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Filmbesprechung

  • ALLES WAS KOMMT Buch und Regie: Mia Hansen-Love Zunächst wirkt die Ausgangslage alles andere als ungewöhnlich: NATHALIE (Isabelle Huppert) sieht sich plötzlich von ihrem Mann HEINZ (André Marcon) verlassen; ihre Publikationsreihe wird eingestellt und die Mutter muss ins Altersheim, wo sie bald stirbt. Zurück bleibt eine ungeliebte Katze, die Nathalie bei sich aufnehmen muss. Der Hauptfigur wird also subtil der Boden unter den Füssen weg gezogen. Dies ist grundsätzlich keine ungewöhnliche Ausgangslage. more

  • Buch: Jan Schomburg, Maria Schrader; Regie: Maria Schrader „Vor der Morgenröte“ handelt vom Gefühl des Privilegiert-Seins. STEFAN ZWEIG (Josef Hader) lebt in Südamerika unbehelligt und in einem Strom der nie abreißenden Huldigung für den berühmten Autoren. Er hat sich mit seiner jungen Frau LOTTE (Aenna Schwarz) rechtzeitig in Sicherheit bringen können, verfügt über genügend Geld und Kontakte und fühlt sich als freier Mann. Konflikte gibt es äußerlich keine. Umso schmerzhafter der Gedanke an all die Verfolgten, Entrechteten, Geknechteten in Europa, denen es nicht so gut geht, denen er helfen will und nicht oder nur mit viel Mühe helfen kann... more

  • Buch: Laura Lackmann Popescu (nach dem Roman von Sarah Kuttner); Regie: Laura Lackmann Popescu „Mängelexemplar“ dreht sich um das Phänomen der Depression. Sie spielt in unserer Gesellschaft von der chronisch schlechten Laune bis hin zum Suizid eine große Rolle. Es wird gerade unter den jungen Menschen viele geben, die sich von der Thematik angesprochen fühlen, weil die Auseinandersetzung mit dem Thema tabuisiert ist... more

  • Buch: Johanna Pfaff, Oliver Keidel, Max Zähle; Regie: Max Zähle Das Kino liebt die besonderen Orte. „Schrotten“ entführt uns in eine vom Aussterben bedrohte und visuell ergiebige Welt: die der Schrotthändler, die heute vom Recycling-Gedanken häufig zum Aufgeben gezwungen werden. Die Bilder, die der Film dort auffindet, sind auf jeden Fall sehr besonders. Gerade im Kontrast zu unserer Hochglanz-Welt wirkt der Geist der permanenten Improvisation am Rande der Legalität erfrischend und pittoresk... more

  • Buch: Tom Tykwer nach dem Roman von Dave Eggers; Regie: Tom Tykwer Das Wort ‚Culture Clash’ ist ein Lieblingswort der Dramaturgie (und insbesondere des ‚human factor’). Tatsächlich wird ein Wertekonflikt kaum je so unmittelbar deutlich transportiert wie im Falle des Zusammenstoßes von sozialen Welten und Netzen, wenn auf beiden Seiten offensichtlich andere Normen und Prioritäten herrschen. Dieser Zusammenstoß verleiht dem „Hologramm für den König“ zunächst eine unmittelbar überzeugende Stringenz: hier ist ALAN (Tom Hanks), der mit dem Ziel startet, es in Saudi-Arabien zu 100 % Effizienz zu bringen; und dort ein Land, in dem Zeit und Geld in solchem Überfluss vorherrschen, dass alle Anstrengungen Alans im Wüstensand versacken. Dieses Scheitern am ‚Want‘ wird sehr deutlich. Da es durch seine Tochter KIT (Tracey Fairaway) ein Gesicht bekommt, ist die Aufladung spürbar... more

  • Buch: Gordian Maugg, Alexander Hussar; Regie: Gordian Maugg Der Künstler in der Schaffenskrise, der für seinen neuen Film neue Impulse sucht, ist ein filmisch ergiebiges und erprobtes Mittel, etwa in Arbeiten wie „Capote“ oder „Hitchcock“. In beiden Fällen suchte ein Kreativer Inspiration auf Feldern, die für ihn und sein Schaffen neu waren. Diesem Schema folgt im Prinzip auch „Fritz Lang“. Nur ist die Herangehensweise hier wesentlich dokumentarischer, indem die Grenzen zwischen ‚Alt‘ und ‚Neu‘, zwischen ‚Echt‘ und ‚Nachgestellt‘ bis zur Unkenntlichkeit verwischen... more

  • Buch und Regie: Nicolette Krebitz Eine Vokabel, die von der Filmkritik hoch geschätzt (und vielen Filmen deutscher Herkunft oft abgesprochen) wird, lautet 'radikal'. Gemeint ist ein künstlerisches Verfahren, in dem ein Weg so konsequent zu Ende gegangen wird, wie das zuvor noch nie zu sehen war. Insofern ist "Wild" sicher radikal. Nicht nur hinsichtlich dessen, WAS hier erzählt wird: nämlich die allmähliche Anverwandlung der jungen ANIA (Lilith Stangenberg) an einen Wolf; sondern auch WIE die Dramaturgie funktioniert. Denn letztlich ist "Wild" weniger eine Geschichte als eine Parabel oder verfilmte Metapher. Alle Elemente der äußeren Erzähllogik dienen nur einem Zweck: nämlich der grundsätzlich unwahrscheinlichen Erzählidee doch so viel Plausibilität wie möglich zu verleihen. Anias Bemühungen und Tricks, ihre Absicht durchzusetzen, werden penibel verfolgt. Doch an der psychologischen Begründung dafür, woher nun auf einmal diese rätselhafte Neigung der offenbar sehr einsamen jungen Frau kommen mag, hat der Film gar kein Interesse. more

  • Buch und Regie: Doris Dörrie Der Name 'Fukushima' ruft einen der markantesten Wendepunkte in der globalen Geschichte der letzten Jahre wach. Die Aufmerksamkeit wird durch den Titel zunächst auf äußerliche, politisch hoch relevante Aspekte gerichtet. Paradoxer Weise stellt sich der Film von Doris Dörrie ganz gegenteilig dar: die Konflikte, die hier behandelt werden, liegen weitgehend IN den Figuren. Dieser Widerspruch könnte dem Film zum Vorwurf gemacht werden: die politische Dimension fällt zumindest vordergründig eher weg. Andererseits liegt in der Nonchalance, wie hier Erwartungen gegen den Strich gebürstet werden, auch das Alleinstellungsmerkmal und die Originalität dieses Films... more

  • Buch und Regie: Florian Gallenberger Die Beschäftigung mit der Sekte, in der einst in Chile mit Billigung deutscher Behörden Menschen gequält, ausgenutzt und versklavt wurden, wäre filmisch auf sehr unterschiedliche Art und Weise denkbar: als psychologische Studie zwischen Tätern und Opfern; als differenzierte politische Bestandsaufnahme von Strömungen, die solche Ungeheuerlichkeiten zulassen; als quasi dokumentarische Schilderung des Lagerlebens usw. Die Richtung, für die man sich hier entschieden hat, ist jedoch eine ganz andere: nämlich die der permanenten Spannungssteigerung. "Colonia Dignidad" ist ganz eindeutig kein politisches Drama, das sich an ambivalenten Szenarien abarbeitet, sondern ein 100-prozentiger Abenteuer-Film. Gezeigt werden Menschen, die über sich hinaus wachsen und denen, beflügelt von nie in Frage gestellter Liebe und Loyalität, schier Unmögliches gelingt: nämlich die Flucht aus dem abgeriegelten Lager... more

  • Buch: Mira Thiel, Judith Bonensky, Friederich Oetker; Regie: Mira Thiel Der Film wendet sich an ein klar umrissenes Zielpublikum zwischen 18 und 29 Jahren (vornehmlich weiblich). Diesem Publikum wird einiges geboten: eine recht gut getimte Gag-Dichte; viel krass übersteigerte Situationskomik und Charaktere, mit denen Identifikation möglich ist. Hinzu kommt der Gemeinschaftsfaktor, der die Vorgänge in der hier geschilderten WG mit viel Wärme auflädt. Doch eigentlich sollte es möglich sein, Filme über diese sehr begrenzte Zuschauerschicht hinaus attraktiv zu gestalten. Ein gelungenes Beispiel dafür war "Fack ju Göhte", der zwar ein bestimmtes Publikum angezielt und auch erreicht hat, aber darüber hinaus noch weit mehr Menschen aus anderen Schichten anzulocken vermochte... more

  • Buch: Katharina Junk, Stefan Rick, nach dem Roman von Martin Suter; Regie: Stefan Rick Der Film bewegt sich zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. BLANK (Moritz Bleibtreu) braucht als Banker ein Maximum an Selbstbeherrschung. Zwar sieht man im Film nicht allzu viel davon, wie er dies bewältigt; doch die Klischees, die die Medien zum Thema 'Banker' beisteuern, machen es leicht, das Bild seiner vollkommen durchrationalisierten und zahlenfixierten Existenz zu vervollständigen. Nach einem traumatischen Erlebnis hat Blank das Verlangen, auszusteigen. Ein Instinkt scheint in ihm wach geworden zu sein, eine Sehnsucht, ein Sog. Diese Auseinandersetzung mit dem Archaischen, Instinktiven und vor allem auch Gewalttätigen wird im weiteren Verlauf des Films die Hauptrolle spielen und vermittelt sich überzeugend. Blank verliert die Kontrolle - und dadurch entsteht ein mächtiger Culture Clash, der den Film bis zum Schluss unter Strom hält... more

  • Buch: Christoph Silber, Jane Ainscough, Sandra Nettelbeck (Nach dem gleichnamigen Roman von Hape Kerkeling) Regie: Julia von Heinz Die Erzählabsicht der Films ist zweifellos nicht dramatisch. Es geht um eine Art verfilmtes Selbstgespräch, eine Meditation über Gott, den kindlichen Wunsch, an Gott zu glauben, und die vielen Zweifel, die im Laufe des Films immer mehr ausgeräumt werden. Wer komplexe erzählerische Zusammenhänge und Steigerungen erwartet, dürfte enttäuscht werden... more

  • Buch: Esther Bernstorff; Regie: Theresa von Eltz Filme, die in der Psychiatrie spielen, pflegen sich zu entscheiden: entweder es geht vornehmlich um die Dynamik innerhalb der Insassen wie z.B. in “Durchgeknallt – Girl Interrupted”; oder um die Beziehung zwischen Patienten und Klinikleitung, wie in “Einer flog übers Kuckucksnest”. “4 Könige” scheint zunächst stark an den Insassen interessiert. LARA (Jella Haase), ALEX (Paula Beer) und FEDJA (Moritz Leu) müssen sich mit der Ankunft des rabiaten und gewaltbereiten TIMO (Jannis Niewöhner) arrangieren. Vor allem der traumatisierte Fedja hat große Angst, und Timo wird zunächst seinem Negativ-Image auch gerecht. Doch so ganz klar wird das “Want”, also die Absicht der vier Insassen nie. Denn allmählich wird deutlich, dass sich der Film gar nicht in erster Linie für die Psychodynamik der vier Heim-Insassen interessiert... more

  • Buch und Regie: Tom Sommerlatte Vier Erwachsene, ein Kind, ein Haus mit Swimming Pool: "Im Sommer wohnt er unten" bezieht einen guten Teil seiner Kraft aus dem Mut zur Reduktion. Es handelt sich um ein lupenreines Kammerspiel, in dem es um Unterschwelliges, Unausgesprochenes, Verborgenes geht. Kein Wunder, dass man nicht nur aufgrund des Spielortes des Films an französisches Kino denkt: ganz offensichtlich steht der Komödientypus unseres westlichen Nachbarn hier Pate – was man vom deutschen Film leider viel zu selten sagen kann... more

  • Buch: Heiko Pinkowski, Axel Ranisch, Peter Trabner Regie: Axel Ranisch Die Beschreibung von Sucht und Abhängigkeit ist ein gängiges und beliebtes filmisches Motiv und hat unterschiedlichste erzählerische Ansätze hervor gebracht. Verglichen mit all den bisherigen Modellen liefert dieser Film ein ganz besonders originelles Motiv: die Sucht wird ganz handgreiflich personalisiert. FLASCHE (Peter Treubner) ist eine männliche Figur, die niemand außer dem Protagonisten TOBIAS (Heiko Pinkowski) sehen kann. Der ungebetene Gast quetscht sich wie selbstverständlich in alle Lebenssituationen mit hinein und macht sich mit zunehmender Intensität der Sucht immer eigenständiger als Quälgeist bemerkbar. more

