Lösungen außen vor bleiben. Aus Sicht der Hauptfigur Hannes mag das ein Stück weit sogar verständlich sein – man kann von ihm nicht erwarten, dass der im Handumdrehen sein Trauma des Mißbrauchs überwindet und mit dem Vater Frieden schließt. Doch der Beischlaf mit dessen Geliebter ist ein Ablenkungsmanöver, das niemanden weiter bringt – und vor allem nicht den Zuschauer, der einem Spiel beiwohnt, das abbricht, bevor es wirklich beginnt.
Insofern bringt “Bergfest” dann leider erzählerisch trotz einiger starker Sequenzen nicht ganz das Gewicht, das nötig wäre, um eine echte Kinoauswertung mit nennenswerter Resonanz möglich zu machen.
MARKTPROGNOSEN:
Angesichts der äußeren Einschränkungen hat “Bergfest” nur extreme Außenseiterchancen. Eine wirkliche Mundpropaganda dürfte sich kaum einstellen. Insofern kann man sich kaum Werte von über 5.000 Zuschauern vorstellen.