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Filmbesprechung

3 ZIMMER, KÜCHE, BAD

Buch: Anna + Dietrich Brüggemann; Regie: Dietrich Brüggemann

Die leider viel zu früh verstorbene  Dagmar Benke zeigte in ihrem Buch “Freistil” (2002), dass in der Kinolandschaft neben dem allgemein vorherrschenden dramatischen Erzählen, das auf individuelle Konflikte und Entscheidungssituationen zuläuft, durchaus auch das Epische seinen Platz hat. Entsprechend wird man die Erzählstruktur von “3 Zimmer, Küche, Bad” eindeutig dem Epischen zurechnen. Der Film bildet einen langen ruhigen Fluss, in dem sich eine bunte Truppe von Figuren von Umzug zu Umzug, von Liebschaft zu Liebschaft, von Krise zu Krise bewegt, ohne dabei allzu große dramatische äußere oder innere Entwicklungen zu durchlaufen. Dieser Erzählduktus wird sehr konsequent durchgehalten. Er korrespondiert mit einem kollektiven Lebensgefühl, das sich in einem etwas unentschiedenen “Ungefähr” eingerichtet hat und daraus keinen Weg findet. Durch die Wahl dieser Erzählform rückt der Film in die Nähe der zahlreichen auch bei uns recht erfolgreichen französischen Gesellschaftskomödien. Letztlich richtet sich die Wahrnehmung weniger auf einzelne Personen, als auf einen kollektiven Spirit, ein Gruppengefühl – den Zeitgeist.

Dennoch bleibt die emotionale Ebene einzelner Figuren nicht unberücksichtigt. Im Zentrum steht hier PHILIPP (Jakob Matschenz), der im Zwischenmenschlichen als einziger mehr und dauerhafter empfindet als nur unverbindliche Liebeleien. Er liebt DINA (Anna Brüggemann), seine beste Freundin. Trotz aller Verletzungen, die die ahnungslose Dina ihm (entweder unabsichtlich oder unbewusst sadistisch) zufügt, bleibt er seinem Love Interest treu. Das macht ihn verletzlich und hebt ihn aus der Reihe der übrigen Figuren heraus, die alle mehr oder weniger unbeteiligt ihre Partner wechseln.

Philipp ist gleichsam der Knotenpunkt, wo alle Fäden zusammen laufen. Er verleiht dem Film, der ansonsten eher kaltschnäuzig an uns vorbeizulaufen droht, das Herz. Freilich findet in Philipp – wie in allen anderen Figuren – vergleichsweise wenig Wandlung statt. Entsprechend entsteht selten ein stärkerer Sog, der die doch recht langwierige Konstruktion zum Abschluss führen würde.

Der Grund dafür könnte damit zusammenhängen, dass eigentlich kein antagonistisches Prinzip spürbar wird. Das in sich kreisende Lebensgefühl, wo alle mit allen zusammen und alle irgendwie ähnlicher Meinung sind, wird kaum bedroht. Es gibt wenig Gegenwelt. Weder persönliche Katastrophen noch die Zwänge des Wirtschaftslebens oder gar die große Liebe samt Familiengründung zwingen die Protagonisten zu Veränderungen.Nicht einmal die Elterngeneration kann als Gegenwelt bezeichnet werden – denn in zwei Fällen agieren die Eltern eigentlich genauso vage und konzeptlos wie ihre Kinder (was eine spannende Beobachtung ist und viel über unsere Zeit sagt).

Wie sehr sich die Spannung im Film schlagartig ändern kann, wird eher beiläufig,  kurz vor Schluss deutlich. Dort nämlich tritt ganz kurz ein echter Antagonismus auf den Plan: wenn JESSICA (Alice Dwyer) und MICHAEL (Alexander Khuon) zufällig gemeinsam auf einer Almhütte in den Bergen ihrem leiblichen Vater begegnen, entsteht ganz kurz echte Dramatik. Denn auf einmal werden widersprüchliche Lebensentwürfe, gegenläufige Wertsysteme spürbar. Der ganz offen zynische Vater verhält sich zwar widerwärtig – aber er vertritt sein System klar und überzeugt. Insofern verkörpert er einen Gegenentwurf. Sofort steigt die Spannung, sofort erhalten die Figuren Profil. Sofort auch entsteht via Empathie ein Blick ins Innenleben der Figuren.

Doch dieser (erzählerisch mit arg viel Zufällen herbei geführte) Moment bleibt singulär und ohne große Folgen – er zeigt nur, welche dramatischen Möglichkeiten in der Erzählform geschlummert hätten, wenn man sich mehr mit gegenläufigen Wertesystemen befasst hätte.

So nun bleibt “3 Zimmer, Küche, Bad” ein eher gleichbleibend ruhiger, dabei auch witziger und origineller Film, in dem sich – was eine Seltenheit ist! – die portraitierte Generation auch wiederfinden und erkennen kann. Insofern gibt es vielleicht dramaturgische Einwände, aber eben doch fürs klar umrissene Zielpublikum viel Attraktives.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

“3 Zimmer, Küche, Bad” verfügt über ein Schauspielerensemble, das nicht direkt den Stars zuzurechnen ist, aber durchaus einen Namen hat. Gemeinsam mit dem Regisseur gibt es da  bereits so etwas wie eine Fangemeinde. Das Interesse bei Eingeweihten ist groß. Beim Zielpublikum dürfte der Film mehrheitlich den Erwartungen gerecht werden. Allerdings ist dieses Zielpublikum auf ein ganz bestimmtes, großstädtisches und eher intellektuelles Klientel beschränkt.

Der Film wurde sehr klein gestartet und wird daher zunächst niedrige Zahlen schreiben. Er kann aber dank seines klugen Alleinstellungsmerkmals und des anzunehmenden Erfolgs beim Zielpublikum dann doch eine längere Laufzeit erreichen.

Was den Markterfolg angeht, kann man sich am ähnlich gelagerten, wenn auch komödiantischer und konvontioneller erzählten “13 Semester” orientieren. Dieser Film kam auf  immerhin 160.000 Zuschauer. Diesen Wert wird der etwas intellektuellere “3 Zimmer, Küche, Bad” unserer Meinung nach kaum erreichen können, weil er weit spezifischer konzipiert ist. Aber Werte, die bei der Hälfte landen, also um die 70.000-80.000 Zuschauer scheinen am Ende trotz einer kleinen Auswertung realistisch.

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag

München, 14.10.2012

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