  • Buch: Martin Rauhaus, Andrea Stoll; Regie: Lars Kraume Die Institution Familie bietet dem filmischen Erzählen ein unerschöpfliches Reservoir von Konflikten, die beliebig variierbar und doch strukturell immer gleich sind. Die Familie zwingt gerade bei größeren Feiern Menschen unterschiedlichster Haltung, Erfahrung und Wertvorstellungen auf einen kleinen Raum. Dies kreiert zwangsläufig den Zusammenprall von inneren und äußeren Ambitionen. Insofern ist das Genre ‚Familienfilm’ eine feste Größe mit einigen legendären Beispielen wie z.B. „Das Fest“... more

  • Buch (nach dem gleichnamigen Roman von Timur Vermes) und Regie: David Wnendt Es wurde viel darüber geschrieben, was die Satire darf. Weniger oft wurde formuliert, was sie MUSS: nämlich neue Aspekte, neue verborgene Seiten im öffentlichen Bewusstsein provozieren; neue, bisher unbeachtete wunde Stellen im gesellschaftlichen Kontext benennen und bloßstellen. So gesehen ist „Er ist wieder da“ DIE Satire schlechthin. Denn die Ikone Hitler legt zwangsläufig den Finger auf einen der wundesten Punkte des deutschen Bewusstseins. Indem in diesem Film das Schlechthin-Böse auf einmal wieder unbehelligt und unwidersprochen sein Haupt erheben darf, muss sich jeder Zuschauer selbst hinterfragen: ‚wie hätte ich mich verhalten‘?... more

  • Buch: Lars Kraume, Olivier Guez; Regie: Lars Kraume Dass sich nun dicht hinter einander gleich zwei Filme mit der Figur des mutigen Frankfurter Staatsanwalts Fritz Bauer beschäftigen (neben "Der Staat gegen Fritz Bauer" dreht sich "Labyrinth des Schweigens" um dieselbe Figur), ist nicht sehr überraschend: Bauer erfüllt nahezu alle Voraussetzungen eines 'Helden', der mutig und selbstvergessen einer Hydra von Schweigen und Vertuschen gegenüber tritt, um ihr den Kopf abzuschlagen. Dass diese Hydra Monster wie den Massenmörder Adolf Eichmann hervor gebracht hat, macht die Geschichte nur umso kinotauglicher... more

  • Buch: Thomas Wendrich, Wolfgang Becker (nach dem Roman von Daniel Kehlmann) Regie: Wolfgang Becker Ein asiatisches Koan, das im Film eine große Rolle spielt, lautet: “Wenn du Nichts hast – wirf es weg”. Mit dieser paradoxalen und letztlich alles verneinenden Botschaft setzt sich “Ich und Kaminski” intensiv auseinander. Der sehr aufwändig und detailreich gestaltete Film kreist auf verschiedenen Ebenen um die Frage, ob es so etwas wie BEDEUTUNG gibt oder nicht. In der Behandlung dieser Frage ist geht er systematisch und konsequent (nämlich relativierend und letztlich verneinend) vor... more

  • Buch und Regie: Bora Dagtekin Wenn eine Komödie zum massenhaften Erfolg findet, muss sie mehr bieten als komische Konstellationen und reihenweise Gags. Der Erfolg von „Fack Ju Göthe“ hat das 2013 eindrucksvoll gezeigt: klarer Kontrast der Welten, wirkungsvolle Wertekonflikte, relevante Themen, deutliches Geben und Nehmen sowie dynamische Entwicklungen und starke Wunscherfüllungen boten zusätzlich zu den zahlreichen Witzen und lustigen Szenen sowie weiteren Erfolgsfaktoren die Grundlage für einen massiven Publikumsrenner. Im zweiten Teil wurde zwar einerseits viel geändert, aber in der Substanz sind alle erfolgreich gewesenen Wirkungsfelder erneut klar bespielt... more

  • Regie: Frieder Wittich / Buch: Frieder Wittich und Oliver Ziegenbalg nach dem Roman von Benedict Wells Die Romanverfilmung von BECKS LETZTER SOMMER beschäftigt sich zentral mit der Erfüllung von Lebensträumen. ROBERT BECK (Christian Ulmen) ist an der Umsetzung seiner früheren Wünsche vorläufig gescheitert. Seine Karriere als Songschreiber und Rocksänger hat er bereits vor Jahren gegen die Sicherheit eines Lehrerjobs eingetauscht. Seither leidet er unter der Banalität seines Berufsalltags more

  • Buch und Regie: Sebastian Schipper Das Hauptthema des Films ist die Beweglichkeit. Der Film führt vor, wie flüchtig das Leben sein kann. Innerhalb weniger Stunden mag sich mitunter das Geschehen auf den Kopf stellen. Es gilt, sich gegenüber den Herausforderungen selbst flexibel zu zeigen, aber auch aktiv und loyal gegenzusteuern. VICTORIA (Laia Costa) nimmt diese Herausforderung an. Sie schwimmt mit dem Tsunami der Ereignisse und kommt am Ende zwar schwer gezeichnet, aber auch gewachsen aus einem wahren Hexenkessel der Unvorhersehbarkeit hervor... more

  • Buch: Stefan Weigl; Regie: Johannes Naber Der Film gibt sich durch strenge formale Vorgaben (Beschränkung in Raum und Zeit, klare Kapiteltrennung, komplexe atonale Musik) von vornherein nicht den Anschein, ein Massenpublikum erreichen zu wollen. “Zeit der Kannibalen” ist eine eher hermetische schwarze Komödie, die offensichtlich um Überhöhung und parabelhafte Überzeichnung bemüht ist (insofern mit David Cronenbergs “Cosmopolis” vergleichbar). Daher ist man gut beraten, keine psychologische Tiefe zu erwarten: die Figuren geben nicht vor, komplex gebaute Individuen zu sein; vielmehr wird eher eine Art subversive Dekonstruktion des Raubtierkapitalismus angestrebt. ÖLLERS (Devid Striesow) und NIEDERLÄNDER (Sebastian Blomberg) leben in einem Parallel-Universum, das einerseits von blanker Gier, andererseits von weitgehender Leere bestimmt wird, nur ab und zu von phrasenhafter Sinnsuche durchbrochen... more

  • Buch und Regie: Maximilian Erlenwein Dass sich das Genrekino prinzipiell stereotypisierter Affekte (Gewalt, Blut, Schocks, übersinnliche Phänomene) bedient, ist eine Binsenweisheit. Man darf aber nicht vergessen, dass der Einsatz dieser Mittel stets dazu dient, um starke innere EMOTIONEN zum Ausdruck zu bringen (Aggressionen, Schuldgefühle, Rachegefühle). Der Unterschied zwischen dem Affekt und der Emotion liegt darin, dass ersterer als unmittelbarer äußerer Impuls sofort über die Leinwand kommt; letztere, also die sozial bedingte Emotion, spielt sich im Beziehungsgeflecht der Figuren ab und entfaltet sich erst langsam. Man liegt nicht falsch, wenn man konstatiert, dass die Schwierigkeiten, die das deutsche Kino mit dem Genrefilm hat, damit zu tun haben, dass in der Regel die Affekte wichtiger genommen werden als die Emotionen. Dabei zeichnet sich herausragendes Genrekino (z.B. ein Film wie “Drive”) dadurch aus, dass beides gleichermaßen bedient wird... more

  • FAMILIENFEST Buch: Benjamin Heisenberg, Josef Lechner Regie: Benjamin Heisenberg Der Film stellt – anders als sehr viele andere deutsche Komödien – die Begegnung zweier Menschen in den Mittelpunkt und beschäftigt sich mit deren problematischer, dann jedoch immer intensiveren Beziehung: “Über-Ich und Du” ist character-driven durch und durch. Der Mut, sich auf Inneres und Subtileres einzulassen, ist in einer Landschaft, in der häufig das Technisch-Plotorientierte Vorrang hat, zu begrüßen. Letztlich liegt die erzählerische Absicht eher darin, eine Begegnung zweier skurriler Weltbilder zu konfrontieren, als komplizierte Plot-Ideen auszuformulieren: so wird viel mit Ellipsen gearbeitet, die die Konsequenzen der Action eher andeuten, sowie mit vielen fast improvisatorisch wirkenden neuen Wendungen und Figuren, die nicht alle zu Ende gebracht werden... more

  • Buch: Heinrich Hadding, Pepe Danquart, nach dem Roman von Uri Orlev; Regie: Pepe Danquart Noch immer liefert die Geschichte des 2. Weltkriegs einen unerschöpflichen Vorrat an unglaublich erzählenswerten Geschichten. Selbstverständlich gehört das unter irrwitzig glücklichen und zugleich tragischen Umständen gelungene Überleben des kleinen SRULIK (Kamil Tkacz) dazu. Und selbstverständlich wirkt eine solche Geschichte zunächst filmisch ergiebig: die intensive Bindung des Jungen an den Auftrag des Vaters sorgt für massive Loyalität; die Zugehörigkeitsthematik, die den völlig auf sich selbst gestellten Jungen dazu zwingt, immer wieder weiter zu ziehen, wirkt ergreifend; der permanente Verlust von wichtigen Bezugspunkten (die Horde jüdischer Kinder; der Hund; die freundliche Bäuerin, deren Haus seinetwegen angezündet wird, usw.) sorgt für eine hohe emotionale Aufladung... more

  • Buch: Ilja Haller, Philipp Voges; Regie: Anno Saul Für gewöhnlich brauchen Filme dieses Genres und dieser Marktausrichtung in erster Linie zweierlei: genügend Lacher und eine emotional halbwegs stimmige Auflösung der Liebesgeschichte. Beide Bedürfnisse dürften von ‘Irre sind männlich’ zunächst befriedigt werden. Die Welt der Familienaufstellungen und Therapien bietet genügend Raum, um aus dem Tragisch-Emotionalen auch das Komische heraus zu kitzeln – auch wenn dies in den meisten Fällen auf ein Fremdschämen auf Kosten anderer hinausläuft. Dem Zielpublikum dürfte dies mehrheitlich entgegen kommen. Allerdings dürfte den überwiegend jungen Zuschauern die Welt der Familienaufstellungen eher fremd und nicht besonders aufregend erscheinen... more

  • Buch und Regie: Doris Dörrie Im Kern dreht sich der erzählerische Ansatz um einen Gegensatz von Vergangenheit (Backstory) und Gegenwart. Vor 30 Jahren lebte INGRID (Hannelore Elsner) mit ihrer Tochter APPLE (Nadja Uhl) am Strand von Torremolinos als leichtlebige Hippie-Aussteigerin. Heute kuriert sie am selben Ort die Folgen ihrer Hüftoperation und begegnet dort TIM (Hinnerk Schönemann), der sich jetzt TINA nennt und als Transvestit eher kümmerlich vegetiert. Tim/Tina gibt Ingrid die Schuld am Selbstmord seiner Mutter, weil sie, Ingrid, damals mit seinem/ihrem VATER (Peter Striebeck) Sex hatte. Heute treffen die Beteiligten von damals, emotional abgekühlt, wieder aufeinander. Und hier begibt sich, trotz aller Konflikte, das vom Dialog immer wieder herbeizitierte ‘Wunder’, dass die Kinderfreunde Apple und Tim sich neu verlieben. more

  • Buch: Ralf Husmann; Regie: Arne Feldhusen Die Figur des BERND STROMBERG (Christoph Maria Herbst) gilt allgemein als Paradebeispiel für ‘Negative Hauptfiguren’. Zunächst ist das nicht überraschend: die Figur ist primär dazu erfunden worden, ein Fremdschämen auf möglichst breiter Front zu ermöglichen. Stromberg ist übergriffig, peinlich, rassistisch usw. Seine zentrale Problematik liegt in der Diskrepanz zwischen Selbst-und Fremdwahrnehmung. Indem wir alle vor dieser beschämenden Problematik Angst haben, liegt hier auch die universelle Attraktivität der Figur: Stromberg tritt stellvertretend in all die Fettnäpfchen, vor denen wir Zuschauer selbst Angst haben. Darin liegt die kathartische Wirkung der Auseinandersetzung mit der Figur... more

  • Buch: Esther Bernstorff; Regie: Lars Kraume Die filmische Auseiandersetzung mit Themen über Krankheit und Tod und hat im Kino Konjunktur. Während vielerorts das Geschichtenerzählen sich auf soziale Themen beschränkt, wo das WIR (also Leben im Sozialen) im Vordergrund steht, rückt bei der Auseinandersetzung mit Schicksalhaftem, welches von Menschen nicht gesteuert und kontrolliert werden kann, ein ES in den Vordergrund: ein Sich-Unterwerfen-Müssen gegenüber einem höheren Geschick, das wir als ungerecht, aber unverrückbar erleben.. more

  • Buch: Gerhard Polt, Frederick Baker; Regie: Frederick Baker Das Thema des unbedarften Dilettanten zieht sich in Werken von Jacques Tati, Woody Allen, Loriot oder den Coen-Brothers als tragikomische Spur durch die Filmgeschichte. Es entstanden z.T. großartige Filme auf Grundlage einer Figur, deren Wollen größer ist als ihr Vermögen. In all diesen gelungenen Beispielen allerdings galt stets ein ehernes Gesetz: die Hauptfigur darf dilettantisch sein – der Film nicht. Denn das Gegenteil von ‘Gut’ ist laut Karl Kraus ‘Gut gemeint’... more

  • Buch: Peter Thorwarth, Stefan Holtz nach dem Roman von Ralf Husmann; Regie: Peter Thorwarth Die erste und wichtigste Voraussetzung für eine gelungene Komödie besteht im Culture Clash gegensätzlicher Denkmuster und Wertmaßstäbe. Dieser liegt hier vor. TILL (Axel Stein) ist anfangs ein verklemmter, triebgehemmter Bankangestellter. NAPPO (Moritz Bleibtreu) das komplette Gegenteil. Eine plausibel eingeführte Plot-Wendung schweißt die beiden für einige Zeit zusammen und lässt die Unterschiede massiv aufeinanderprallen. Mit Lustgewinn... more

  • Buch und Regie: Michael Bully Herbig Grundsätzlich birgt das Thema “Schutzengel” hohes zwischenmenschliches Potenzial. Die Sehnsucht vieler Menschen nach einer exklusiven persönlichen Bindung, die einen auch in schlimmen und einsamen Momenten nicht verlässt, ist groß. Zudem fungieren Schutzengel (jedenfalls im Kino, und also auch in “Buddy”) als spirituelle Instanz: sie sagen uns, was richtig und falsch ist. Auf diese Art und Weise wird der dramaturgisch wichtige Wertekonflikt etabliert. Einem verantwortungslosen und verwöhnten Typ wie EDDIE (Alexander Fehling) tut es einerseits gut, sich von höherer Seite die Leviten lesen zu lassen – andererseits wehrt er sich natürlich auch dagegen, sein Lebenskonzept zu ändern. Schon ist der Grundkonflikt wirkungsvoll etabliert. Insofern stecken eine Menge Möglichkeiten im Setting dieses Films. more

  • Buch und Regie: Katrin Gebbe Es klingt paradox und widersinnig, diesen Film einer Unterhaltungsbranche zuzurechnen und sich Gedanken über die Erfolgsaussichten machen zu wollen. “Tore tanzt” gehört ganz sicher nicht zu einem Kino, das sich die Zustimmung von Mehrheiten erhofft; aber auch zu keinem Kino, welches einem ästhetischen Kunstideal folgt (wie man das von “La Grande Bellezza” oder “Die andere Heimat” sagen könnte.) Der Film rechnet sich vielmehr einem philosophischen Diskurs zugehörig, der die menschliche Natur auslotet, üblicherweise zwischen Buchdeckeln verhandelt wird und nur in diesem Fall im Kino seine Heimat findet. Dieser Diskurs ist unangenehm, aber er muss geführt werden... more

  • Drehbuch: Martin Gypkens, Klaus Richter, nach dem Roman von Markus Werner; Regie: Markus Imboden Wenn einfache Gegensätze und Antagonismen die Grundvoraussetzung für starkes Storytelling sind, dann hat „Am Hang“ zunächst sehr gute Karten. Denn unterschiedlicher könnten die Vorstellung von Liebe und Paarbeziehung kaum sein als die zwischen FELIX (Henry Hübchen) und THOMAS (Max Simonitschek). Der eine idealisiert seine Ex-Frau auf verkrampft-obsessive Art und Weise; der andere erwartet sich vom Leben nichts anderes als ständig wechselnde Liebschaften. Dauerhaftigkeit und Treue (Felix würde sagen: „wahre Liebe“) sind in Thomas’ Weltbild nicht vorgesehen. Weite Teile des Films sind einer eher theoretischen Wertediskussion über diese Grundsätze vorbehalten, wobei Felix tendenziell beim Zuschauer die besseren Karten hat, weil er sich emotional mehr öffnet und mehr von sich und seiner Wut preisgibt als der distanziert-souveräne Thomas... more

  • Buch und Regie: Caroline Link Die erzählerische Absicht des Films scheint die leisen Töne zu suchen. “Exit Marrakech” folgt der zunächst eher unspektakulären Reise von BEN (Samuel Schneider), der in Marokko seinen Vater HEINRICH (Ulrich Tukur) besucht. Bens Problem scheint darin zu bestehen, sich vom Vater nicht wirklich gesehen, gewürdigt, gewertschätzt zu fühlen – ohne dies allerdings klar benennen zu können (bezeichnender Weise erwähnt der Schuldirektor explizit die Worte “Ich sehe dich, Ben!” Ein Hinweis, dem der Film aber später nicht mehr nachgeht). In Ben lebt ein kaum je klar artikulierter, aber spürbarer Groll gegen Heinrich. Bens Form der Rebellion besteht darin, sich spontan auf eine Reise mit der Prostituierten KARIMA (Hafsia Herzi) einzulassen und so den Vater zu zwingen, sich endlich mal auf ihn zu fokussieren. more

  • Buch: Dirk Ahner (nach dem Roman von Florian Beckerhoff) Regie: Markus Goller Die Prämisse der Geschichte beruht auf einem Akt von Geben und Nehmen. Zunächst ist es SASCHA (Matthias Schweighöfer), der aus reiner Gutherzigkeit nicht mit ansehen will, wie die einsame FRAU ELLA (Ruth-Maria Kubitschek) einer gefährlichen und unnötigen Operation unterzogen werden soll, und diese in der Folge aus der gefährlichen Zwangslage rettet. Darin liegt bereits viel ‘human factor’. Frau Ella wiederum erkennt, dass Sascha in einer schwierigen Entscheidungssituation steckt: er ist dabei, die Beziehung zu seiner Freundin LINA (Anna Bederke) wegen deren Schwangerschaft aufs Spiel zu setzen. Frau Ella setzt sich tätig dafür ein, dass Sascha hier keinen Fehler macht: sie versucht, ihm die Augen zu öffnen. Im Austausch dafür wiederum sorgt Sascha gemeinsam mit seinem Freund KLAUS (August Diehl) dafür, dass sich Frau Ella einen nie mehr für möglich gehaltenen Lebenstraum erfüllen kann… Dieses warmherzige Füreinander-Einstehen sichert der Geschichte bis zum Schluss eine starke, menschenfreundliche Emotion... more

  • Buch und Regie: Bora Dagtekin Im Grunde liegt die halbe Miete für eine wirklich zündende Komödie im Finden einer Prämisse: sie sollte möglichst Unvereinbares, Inkompatibles, in sich Widersprüchliches beinhalten, die – durch welche Umstände auch immer – dann irgendwann sich als vereinbar erweisen. In dieser Hinsicht ist die Grundidee von “Fack ju Göhte” kaum zu schlagen. Was wäre absurder, komischer, dramatischer, als ein entlaufener ungebildeter Strafgefangener, der auf der Suche nach einem vergrabenen Schatz durch eine dumme Verwechslung ausgerechnet als Lehrer einer Gesamtschule Anstellung findet?! Ein Rabauke und Übeltäter als Vermittler von pädagogischen Werten der Hochkultur? Was für ein Coup! more

  • Buch: Kilian Riedhof, Marc Blöbaum; Regie: Kilian Riedhof Im Falle eines Films, der seine Erzählabsicht, also das “Want” der Hauptfigur bereits im Titel trägt, braucht man die Vorhersehbarkeit nicht mehr als Makel anzukreiden. Offensichtlich wollen die Autoren hier nichts anderes, als das letzte Aufbäumen eines Mannes zu zeigen, den alle schon abgeschrieben haben. PAUL (Didi Hallervorden) war zwar früher ein legendärer Marathonläufer. Heute jedoch vegetiert er in einer Art Edel-Altersheim, wo er insbesondere unter dem rigide lebensfeindlichen Regime von RITA (Katrin Sass) zu leiden hat. Dass Paul mit diesem letzten Rennen einen persönlichen Sieg davontragen wird, dürfte am Ende niemanden überraschen. Insofern bleibt die dramaturgisch oft wirkungsvolle Schere zwischen “Want” und “Need” hier geschlossen: was Paul sich schon früh vorgenommen hat, wird er auch erreichen. Diese Vorhersehbarkeit ist ein Defizit, mit dem man umgehen muss... more

  • Buch: Gert Heidenreich, Edgar Reitz; Regie: Edgar Reitz Inzwischen ist der Begriff “Heimat” ja nach drei Fernsehserien über drei Jahrzehnte fast schon zu einer Marke geworden. Nicht nur hinsichtlich des Ortes, von dem die bisherigen Folgen der Edgar-Reitz-Serie handelte, nämlich dem Dorf Schabbach im Hunsrück. Auch hinsichtlich eines Erzählprinzips, einer ausgesprochen epischen Grundhaltung gegenüber Menschen und Geschichte. Daran hat sich auch im 4. Teil “Die andere Heimat” nichts geändert. Dass der Film sich einem epischen (und eben nicht dramatischen) Erzählprinzip verschrieben hat, erkennt man u.a. auch daran, dass gegen Ende nach dem eigentlich dramaturgisch abschließenden Ereignis – der Abreise von GUSTAV (Maximilian Scheibt) und JETTCHEN (Antonia Bill) nach Brasilien – noch immer sehr viel Zeit vergeht. Der Bogen schließt sich erst, nachdem der erste Brief aus der Fremde in der Heimat ankommt. Solches Erzählen erfordert viel Zeit. Und die nimmt sich der Film in seltener Radikalität. Die enorme Länge des Films ist einer der Punkte, der dem Publikum den Zugang im ersten Moment scheinbar erschwert. Hinzu kommt auch das düstere Schwarz/Weiß, die komplexe Musik, die schwer verständliche Sprache... more

  • Buch: Rochus Hahn, Uschi Reich (nach dem Roman von Sabine Hagema); Regie: Vivian Naefe Das Alleinstellungsmerkmal ist groß. “Der Geschmack von Apfelkernen” bietet geduldiges, ruhiges Erzählen von Familiengeschichten über mehrere Generationen. Der homogen durchgehaltene Erzählduktus ist unspektakulär, eher an den kleinen Dingen des Alltags orientiert – und damit gewiss schwerpunktmäßig eher für Frauen geeignet. Der Fokus liegt eindeutig nicht auf Action oder Spannung. Wichtiger sind feine, poetische, mitunter magisch überhöhte Szenen. Man taucht in eine Welt, die sich ganz der sentimentalen “Es war einmal”-Vergangenheitsbewältigung widmet. Es gibt derzeit wenige Filme, die ein so klares Angebot an ein so klar umrissenes Zielpublikum machen... more

  • Buch: Sven-Frederik Otto in einer Bearbeitung von Florian David Fitz; Regie: Holger Haase Die Erzählabsicht des Films ist spätestens vom Schlussbild her klar zu erkennen: es geht darum, dass drei Männer (Großvater, Vater, Sohn) zueinander und, vor allem, zu den von ihnen begehrten Frauen finden. Trotz aller familiären Brüche soll ein neues Miteinander entstehen. Das Motto dazu liefert der Film in bester ‘human-factor’-Manier gleich selbst mit: ‘wer andere für sich gewinnen will, muss teilen können’. Wahre Worte. more

  • Buch und Regie: Antonin Svoboda Wilhelm Reich ist eine berüchtigte, bunt schillernde Figur des 20.Jahrhunderts. Sein Leben gäbe sicher Stoff für 10 Spielfilme her. Überwiegend dürfte er heute als jener Sexguru bekannt sein, der während der 68er- Zeit als Urvater der sexuellen Befreiung gefeiert wurde. Wer allerdings in “Der Fall Wilhelm Reich” auf diesen berüchtigten Fürsprecher des Orgasmus zu treffen hofft, wird enttäuscht sein. Der Film fokussiert sich auf die letzten Jahre, in denen der jüdisch-österreichische Exilant, Ex-Kommunist und Psychoanalytiker verstärkt mit der amerikanischen Obrigkeit in Konflikt geriet. Der Antagonismus verläuft also nicht, wie man zunächst annehmen könnte, zwischen einer prüden Gesellschaft und dem Emanzipator des Sexuellen. Die Spannung entsteht eher zwischen einer Lehre, die sich dem Lebendigen, Vitalen, Komplexen verschreibt – und einer Staatsmaschinerie, die mit Angst, Gewalt und Verboten dagegen zu agieren sucht. Und die am Ende leider siegt. more

  • Buch und Regie: Tobias Wiemann Für den prägnanten, trennscharfen Auftritt eines Films am Kinomarkt hilft es, wenn sich die erzählerische Absicht möglichst eindeutig durch einen Antagonismus definieren lässt. So liegt z.B. die erzählerische Absicht von „Ziemlich beste Freunde“ darin, zu zeigen, dass gegenseitige Hilfeleistungen auch gegen den Widerstand extremer Standesunterschiede möglich sind. Der Antagonismus liegt dort in der Schilderung gegensätzlicher Wertvorstellungen... more

  • Buch: Claus Falkenberg und David Wnendt; Regie: David Wnendt In Bezug auf das Marketing von Filmen wird oft von dem sogenannten Want-to-see-Effekt gesprochen. In Bezug auf die Verfilmung des kontroversen Bestseller Buches „Feuchtgebiete“ trifft das Gegenteil zu. Der Film ist reich an Szenen und Illustrationen, die für reinliche Hygieneliebhaber nur schwer erträglich sind und eher nicht gern gesehen werden wollen. Alle Körperflüssigkeiten werden nicht nur ausgesprochen, sondern auch ausgiebig gezeigt. Dabei werden auch für viele unappetitliche Kombinationen wie Pizza und Sperma oder Scheidensekret und Zunge oder dreckige Klobrillen und Lippen nicht ausgespart. Das sichert dem Spielfilm ein außerordentliches Alleinstellungsmerkmal auf der sinnlichen Reizebene. So wurden Maden, Würmer, Bakterien, Körpersäfte, Geschlechtsteile, Intimrasuren, Hämorrhoiden oder Analfantasien im breitenwirksamen deutschen Mainstreamkino bisher nicht gezeigt. Der Film stellt also zunächst mal eine visuell einzigartige Herausforderung dar, die selbst in sexualisierten Zeiten und leicht zugänglichen Pornos aller Art im Internet für Aufsehen sorgt... more

  • Buch und Regie: Boris Kunz Emotional überzeugende Liebesfilme vermitteln dem Zuschauer nachvollziehbar, was die beiden Menschen verbindet, was sie teilen und austauschen. In „Drei Stunden“ von Boris Kunz wird anfangs auf witzige und überzeugende Weise erzählt, warum die Zufallsbegegnungen zwischen ISABEL (Claudia Eisinger) und MARTIN (Nicholas Reinke) in der Lage sind, eine Beziehung herzustellen. Beide Charaktere brennen für das, was sie anstreben. Isabel setzt sich engagiert gegen genmanipuliertes Saatgut ein, während Martin voller Commitment ein Theaterstück entwickelt. Die beiden werden von Anfang an mit Hilfe ihrer Auseinandersetzungen um ihre unterschiedlichen Haltungen und Ziele plastisch und reich gestaltet... more

  • Buch: David Ungureit, Thomas Winkler, Rainer Ewerrien Regie: Wolfgang Groos Wenn musikalische Erfolgsträume filmisch bearbeitet werden, folgt die Dramaturgie oft ähnlichen Mustern: Nachwuchsmusiker wollen erfolgreich sein, bekommen zunächst eine Chance, die dann bei der Realisierung scheitert, um schlussendlich doch noch den großen Erfolg zu erleben. Erzählformen dieser Art brauchen erhebliche Zusatzdynamik und wirksam gestaltete Prozesse, damit sie sich erfolgreich aus dem Durchschnitt abheben (was übrigens auch für das hier ebenfalls bediente Muster der romantischen Komödie gilt)... more

  • Buch: Horst Markwart, Pia Marais; Regie: Pia Marais Schon in seiner Erzähltechnik gibt sich der Film konsequent verschlossen. Wichtige Ereignisse werden willentlich elliptisch ausgelassen und so ins Off verlegt. “Layla Fourie” erfordert also ein aktives, aufmerksames Zuende-Denken und macht es so dem Zuschauer zunächst nicht leicht... more

  • Buch: Gernot Griksch; Regie: André Erkau Die Familie Färber hat nicht nur den plötzlichen Tod der Mutter zu verkraften, sondern auch noch die Krebsdiagnose der Oma GERLINDE (Christine Schorn). Um ihren Sohn MARKUS (Wotan Wilke Möhring) und die Enkelin KIM (Helen Woigh) nicht zu sehr zu belasten, zieht es die Oma vor, ihr Leiden für sich allein zu behalten bzw. mit der Pflegerin PAULA (Rosalie Thomass) alleine klar zu kommen. more

  • Buch: Nina Grosse (nach dem Roman von Bernhard Schlink) Regie: Nina Grosse Die Grundvoraussetzung für attraktives Erzählen wird zunächst erfüllt: als der Ex-Terrorist JENS (Sebastian Koch) entlassen wird, erscheint er nach 18 Jahren Haft wie ein Fossil, ein Mensch aus einer anderen Zeit und Welt. Zumal sich in seiner inneren Einstellung nicht allzu viel geändert zu haben scheint. Er glaubt immer noch an den bewaffneten Kampf als Mittel zu Veränderung (Verbesserung) der Welt. Damit steht er im schneidenden Kontrast zu den Menschen, auf die er im Wochenendhaus seiner Schwester TINA (Barbara Auer) trifft. Der culture clash zwischen einem linken Aktivisten und einer Gesellschaft, die sich mehr Sorgen um Schinken und Trüffel macht, ist kaum zu überbieten. more

  • Buch: Lea Schmidbauer, Christina-Magdalena Henn Regie: Katja v. Garnier Die emotionale Qualität eines Films hängt im Wesentlichen von zwei Faktoren ab: der Intensität der Beziehung und der Klarheit des Konfliktfelds. In beiden Kategorien erreicht “Ostwind” Erstaunliches – und schafft so beste Voraussetzungen, um im Genre “Kinder-und Jugendfilm” Maßstäbe zu setzen... more

  • Buch und Regie: Sven Regener, Leander Haussmann Im Falle eines Films, der so offensichtlich nicht ernst gemeint ist, mag es humorlos wirken, wenn er trotzdem ernst betrachtet wird. “Haialarm am Müggelsee” ist unübersehbar eine Blödelei, ein anarchisch-durchgeknallte, sinnfreie Spielerei mit dem Unerwarteten und dadurch Absurden. Dennoch darf man sich aus dramaturgischer Sicht die Frage stellen, WARUM es eigentlich hier durchgehend gelingt, Erwartungen aufzubauen, die dann zuverlässig gebrochen werden. Denn um Erwartungen zu erzeugen, braucht es doch logische Ursache-Wirkungs-Mechanismen. Und wenn man genau hinschaut, liegen diese hier auch vor. Sogar in einer recht methodischen, theoretisch durchstrukturierten Klarheit, die bei einem solch scheinbar spontanen Unterfangen überrascht... more

  • Buch: Ruth Toma, nach Bernd Eichinger; Regie: Sherry Hormon Das Verbrechen an Natascha Kampusch hielt und hält die Welt in Atem. Dabei stehen dreierlei Aspekte im Vordergrund: 1. die Empathie mit dem Opfer. Es scheint schier unglaublich, wie man als kleines Mädchen bzw. junge Frau über Jahre hinweg die Kraft der Selbstbehauptung erhalten und nicht an Leib und Seele vernichtet werden kann. 2. die Psychologie des Täters. Die Mischung aus Sadismus und Bedürftigkeit, aus psychischer Störung und methodischer Genauigkeit des Wolfgang Prokupil weckt natürlich unser Interesse 3. die Qualität der Beziehung. In die Frage, wie sich die Täter-Opfer-Beziehung über die Jahre entwickelt, verschoben und gewandelt haben mag, fliesst natürlich deshalb am meisten Spekulation ein, weil sich Frau Kampusch bis heute aus guten Gründen weigert, über die Natur der sexuellen Beziehung Auskunft zu geben... more

  • Buch: Til Schweiger, Bela Jarczyk; Regie: Til Schweiger, Torsten Künstler Der originale “Kokowääh”, der 2011 in die Kinos kam, basierte auf einem dramaturgisch schlüssigen Grundkonflikt. Da war die kleine MAGDALENA (Emma Schweiger), die zwischen der abwesenden Mutter, dem biologischen Vater und dem Stiefvater hin-und hergeschoben wurde. Die Empathie lag selbst verständlich voll beim vernachlässigten Kind, während die handlungswirksame aktive Frage bei HENRY (Til Schweiger) lag. Er musste sich entscheiden, ob er sein bis dahin erotomanisches Leben für immer so weiter führen, oder Verantwortung übernehmen will. Daraus entstand bekanntlich ein gewaltiger Publikumserfolg – was sich auf Drehbuchbasis durchaus erklären und rechtfertigen ließ. Natürlich wird man auch beim originalen “Kokowääh” kritisieren können, dass vieles mechanistisch, reißbrettartig und absolut vorhersehbar wirktr. Aber eben gerade die Vorhersehbarkeit – üblicherweise als dramaturgische Schwäche gebranntmarkt – erweist sich bei diesem Genre und diesem Zielpublikum als Garant der Publikumswirksamkeit. Die Zielgruppe dieser Filme will eben mehrheitlich NICHT überrascht werden. Man mag sich wundern, muss das aber zum Erfolgsgeheimnis hinzu rechnen. more

  • Buch: Veronika Franz, Ulrich Seidl; Regie: Ulrich Seidl Eine der zentralen Voraussetzungen für starkes, wirkungsvolles Kino ist die klare HALTUNG der Protagonisten. Je eindeutiger sich die Wertewelt der Figuren erschließt, desto besser fürs Publikum. Diesbezüglich hat “Paradies: Glaube” sehr gute Karten. MARIA (Maria Hofstätter) ist an radikaler christlich-katholischer Überzeugung kaum zu überbieten. Darin streift sie mitunter schon die Grenze zur Parodie... more

  • Buch: Pam Katz, Margarethe v.Trotta Regie: Margarethe v.Trotta Der Ansatz der Films ist betont undramatisch: auf alle Versuche, Geschehnisse zu intensivieren, beschleunigen, in ihrer Dramatik anzuheizen, wurde verzichtet. Auch Simplifizierungen, um die mitunter doch anspruchsvollen Denkprozesse “bekömmlicher” zu gestalten, findet man nicht. Der Duktus ist ruhig, fast dokumentarisch. Damit wird er dem Sujet gerecht, bei dem es in erster Linie um Fragen des Denkens, der intellektuellen Moral und Aufrichtigkeit geht. Äußere Spannung, gar Action sucht man in diesem Film vergebens... more

  • Buch und Regie: Hanna Doose „Kein Drehbuch. Kein Film.“ lautete mal eine Werbekampagne des Verbands Deutscher Drehbuchautoren, die im Prinzip für Spielfilme sinnvoll erscheint. Allerdings gibt es von dieser Regel Ausnahmen, die zeigen, dass sich auch über freie Improvisationsformen wirkungsvolle Kinofilme erzeugen lassen. „Dicke Mädchen“ ist ein aktuelles Beispiel dafür, aber auch „Die Libelle und das Nashorn“. Beide Filme sind mit minimalen Entwicklungs- und Herstellungskosten entstanden, haben aber dennoch in unterschiedlicher Art und Weise ausreichend funktioniert, um auf Festivals und in Kinos mehrere tausend Besucher zu unterhalten. Es lässt sich in dieser Hinsicht auch an die Filme von Jan Georg Schütte denken. more

  • Buch: Ursula Gruber (basierend auf der Vorlage von Franziska Gehm); Regie: Wolfgang Groos Schon die erfolgreiche Kinderbuch-Reihe entwirft einen Konflikt, der gut nachvollziehbar ist und bei vielen Kindern seine Wirkung entfalten kann: die beiden Schwestern SILVANIA (Marta Martin) und DAKARIA TEPES (Laura Roge) sind Mängelwesen – halb Vampir und halb Mensch. Damit sind die beiden entscheidenden Pole, zwischen denen sich die Geschichte ausgiebig entfalten kann, wirkungsrelevant gesetzt. Beide sind mit sich und mit dem auslösenden Moment nicht zufrieden: während sich Silvania auf den Umzug von Transsylvanien in eine deutsche Kleinstadt freut, weil sie lieber ein vollständiger Mensch sein will, kann sich Dakaria nicht mit dem Wechsel der Welten anfreunden, da sie sich wünscht, nur Vampir zu sein... more

  • Buch und Regie: Marie Noelle, Peter Sehr Die dramaturgische Aufarbeitung eines kompletten und komplexen biografischen Lebensbogens fällt in der Regel schwer: ohne eine klare, übergeordnete Konfliktspannung droht eine filmische Aufarbeitung biografischer Fakten ins Beliebige zu zerfallen. Diese Gefahr scheint in “Ludwig II.” gebannt. Man erkennt früh, “worum es geht”. Der Wertantagonismus ist klar: LUDWIG (Sabin Tambrea) sieht bei seinem Machtantritt die Chance, eine schönere, gerechtere, musikalischere Welt zu erschaffen. Dazu sucht er die Mithilfe von RICHARD WAGNER (Edgar Selge) und seines Vertrauten LUTZ (Justus v.Dohnanyi). Ludwigs pazifistischen und träumerischen Visionen stehen die Realpolitiker gegenüber, die ihn in den Krieg mit Preussen treiben wollen... more

  • Buch und Regie: Lola Randl Der Vergleich mit dem berühmten Vorbild “Lost in Translation” liegt natürlich nahe: auch “Die Libelle und das Nashorn” verhandelt eine Zufallsbegegnung einer jüngeren Frau und eines älteren Mannes im Ambiente eines Luxushotels. Beide male sieht sich die Frau von ihrem Liebhaber verlassen, beide male kommuniziert der Mann mit per Telefon mit Zuhause; und beide male liegt eine leise erotische Spannung in der Luft, die jedoch nie wirklich zum Höhepunkt kommt.Hat damit “Die Libelle und das Nashorn” reelle Chancen, ähnliche Besucherrekorde zu erzielen, wie das dem Film von Sofia Coppola gelang? Ganz sicher nicht. Denn eine ganz entscheidende Kraft fehlt in Lola Randls Film: der Culture Clash... more

  • Buch und Regie: Jan Ole Gerster Wer erfahren will, was der Terminus ‘character-driven’ im filmischen Erzählen meint, der kann das in “Oh Boy” studieren. Denn “Oh Boy” beschreibt nicht viel mehr als einen Charakter, eine Figur, eine HALTUNG zur Welt. Dieser NIKO (Tom Schillings) repräsentiert einen ganz bestimmten Gestus, der in diesem Film quer zu den Leuten um ihn herum steht. Niko kann sich für alles interessieren, er kann überall mitgehen und für einen bestimmten Zeitrahmen den Menschen um sich her das Gefühl des Miteinanders geben. Aber am Ende des Tages steigt er auf niemanden und nichts so richtig ein... more

  • Buch: Gabriela Sperl, Jane Ainscough; Regie: Tomy Wigand Der Film verfolgt zwei Handlungsfäden. Auf der einen Seite steht die Auseinandersetzung der OMA MARGUERITA (Marianne Sägebrecht) mit ihrer kontrollsüchtigen Tochter MARIE (Annette Frier). Die Tochter glaubt immer zu wissen, was gut für die Oma ist – während wir Zuschauer ganz klar sehen, dass das nicht stimmt. Denn Omas Wunsch, nach Rom zu fahren und eine Audienz beim Papst zu erhalten, ist keine Marotte. Oma meint es ernst und fährt zur Not auch auf eigene Faust zu ihrer Enkelin MARTINA (Miriam Stein), die in Rom mit einem Rockmusiker (wenn auch nur vorübergehend) glücklich ist. Auch die Enkelin hat ihre liebe Not mit der Übergriffigkeit der Mutter. So machen Oma und Martina gemeinsame Sache – bis Marie überraschend in der ewigen Stadt ankommt und sich das Familiendrama vertieft, wobei die genreüblichen Geheimnisse gelüftet werden (aber der Film an Tempo verliert)... more

  • Buch: Gernot Kricksch; Regie: Sönke Wortmann Egal wie sich die Moralvorstellungen in der Gesellschaft verändern: Das Thema “Hochzeit” hat im Kino unverändert Konjunktur. Dramaturgisch betrachtet ist das kein Wunder. Schließlich garantiert jede Eheschließung die beiden wichtigsten Spannungselemente des Geschichtenerzählens: die zwischenmenschliche Beziehung und den Konflikt. Denn wenn zwei Familien, zwei Wertsysteme, zwei Kulturen aufeinander prallen und nun miteinander ein Auskommen finden müssen, kann es gewaltig krachen. more

  • Buch: Julian Roman Pölsler (nach dem Roman von Marlen Haushofer); Regie: Julian Roman Pölsler Rein dramaturgisch betrachtet kann man “Die Wand” als Gegenstück zum kürzlich gestarteten “Liebe” (Michael Haneke) sehen. In “Liebe” war nach langer, ereignisarmer Zeit nur EIN einziger, dafür wirkungsmächtiger Wendepunkt zu beobachten gewesen. In “Die Wand” verhält es es sich genau andersherum. Auch hier gibt es nur einen Wendepunkt – doch dieser liegt, dafür sehr spektakulär, eher am Anfang. Wenn die namenlose FRAU (Martina Gedeck) erkennen muss, dass sie aus ihrer einsamen Bergwelt keinen Ausweg erwarten darf, trifft uns das wie ein Schock. Sie prallt eben gegen jene titelgebende unsichtbare Wand, an der sie fortan bis zum Schluss abprallen wird... more

  • Buch: Anna + Dietrich Brüggemann; Regie: Dietrich Brüggemann Die leider viel zu früh verstorbene Dagmar Benke zeigte in ihrem Buch “Freistil” (2002), dass in der Kinolandschaft neben dem allgemein vorherrschenden dramatischen Erzählen, das auf individuelle Konflikte und Entscheidungssituationen zuläuft, durchaus auch das Epische seinen Platz hat. Entsprechend wird man die Erzählstruktur von “3 Zimmer, Küche, Bad” eindeutig dem Epischen zurechnen. Der Film bildet einen langen ruhigen Fluss, in dem sich eine bunte Truppe von Figuren von Umzug zu Umzug, von Liebschaft zu Liebschaft, von Krise zu Krise bewegt, ohne dabei allzu große dramatische äußere oder innere Entwicklungen zu durchlaufen. Dieser Erzählduktus wird sehr konsequent durchgehalten... more

  • Buch: Hans Rath, Marc Rothemund; Regie: Marc Rothemund “Mann tut was Mann kann” wirkt anfänglich wie ein Mosaik von Szenen, deren innerer Zusammenhang sich erst langsam erschließt – denn die übergeordnete Idee, das “WANT”, das den Protagonisten PAUL (Wotan Wilke Möhring) antreibt, fehlt. Insofern lässt sich hier gut studieren, was passiert, wenn das Drehbuch auf eine äußere Zielsetzung verzichtet. Zunächst entsteht ein eher langsamer, tastend mäandernder Rhythmus. Man kann das kritisieren, denn in der Komödie ist die Langsamkeit grundsätzlich eher nicht förderlich. Doch eigentlich passt dieses richtungslose Dahin-Treiben ganz gut zur Hauptfigur. Denn das Problem von Paul besteht gerade darin, dass er nicht weiß, was er will. Sein Dilemma liegt in der Diskrepanz von eigentlich geordneten Lebensverhältnissen (guter Job, gute Freunde, unverbindlicher Sex), und dem Gefühl, die Treue zu sich selbst nicht gefunden zu haben und nicht zu wissen, wohin die Reise seines Lebens gehen soll... more

  • Buch: Stephen Butchard, Til Schweiger; Regie: Til Schweiger Der Film verfolgt erkennbar die Absicht, Spielmuster des amerikanischen Action-Kinos auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Das zieht zwangsläufig Folgen nach sich: denn natürlich sind die politischen, juristischen und geografischen Verhältnisse in unserem Land völlig anders als in den USA – weshalb in “Schutzengel” vieles unwahrscheinlich oder unplausibel wirken muss. Im dicht besiedelten Deutschland haben gewalttätige Kugelhagel eben einen völlig anderen Stellenwert und andere Wahrscheinlichkeitsraten als im amerikanischen Mittelwesten. Von daher muss man auf der rationalen Ebene einige Augen zudrücken: “realistisch” ist hier vieles nicht (vor allem nicht die arg wundersame Rettung des Helden aus höchster Not kurz vor Schluss). Auf dieser Ebene bekam “Schutzengel” von Seiten der Kritik auch eine Menge Häme ab. Sie vergisst, dass Unwahrscheinlichkeiten auch bei prominenten amerikanischen Vorbildern oft zu finden sind... more

  • Buch und Regie: Michael Haneke Man kann sich der dramaturgischen Analyse dieses Films sicherlich auch mit den gängigen Parametern nähern. Man kann z.B. die zentrale Beziehung ins Auge zu fassen: ganz offensichtlich herrscht zwischen der Klavierprofessorin ANNE (Emmanuelle Riva) und ihrem Mann GEORGES (Jean-Luis Trintignant) eine große Nähe, die uns hilft, emotional zu folgen. Man kann aber auch den grundlegenden Konflikt benennen, der sich selbstverständlich in Annes graduellem körperlichem und mentalem Verfall manifestiert – der Antagonist ist niemand anderes als der Tod. Man kann auch die soziale Bewegungsrichtung definieren: alles dreht sich um den Versuch der Abschottung und Isolation; Georges will mit seiner Frau und seinem Lebensdrama allein sein, er grenzt sogar die Tochter EVA (Isabelle Huppert) aus (umso bizarrer dann der finale, lang zelebrierte Kampf mit der Taube, die gleichsam zum ungewollten Zeugen seines Verbrechens wird). Man mag sogar, wenn man will, eine 3-Akt-Struktur erkennen, usf... more

  • Buch: Bernd Lange; Regie: Hans-Christian Schmid Der Film gehört zur Gruppe jener Filme, die sich gegenwärtig mit dem Thema der psychischen Krankheit beschäftigen (”Die Summe meiner einzelnen Teile”, “Das Fremde in mir”, “Helen” usw.). Dieser Thematik liegt generell die Schwierigkeit zugrunde, dass der Konflikt des Kranken ein innerer ist: wir SEHEN nicht, was psychisch kranke Menschen durchmachen. Zuschauer müssen sich das Wesen des Leidens von außen, indirekt erschließen. “Gesunde” Zuschauer können sich nun mal schwer vorstellen, wie es seelisch “Kranken” geht. Das Wesentliche passiert im Off. An dieser Hürde sind bereits viele Versuche gescheitert... more

  • Buch und Regie: Bernd Böhlich Das Altenheim als todesnahe Einbahnstraße für Menschen, die anderweitig keine Verwendung mehr finden und abgeschoben werden sollen – das ist in unserer Zeit, in der die Großfamilie am Verschwinden ist, der Alptraum. In “Bis zum Horizont, dann links” nimmt sich die Dramaturgie viel Zeit, um die seelische Verfassung von Menschen zu beschreiben, die sich aufs Abstellgleis gesetzt fühlen, obwohl sie noch im Vollbesitz ihrer Kräfte sind. Vor allem TIEDGEN (Otto Sander) und MARGARETE (Angelika Domröse) leiden im ersten Akt unter Monotonie und mangelnder Autonomie, im Heim. Gerade die Langsamkeit, mit der der Film startet, lässt ein starkes Gefühl für die Sehnsucht nach Veränderung aufkommen. more

  • Buch: Ursula Mauder; Regie: Christoph Stark Das Drehbuch des Films fokusiert sich auf eine Liebesgeschichte, die tatsächlich noch an eines der letzten Tabus unserer heutigen Sexualmoral rührt: die Geschwisterliebe. Die Konzentration auf diese Bindung verleiht dem Film eine hohe emotionale Aufladung... more

  • Buch und Regie: Dennis Gansel Dass Russland nicht gerade das Mutterland von Demokratie, Transparenz und humanistischer Gefängniskultur ist, dürfte bekannt sein und sich durch Vladimir Putins augenblicklichen machtpolitischen Alleingang erneut bestätigen. “Die vierte Macht” erzählt also nichts wirklich Neues, wenn der Film im Stil des Politthrillers eine finstere Verschwörung antidemokratischer Strömungen in Moskau postuliert – zumal einige der in Frage stehenden Ereignisse schon über zehn Jahre zurück liegen. Die thematische Attraktivität des Themas für ein deutsches Publikum ist also begrenzt; gleichzeitig aber eignet sich gerade ein solch unübersichtlicher Machtapparat wie der in Moskau, um spannende Geschichten zu erzählen, wie das in der Vergangenheit z.B. in “Jagd auf Roten Oktober” oder “Gorki Park” gelungen ist... more

  • Buch und Regie: Christian Petzold Die Frage: ‚Gehen oder Bleiben?‘ gehört zu den klassisch wirksamen Konflikten in der Filmgeschichte. Insofern folgt das neue Werk von Christian Petzold einer klaren Zugehörigkeitsthematik. Die Fronten des verlaufen klar: die Ärztin BARBARA (Nina Hoss) will die DDR unbedingt verlassen, auch wenn ihr Ausreiseantrag abgelehnt wurde und sie jetzt strafversetzt in einem Provinzkrankenhaus arbeiten muss. Ihr Abscheu vor jeder Gängelung und allen Stasi-Maßnahmen ist unübersehbar. more

  • Buch: Pia Strietmann und Lea Schmidbauer Regie: Pia Strietmann Der Umgang mit Verlust und Tod beschäftigt die Filmemacher seit einigen Jahren zunehmend – Titel wie „American Beauty“ oder „About Schmidt“, „Kirschblüten“ oder „Satte Farben vor Schwarz“ belegen das. Dabei bleibt der Zuspruch eines erwachsenen und ernsthaften Publikums nicht aus. Fragen, was geschieht, wenn ein Mensch stirbt, und wie andere Menschen darauf reagieren, stoßen durchaus auf Interesse. Vor allem das reizvolle Spiel mit gleichermaßen tragischen und komischen Aspekten lässt das Thema immer wieder erträglicher und gewinnbringender erscheinen als gedacht... more

  • Buch: Nicholas J.Schofield, Jan Ehlert; Regie: Özgür Yildirim Der direkte Vergleichsfilm “Zeiten ändern dich” entwickelte 2010 eine der seltsamsten Auswertungskurven der letzten Jahre: nach einem fantastisch gut besuchten Start sprach sich in der Zielgruppe praktisch auf der Stelle herum, wie wenig der Film den Vorstellungen und Ansprüchen des Publikums entsprach – und entsprechend stürzte “Zeiten ändern dich” praktisch nach einer Woche bereits in die Bedeutungslosigkeit ab. Die extreme Abhängigkeit von einem ganz klar umrissenen, eng begrenzten Kreis der Zuschauer kann also zur Gefahr werden. more

  • Buch und Regie: Karl Markovics Auf den ersten Blick scheint sich der Film einer Erzählweise verschrieben zu haben, die man aus der sogenannten “Berliner Schule” kennt, wobei man aber mit Fug und Recht auch von einer “Wiener Schule” reden könnte (Haneke, Spielmann, Seidl etc.). Das erzählerische Dogma dieser Erzählform ließe sich (bei aller Vorsicht vor Verallgemeinerungen) mit einer anti-psychologischen, nicht-kausalen Grundhaltung beschreiben. Filme wie “Der Räuber”, “Unter mir die Stadt” oder “Import/Export” gehen davon aus, dass menschliches Verhalten nicht aus einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang beschreibbar ist. Daher spielen in den genannten Filmen Backstories oder psychologische Begründungen kaum eine Rolle. Aus künstlerischer Sicht mag dieser Blick auf die erzählten Figuren konsequent und faszinierend sein. Resonanz beim Publikum findet dieser sich allem Erklärenden verweigernde Ansatz oft nur sporadisch... more

  • Buch: Daniel Nocke, Daniel Kehlmann, Detlev Buck (nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann); Regie: Detlev Buck Der enorme Erfolg von Daniel Kehlmanns Roman legt den Gedanken an eine Verfilmung nahe. Nicht nur wegen der großen Attraktivität der Story, sondern auch wegen der gewaltigen visuellen sinnlichen Möglichkeiten, die Alexander v.Humboldts Entdeckungsreisen im Amazonasgebiet bieten. Dabei muss aber klar sein, dass Daniel Kehlmanns Buch auch ganz bestimmte Besonderheiten aufweist, die sich eigentlich gerade nicht für eine Verfilmung eignen. Erzählt wird die Geschichte zweier Ausnahmepersönlichkeiten, die quer zu der Zeit stehen, in der sie leben: Karl Friedrich Gauß ist als mathematisches Genie so weltfremd, dass er sogar mit den Frauen, die er begehrt, nur über Mathematik reden kann. In Alexander v. Humboldt dagegen streitet die enorme Wissbegierde und Abenteuerlust mit einer fast pathologischen zwischenmenschlichen Blindheit, die ihn nicht nur mit dem Reisebegleiter, sondern auch den Kulturen, die er bereist, beständig in Konflikte treibt... more

  • Buch: Michael Gantenberg, Hartmut Block, nach Mia Morgowski; Regie: Thorsten Wacker Die Prämisse ist nicht neu, aber vielversprechend: Für den Werbefachmann TOM (Stephan Luca) gilt die Regel, mit keiner Frau mehr als drei mal Sex zu haben – alles darüber hinaus ist für ihn eine “Beziehung”, und eine solche kommt für ihn nicht in Frage. Klar, dass er in der Klemme sitzt, sobald ihm ELISA (Marleen Lohse), seine Arbeitskollegin, gut gefällt und das Maß der drei erlaubten Begattungen voll ist... more

  • Buch: Pamela Katz; Regie: Anna Justice Das Genre “KZ-Film” ist noch immer nicht ausgereizt. Im Laufe der Jahre kamen filmisch immer neue erzählerische Aspekte hinzu, bislang unbeachtete dramatische Geschichten wurden entdeckt und für die Leinwand bearbeitet. In “Die verlorene Zeit” nun wird die Liebe zwischen der deutschen Jüdin HANNAH (Alice Dwyer) und dem Polen MATEUSZ (Tomasz Limanowski) thematisiert. Gegen alle Widerstände ihres elenden Daseins in Gefangenschaft gelingt es ihnen, gemeinsam aus dem KZ zu fliehen. Dann verlieren sich die Liebenden auf höchst verwickelte Art und Weise im Polen der letzten Kriegswirren. Erst dreißig Jahre später erfährt die inzwischen in New York lebende Hannah, dass Mateusz noch lebt. Diese Nachricht erschüttert ihre Ehe, und sie macht sich auf, den einstigen Geliebten in dessen kommunistischer Heimat aufzusuchen... more

  • Stoffentwicklung: Cooky Ziesche, Andreas Dresen Regie: Andreas Dresen Den dramaturgisch einzigen „Plot Point“ liefert der Film in der allerersten Szene. FRANK (Milan Peschel) ist unheilbar krank. Ihm bleiben nur wenige Monate zu leben. Diesem lapidaren Befund bleibt der Film treu. Es gibt nichts zu beschöngen, zu heilen, zu lösen. Dramaturgisch gesehen, könnte man beinahe sagen: Franks „Ziel“ ist der Tod, sein inneres Bedürfnis aber, sein „Need“ (und das seiner Angehörigen) ist die Anerkennung dieser Tatsache. Man muss sich damit abfinden, damit leben, umgehen lernen. Mehr Wendepunkte, Überraschungen oder dramaturgische Wendungen liefert der Film nicht... more

  • Buch und Regie: Hendrik Handloegten Filme leben ganz entscheidend vom freien Spiel mit Zeit und Raum. Was im realen Leben unmöglich ist, kann hier scheinbar nach Belieben simuliert werden. In Beispielen wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“, „Die Tür“ oder gerade erst „Source Code“ wird ganz unterschiedlich die universelle Frage aufgeworfen, wie wir uns verhalten, wenn wir die Chance erhalten, nachträglich in unser Schicksal eingreifen zu können, letztlich mit dem Ziel, unsere Zukunft zu verbessern... more

  • Buch und Regie: Alexander Adolph Das innerste Wesen des Horrorfilms dürfte unter anderem darin bestehen, kollektive Ängste und Mythen aufzugreifen und zur Sprache zu bringen: “was, wenn eine tief sitzende kollektive Urangst Wirklichkeit wird?” Der Horrorfilm spiegelt unterbewusste, sozial relevante Zwangsvorstellungen und macht sie sichtbar. Meist hat das mit Schuld und Schuldgefühlen zu tun. In seiner Grundvoraussetzung rührt auch “Der letzte Angestellte” an einen wunden Punkt der kapitalistischen Leistungsgesellschaft und erfüllt so die oben formulierten Ansprüche: die unmenschliche Kälte, mit der unrentabel gewordene Unternehmen oft abgewickelt werden, ist genau so ein blinder Fleck unserer Gesellschaft. Das Mitgefühl mit den überflüssig und beschäftigungslos gewordenen Menschen spielt da oft keine Rolle mehr... more

  • Buch und Regie: Leander Haussmann Der Film behandelt einen Gründungsmythos der (Ost)-Deutschen Geschichte. Im Hotel Lux wurden im Moskau des zweiten Weltkriegs deutsche Kader-Kommunisten geschult, die dann unter Führung von Walter Ulbricht später die DDR ins Leben riefen. Diese zumindest in Westdeutschland nicht allzu bekannte Geschichte zu erzählen, ist auf jeden Fall lohnend. Allein die Aussicht, durch den Film eine Art unterhaltsame Form von Nachhilfestunde in Geschichte zu erhalten, dürfte ein großes bildungsbürgerliches Publikum anlocken, vermutlich in den neuen Bundesländern noch weit mehr als im Westen... more

  • Buch und Regie: Achim v.Borries Den erzählerischen Kern, die dramaturgische ‚raison d’être’ enthüllt der Film erst sehr spät. Letztlich geht es darum, dass sich in den letzten Kriegstagen eine versprengte Gruppe von Russen mit einem ebenso verlorenen Haufen deutscher Soldaten verbündet, um ein Kinderheim vor Angriffen der regulären Roten Armee zu beschützen. Ein Akt der Hilfeleistung also; zudem ein unerhörter Vorgang, bei dem ein humanes Anliegen am Ende mehr zählt als der militärische Auftrag. Wann hat man schon davor gehört, dass sich Russen und Deutsche im zweiten Weltkrieg zusammen tun, um andere zu retten? Die Pointe der Geschichte ist also voller ‚human factor’ und insofern unbedingt erzählenswert... more

  • Buch: Tim Fehlbaum, Thomas Wöbke, Oliver Kahl Regie: Tim Fehlbaum Die Frage, wie es mit der Welt weiter geht, erscheint durchaus relevant und auch besonders gut geeignet, in Filmen entwickelt zu werden. Mit den ständig zunehmenden technischen und digitalen Möglichkeiten lassen sich im Kino Zukunftsszenarien entwerfen, die so noch nicht realisiert und gesehen werden konnten. Dabei kann der Weg teurer Umgestaltungen der bestehenden Welt beschritten werden, wie ihn zuletzt etwa große Hollywood-Produktionen à la „I am Legend“, „Children of Men“ oder „Rise of the Planet of the Apes“ gewählt haben. Ein Zukunftsdrama wie „Die kommenden Tage“ versuchte zuletzt – relativ erfolglos – etwas Ähnliches mit geringeren Mitteln aus Deutschland heraus. Ansonsten besteht aber seit „Mad Max“ auch die Möglichkeit, die dystopische Welt in die existierende Natur zu verlegen und die Spannung allein aus dem Überlebenskampf der Figuren zu entwickeln... more

  • Buch: Sergej Ashkenazy und Veit Helmer; Regie: Veit Helmer Veit Helmer hat schon einige Geschichten im Osten Europas spielen lassen und mit märchenhaft-urwüchsig-träumerischen Qualitäten verbunden. Doch die starken Kontraste, die in „Baikonur“ wirksam werden, sind neu. Die Polarität ist von Welt vs. Gegenwelt ist klar gegeben: Dorf steht gegen Weltraum, Schrottsammler gegen Kosmonauten, Abfalltechnik gegen Hightech, Pferdewagen gegen Raketen. Der „Culture Clash“schafft wichtige Voraussetzungen für emotionale Publikumsresonanz. more

  • Buch: Paul Hengge; Regie: Wolfgang Murnberger Geschichten aus dem dritten Reich sind heute mehr denn je gezwungen, neue, ungewohnte, womöglich groteske Aspekte aus dem sattsam bekannten Kosmos der Nazi-Herrschaft zu entwickeln. Zu abgegriffen sind die alten Muster. Hier hat Quentin Tarantino mit “Inglorious Basterds” neue Messlatten gesetzt. “Mein bester Feind” kann dabei mit einer brillanten Pointe durchaus mithalten. Im Mittelpunkt steht eine emotional hoch aufgeladene Beziehung. RUDI (Georg Friedrich) ist der Ziehsohn der jüdischen Familie Kaufmann und damit der beste Freund von VICTOR (Moritz Bleibtreu). Als die Nazis die Macht ergreifen, schlägt sich Rudi jedoch in einem Akt krasser Illoyalität auf deren Seite... more

  • Buch: Doron Wisotzky und Matthias Schweighöfer Regie: Matthias Schweighöfer Die deutsche Beziehungskomödie hat durch Anika Decker und Til Schweiger (auch durch “Männerherzen”) wieder einen gehörigen Aufschwung erfahren. Matthias Schweighöfer, der in „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“ selbst mitspielte, knüpft daran mit seinem Regie-Debüt an. Die Frage, welche Form von Männlichkeit gefragt ist, um bei den Frauen sein Glück zu finden, ist auch hier beherrschend. Vieles scheint stilistisch direkt den Til-Schweiger-Filmen entliehen, was den direkten Vergleich herausfordert... more

  • Buch: Ilja Haller und Susann Schimk Regie: Robert Thalheim Vorbemerkung: Obwohl Norbert Maass als einer von mehreren dramaturgischen Beratern an diesem Projekt phasenweise beteiligt war, darf seine Einschätzung als objektiv und unabhängig gelten. Das Thema ‘Zwillinge’ birgt starke emotionale und erzählerisch ergiebige Potenziale. In den meisten Fällen handelt es sich um extrem enge und aufeinander bezogene Bindungen, die sich im Laufe der Entwicklung lockern müssen, um individuelle Lebenswege möglich zu machen. Das Thema ist damit gut geeignet, um das Genre des ansonsten oft eintönig und uninspiriert gewordenen Coming-of-Age-Films zu beleben... more

  • Buch: Ursula Gruber; Regie: Marcus H.Rosenmüller Vorbemerkung: Hinsichtlich dieses Films divergiert die Einschätzung zwischen Norbert Maass und Roland Zag. Daher werden hier zwei Lesarten und zwei Marktprognosen vorgestellt. 1. Roland Zag: Das Drehbuch entwirft aus meiner Sicht einen “Culture Clash” von zwei sehr geschlossenen Systemen. Diese Grundkonstellation verspricht von vornherein ein großes emotionales Potenzial. Da ist auf der einen Seite die Welt eines bayerischen Dorfes, das von den Baggerführern über den Metzger, den Pfarrer, die Nachbarin bis hin zum Bürgermeister samt Familie sehr komplett erzählt wird. Auf der Gegenseite steht die bunte Welt der Sanyassins, mit einer bunten Mischung aus Beziehungsstress, Weltverbesserung und verquasten Idealen. Der Konflikt der Wertesysteme könnte nicht vollständiger – und damit auch komischer – sein. Nach meiner Erfahrung sind damit die wichtigsten Voraussetzungen sehr weitgehend erfüllt... more

  • Buch und Regie: Marie Kreutzer Die Auseinandersetzung mit einer Elterngeneration, die sich freie Selbstverwirklichung, Ungebundenheit und die Abschaffung des Besitzdenkens auf die Fahnen geschrieben hatte, ist ein dankbares Thema. Der Wertekonflikt liegt auf der Hand: auf der einen Seite der “kleinbürgerliche” Wunsch nach Bindung, Treue, Sicherheit. Auf der anderen Seite der gut gemeinte Kampf um eine – wie auch immer – bessere, gerechtere, friedlichere Welt. Gerade der Blick aus der Perspektive der Kinder birgt viel Konfliktpotenzial: die einen werden den Weg der Eltern verteidigen, die anderen verteufeln... more

  • Buch und Regie: Peter Luisi Der Film bewegt sich in einem spannenden Terrain. Die Trennschärfe der beiden Welten ist zunächst hoch. Im Mittelpunkt steht eine ideelle Bindung, nämlich die Liebe zur Musik. Doch der Umgang der beiden Protagonisten mit den großen Träumen von einer musikalischen Karriere ist ganz unterschiedlich: BENNO (Fabian Krüger ) hat seine Ziele viel zu hoch gesteckt. Zum Dirigenten hat er es nicht gebracht. Die Frustration darüber lässt er nun an anderen aus – insbesondere an SANDRA, seiner Nachbarin (Irene Bügger ). Sandra wiederum hat nur bescheidene Ambitionen, arbeitet hart an selbst erdachten Songs, aber sie traut sich nicht an die Öffentlichkeit... more

  • Buch: Karin Michalke; Regie: Marcus H.Rosenmüller Die innere Thematik des Films bildet sich in der Gegensätzlichkeit der Welten sehr gut ab: da ist einmal ein sehr provinzielles Dorf irgendwo in Bayern, wo sich sehr wenig tut. Und da ist auf der anderen Seite ein an Dynamik und Irrwitz überbordendes Indien. So wird die zentrale Fragestellung recht gut klar. Wo ist das Leben intensiver, stimmiger, ‘richtiger’: im engen Kreis der ‘Heimat’, oder im exzessiven Ausleben des Freiheitsdranges irgendwo weit weg? more

  • Buch und Regie: Ulrich Köhler Afrika ist im filmischen Erzählen so präsent, dass man beinahe vom Genre des “Afrikafilms” sprechen möchte. Innerhalb dessen erreicht “Schlafkrankheit” durchaus Eigenständigkeit. Die Erzählhaltung setzt sich dem Rätselhaften, A-Logischen, Unerklärlichen, das diesen Kontinent umgibt, ganz direkt aus. Vieles bleibt undeutlich, vieles erschließt sich nur indirekt. Das erschwert die Aufnahme, sichert dem Film aber eine künstlerische Autonomie, die bei einem interessierten Publikum durchaus geschätzt werden könnte... more

  • Buch und Regie: Nick Baker-Monteys Auf den ersten Blick scheint alles perfekt: JULIAN (Robert Stadlober) pilgert von Berlin in den Schwarzwald, weil er so hofft, dem schwer kranken Vater seines verstorbenen besten Freundes “gute Energie” zukommen zu lassen. Er leistet also einen einseitigen Beitrag für andere. Man wird ihm menschlich gesehen den Respekt für diese Tat nicht absprechen können. Im Verlauf des Films entsteht eine quasi ansteckende Wirkung: die überarbeitete Ärztin JU (Jessica Schwarz) schließt sich Juilian an, auch die überforderte Mutter RUTH (Anna Schudt) folgt ihm, und zuletzt kommt noch der frustrierte Polizist JAN (Martin Feifel) dazu. Sozialer Zuwachs ist also auch gegeben, und alle scheinen so etwas wie eine Bereicherung an Sinn zu erleben. Die Absicht, die der Film verfolgt, ist unbestritten von einem human Geist durchpulst. Sind damit die wichtigen Prinzipien des Publikumsvertrags erfüllt?... more

  • Buch: Josephine Jahnke, Robert Thayenthal; Regie: Hans Steinbichler Nach “Poll” bezieht sich auch dieser Film auf die ehemals deutschen Gebiete in Ostpreussen. Ganz generell ist es sicher richtig, wenn der deutsche Film sich auf Geschichten konzentriert, die etwas mit den verlorenen ehemaligen deutschen Gebieten zu tun haben. Hier liegen unaufgearbeitete Traumata, die sich fürs dramatische Erzählen gut eignen. more

  • Buch und Regie: Otto Alexander Jahrreiss Mehr als sonst spielen hier die äußeren Faktoren eine Hauptrolle. Einen Episodenfilm mit fünf Erzählsträngen, die allesamt von denselben Darstellern gespielt werden, hat es schon lange nicht mehr gegeben. Die Verwandlungskunst der Hauptdarsteller steht im Vordergrund, und indem die schauspielerische Leistung sicher als gelungen angesehen werden kann, bezieht der Film einen großen Teil seines Reizes aus diesem Alleinstellungsmerkmal. Der Film punktet mit dem Unterhaltungswert der Rollenspiele – und das ist schon mal eine Menge... more

  • Buch und Regie: Pepe Danquart Der Film portraitiert weniger einen Mann als ein Stück Zeitgeschichte, das man selten so dicht und kompakt vorgestellt bekommt wie hier. “Joschka und Herr Fischer” ist mit wenigen Ausnahmen eine One-Man-Show. Der berühmte Ex-Politiker spricht über sich selbst – und zwar sehr streng auf die politisch-historische Ebene begrenzt. Jeglicher private Kontext ist ausgeklammert. Rein prinzipiell wird man diesem Setting nicht mal ein Mindestmaß an ‘human factor’ zubilligen – denn von Bindungen an andere kann keine Rede sein... more

  • Der Film folgt einem rein dokumentarisch-reihenden Ansatz. Anstatt zu dramatisieren, zu verdichten oder gar zu emotionalisieren, wird ganz nüchtern eine Geschichte vorgetragen, die sich so und nicht anders zugetragen haben mag. Da Gudrun Ensslin und Andreas Baader samt ihrem späteren Schicksal jedem möglichen Kino-Zuschauer in Deutschland bekannt sind, kann man sich einen solchen Ansatz leisten. Die soziale Relevanz ist schließlich gegeben... more

  • Buch: Yasemin Samdereli, Nesrin Samdereli; Regie: Yasemin Samdereli Der Culture Clash hat Komödien wie “Maria, ihm schmeckt’s nicht!” oder auch (eingeschränkt) “Soul Kitchen” zu sehr erfolgreichen Filmen gemacht. Auch TV-Serien wie z.B. “Türkisch für Anfänger” haben von der Reibung verschiedener Wertesysteme und Zugehörigkeiten profitiert. “Almanya” verdankt viele der charmanten, witzigen Szenen dem Reiz, der sich durch den Aufeinanderprall zweier Kulturen sowie den daraus folgenden Missverständnissen und komischen Konfrontationen ergibt... more

  • FAMILIENFEST Buch: Martin Rauhaus, Andrea Stoll; Regie: Lars Kraume Die Institution Familie bietet dem filmischen Erzählen ein unerschöpfliches Reservoir von Konflikten, die beliebig variierbar und doch strukturell immer gleich sind. Die Familie zwingt gerade bei größeren Feiern Menschen unterschiedlichster Haltung, Erfahrung und Wertvorstellungen auf einen kleinen Raum. Dies kreiert zwangsläufig den Zusammenprall von inneren und äußeren Ambitionen. Insofern ist das Genre ‚Familienfilm’ eine feste Größe mit einigen legendären Beispielen wie z.B. „Das Fest“. more

  • Buch: Beth Serlin, Nathalie Scherf, Florian Schumacher, Richard Reitinger, Pia Hart, Roland Suso Richter, nach dem Roman von Sabine Kuegler; Regie: Roland Suso Richter Der ‚culture clash’ zwischen westlich-aufgeklärtem Gedankengut und archaischen Gesellschaftsformen hat mitunter zu den allererfolgreichsten Formen filmischen Erzählens verholfen: „Avatar“, „Der mit dem Wolf tanzt“ oder „Jenseits von Afrika“ beziehen sich auf dieses emotional höchst ergiebige Muster. Stets steht der Gegensatz zwischen einem eher intellektuell-rationalen Menschenbild und einem eher sozial-naturverbundenen Denken im Mittelpunkt. Immer geht es darum, im scheinbar Bizarren, Trennenden der fremden Kultur auch das Gemeinsame zu entdecken. Die scheinbar rückständigen Gesellschaften erweisen sich dann als die, die insgeheim auch längst verlorene Weisheiten bewahren... more

  • Buch: Til Schweiger, Bela Jarzyk; Regie: Til Schweiger Der Film baut erzählerisch im Wesentlichen auf drei erzählerische Grundprämissen auf: 1. erhält die Hauptfigur HENRY (Til Schweiger) den Auftrag, gemeinsam mit der inzwischen sehr erfolgreichen Ex-Freundin KATARINA (Jasmin Gerat) ein Drehbuch zu verfassen. Die erfolgreiche Zusammenarbeit ist für den Protagonisten lebensnotwendig, denn er hat sonst kein Einkommen mehr. Als antagonistische Kraft stellt sich dabei heraus, dass die alten Wunden aus der gemeinsamen Beziehung wieder aufbrechen und somit das gemeinsame Projekt in Gefahr gerät... more

  • Buch und Regie: Philipp J. Pamer Der Film wirkt zunächst wie ein Anachronismus. Der “Heimatfilm” scheint schon längst tot – doch in diesem Fall ersteht er wieder auf. “Bergblut” wandelt beständig auf dem schmalen Grat zwischen Kitsch und Klischee (Musik!), altmodischer Attitude und zeitgemäßer Härte. Doch überwiegend hält der Film die Balance und stürzt kaum je wirklich ab, was der recht schonungslosen Darstellung der bäuerlichen Verhältnisse im Tirol des Jahres 1809 zu verdanken ist, sowie dem harten Dialekt, der Authentizität erzeugt. Die Filmsprache ist also durchaus in der Lage, die Story adäquat zu transportieren. more

  • Buch: Christian Ditter, Thomas Bahmann, Ralf Hertwig, Peter Thorwarth; Regie: Wolfgang Groos Die Prämisse der Story liefert ‘human factor’ pur. Als nach einem zu waghalsigen Gokart-Rennen FRANK (David Hürten) schwer verletzt wird und eine Spenderniere braucht, setzen seine Freunde alle Hebel in Bewegung, um seinen im Knast sitzenden Bruder herauszuholen. Der Bruder DENNIS (Jakob Matschenz) ist der einzige, der Frank mit einer Organspende das Leben retten kann. Doch der selbstherrliche und böswillige Gefängnisleiter (Horst Lichter) will die Auslieferung verhindern... more

  • Buch und Regie: Tom Tykwer Seit langem richtet sich ein deutscher Film erstmals wieder an ein wirklich cinephiles, intellektuelles Publikum der Hochkultur ( zuletzt war das vielleicht bei „Das weiße Band“ oder „Jerichow“ der Fall). „Drei“ bewegt sich in einem urbanen Raum voll von hoch philosophischen Diskursen, wissenschaftlichen Höchstleistungen, modernem Tanz, Musik, bildender Kunst… lauter Elementen, die im TV oder Mainstream-Kino lieber ausgespart bleiben, weil sie als publikumsfeindlich gelten. Doch gerade das Segment der Zuschauer, die sich gerne als denkende, Feuilleton lesende Menschen sehen, dürfte sich ernst genommen fühlen... more

  • Buch: Otto Waalkes, Bernd Eilert, Sven Unterwaldt Regie: Sven Unterwaldt Die Arbeit an filmischen Parodien und Comedys, die dann am Markt Millionen Menschen erreichen und unterhalten sollen, ist ein todernstes Geschäft. Am “Schuh des Manitu”, dem sensationellsten Erfolg der vergangenen 10 Jahre, lässt sich gut studieren, dass im Untergrund der Parodie stets das handfeste Drama erkennbar bleiben muss. In Bully Herbigs Film waren die Protagonisten auf Leben und Tod fiesen Bösewichtern ausgeliefert; zudem wurde ein ganzer Indianerstamm Opfer eines gemeinen Betrugs. Damit war die soziale Relevanz eindeutig gegeben. Auch wenn selbstverständlich das Drama immer wieder durch ironische und komische Brechungen aufgelöst wurde, blieb es doch in seiner emotionalen Kraft erkennbar wirksam... more

  • Buch: Pasco Cabezas, Juan Carlos Rubio, David Pinillos; Regie: David Pinillos Die Verbindung von Kochen und Erotik hat sich spätestens seit “Bella Martha” als ergiebig erwiesen. “Bon Appetit” folgt einem ähnlichen Muster. DANIEL (Unax Ugalde) kommt aus Spanien nach Zürich und lernt dort in der Küche eines Edelrestaurants HANNA (Nora Tschirner) kennen. Dass sie eigentlich die heimliche Geliebte des Restaurantchefs THOMAS (Herbert Knaup) ist, erkennt er erst nach und nach. Dennoch will er nicht von ihr lassen. more

  • Buch und Regie: Ralf Westhoff Ähnlich wie “Alle Anderen” konzentriert sich dieser Film auf ein einziges Motiv: die Mann-Frau-Beziehung wird bis ins kleinste Detail durchleuchtet. CLAIRE (Julia Koschitz) und LEO (Felix Hellmann) reden über die jeweilige zwischenmenschliche Gefühlslage. Dies hat zunächst zwei große Vorteile: erstens die thematische Einheit – es geht um nichts anderes als Gefühle und Beziehung; zweitens verrät die obsessive Konzentration auf immer dasselbe ein großes Commitment der Figuren. So vehement, wie die beiden Protagonisten um gegenseitiges Verständnis ringen, wird klar, dass ihnen viel aneinander liegt, und so kommt das am Ende doch noch positive Ende nicht ganz überraschend. Wir Zuschauer haben längst begriffen, wie ernst es beide miteinander meinen, während sie selbst beständig daran zweifeln. more

  • Buch und Regie: Lars Kraume “Die kommenden Tage” hat einiges an Dramatik aufzuweisen: Familiendramen, Gruppensex, Terrorismus, Aktion, Geburt und (Kinds)Tod, komplexe ökonomische, ökologische und politische Zusammenhänge, futuristische Computer usw. Dazwischen aufregende Charaktere wie z.B. KONSTANTIN (August Diehl), der schon fast an Dostojewski gemahnt. Und doch werden vermutlich viele Zuschauer den Film mit einem Gefühl der Ratlosigkeit verlassen. Warum?... more

  • Buch: Jan Berger (nach einem Entwurf von Dennis Gansel) Regie: Dennis Gansel Bevor man auf die inhaltlichen Qualitäten des Films zu sprechen kommt, muss man die Qualität der Inszenierung und Umsetzung herausheben. Der Film setzt aus deutscher Sicht Maßstäbe. Das ist gerade in Hinblick auf das eindeutig rein junge Zielpublikum von großer Wichtigkeit. “Wir sind die Nacht” ist in erster Linie cool. Das zählt. Hinzu kommt das attraktive Alleinstellungsmerkmal eines deutschen Berlin-Vampirfilms, was originell ist, sowie die ungewöhnliche Konzentration auf weibliche Protagonistinnen. All das sind relevante Marktfaktoren... more

  • Buch: Dietmar Güntsche, Claus P.Hant, nach dem Roman von Thomas Hürlimann; Regie: Wolfgang Panzer Die Reibung zwischen politischem Außenleben und privater Tragödien kann ein hervorragender Ausgangspunkt für ein Drama sein. “The Queen” machte dies deutlich. Auch “Der große Kater” bewegt sich auf diesem Feld voller Potenzial. Zwar ist die Schweiz nicht Großbritannien und ein Schweizer Bundesrat nicht die Queen. Doch das seelische Dilemma des Bundesrates KATER (Bruno Ganz), der gezwungen ist, auf der einen Seite politisch glänzen zu müssen – und der gleichzeitig sein krebskrankes Kind verliert – diese Spannung hat universelle Qualitäten... more

  • Buch: Christoph Müller, Alexander Dydyna, Philipp Stölzl Regie: Philipp Stölzl Wer sich mit Deutschlands Dichterfürst filmisch einlässt, bewegt sich auf dünnem Eis. Man weiß zu viel über Goethe; seine Persönlichkeit ist zu vielseitig und schillernd, als dass man ihn in einem Film als ernsthaften und komplexen Charakter so ganz zu fassen bekommen könnte. „Goethe!“ geht mit dem Problem, dass man dem Dichter sowieso kaum gerecht werden kann, offensiv um. Aus dem blutjungen Dichter ist hier ein quasi moderner Mensch geworden – ganz ohne die moralisch-philosophische Tiefe, auch ohne die titanische Unbedingtheit, die den echten Goethe von Beginn an ausgezeichnet hat. Der historischen Figur wird man so vielleicht nicht ganz gerecht. Dafür ist der Dichter in diesem Film ein sympathischer, handfester Kerl quasi von nebenan... more

  • Buch: Tim Fehlbaum, Thomas Wöbke, Oliver Kahl Regie: Tim Fehlbaum Die Frage, wie es mit der Welt weiter geht, erscheint durchaus relevant und auch besonders gut geeignet, in Filmen entwickelt zu werden. Mit den ständig zunehmenden technischen und digitalen Möglichkeiten lassen sich im Kino Zukunftsszenarien entwerfen, die so noch nicht realisiert und gesehen werden konnten. Dabei kann der Weg teurer Umgestaltungen der bestehenden Welt beschritten werden, wie ihn zuletzt etwa große Hollywood-Produktionen à la „I am Legend“, „Children of Men“ oder „Rise of the Planet of the Apes“ gewählt haben. Ein Zukunftsdrama wie „Die kommenden Tage“ versuchte zuletzt – relativ erfolglos – etwas Ähnliches mit geringeren Mitteln aus Deutschland heraus. Ansonsten besteht aber seit „Mad Max“ auch die Möglichkeit, die dystopische Welt in die existierende Natur zu verlegen und die Spannung allein aus dem Überlebenskampf der Figuren zu entwickeln... more

  • Buch und Regie: Tomasz Thomson Für die schwarze Komödie eignet sich der Profikiller ideal. Der Zusammenprall zwischen einem gnadenlos brutalen Handwerk auf der einen und dem banalen, bieder-spießigen Alltagsdasein bietet genügend Culture Clash, genügend Schein-und-Sein für jenes berühmte Lachen, das im Halse stecken bleiben soll... more

  • Buch: Klaus Richter; Regie: Oskar Roehler Die Beschäftigung mit dem berüchtigsten Film der deutschen Geschichte ist markttechnisch nicht unklug. Indem kaum jemand den Originalfilm von Veit Harlan kennen kann, da er nur äußerst selten – zum Beispiel demnächst in Braunschweig – gezeigt wird (gleichwohl in aller Munde ist), darf man ein bestimmtes bildungsbürgerliches Interesse an dem Fall voraussetzen. Doch bietet die Entstehung dieses Films tatsächlich ausreichend dramatisches Material für eine abendfüllende Veranstaltung?... more

  • Buch: Helena v. Saucken, Florian Cossen; Regie: Florian Cossen Die Prämisse könnte kaum stärker sein: MARIA (Jessica Schwarz) entdeckt durch ein Kinderlied – was schon stark emotional aufgeladen ist – dass sie nicht die leibliche Tochter von ANTON FALKENMEYER (Michael Gwisdek) ist. Ihre Eltern wurden im Argentinien der Militärdiktatur verschleppt und vermutlich ermordet. more