aktuelle

Filmbesprechung

3096 TAGE

Buch: Ruth Toma, nach Bernd Eichinger; Regie: Sherry Hormann

Das Verbrechen an Natascha Kampusch hielt und hält die Welt in Atem. Dabei stehen dreierlei Aspekte im Vordergrund:

1. die Empathie mit dem Opfer. Es scheint schier unglaublich, wie man als kleines Mädchen bzw. junge Frau über Jahre hinweg die Kraft der Selbstbehauptung erhalten und nicht an Leib und Seele vernichtet werden kann.

2. die Psychologie des Täters. Die Mischung aus Sadismus und Bedürftigkeit, aus psychischer Störung und methodischer Genauigkeit des Wolfgang Prokupil weckt natürlich unser Interesse

3. die Qualität der Beziehung. In die Frage, wie sich die Täter-Opfer-Beziehung über die Jahre entwickelt, verschoben und gewandelt haben mag, fliesst natürlich deshalb am meisten Spekulation ein, weil sich Frau Kampusch bis heute aus guten Gründen weigert, über die Natur der sexuellen Beziehung Auskunft zu geben.

Wer nun eine Verfilmung anstrebt, könnte sich auf jeden der drei Aspekte konzentrieren: die Strategie der Selbstbehauptung eines Opfers, das versuchen muss, mit einer aussichtslosen Situation zurecht zu kommen (wie das etwa Danny Boyle in “72 Stunden” versucht hat); oder die Schilderung eines perversen Täters, was das Anliegen in “Michael” von Markus Schleinzer war; oder die Psychodynamik einer Beziehung, die zwischen Liebe und Hass, Abhängigkeit und Bedürftigkeit pendelt, wie sie z.B. Almodovar in “Die Haut, in der ich wohne” schilderte.

Die vorliegende Verfilmung des Falls unter dem Titel “3096 Tage” versucht, alle drei Wege gleichzeitig zu gehen. Oder aber auch keinen der drei. Unentschiedenheit aber führt im filmischen Erzählen meistens zu Problemen. Der jetzt vorliegende dramaturgische Ansatz erzählt in einer mehr oder weniger dokumentarischen Art und Weise alle Aspekte unter dem Stichwort “So oder so ähnlich mag es gewesen sein…”. Damit aber fallen  viele Qualitäten, die gemeinhin dramatisches Erzählen so spannend machen, weg: die Empathie für das Opfer bleibt mehr oder weniger von der ersten bis zur letzten Minute gleich stark, weil der Täter WOLFGANG (Thure Lindhardt) gleichbleibend als gewalttätiger Schläger mit nur wenig Ambivalenzen geschildert wird. Dadurch kann sich wenig Wandlung entwickeln, große Aufs und Abs in der Beziehungsdynamik bleiben aus. Das dramaturgische Dilemma  stellt sich nie wirklich, weil man keine Sekunde daran zweifelt, dass NATASCHA (Antonia Campbell-Hughes) selbstverständlich ihrem Peiniger entkommen will. Auch eine Unterscheidung von “Want” und “Need” verbietet sich ebenso wie das Wachsen eines Beziehungsgeflechts. Es gibt also von Haus aus viele Einschränkungen, die die Attraktivität schmälern.

Die einzige Chance, um aus einem Film über Natascha Kampusch, deren äußeres Schicksal ja jeder kennt, eine wirklich abendfüllende, spannende Charakterstudie zu machen, hätte vermutlich darin bestanden, sich auf das INNENLEBEN der Figuren zu beschränken. Hier bietet “3096 Tage” zwar eine Menge Angebote,  doch erzählerische Linien, die sich entwickeln, dynamisieren und zuspitzen, findet man wenig.

Der Aspekt von Nataschas Selbstbehauptung etwa wird eine Zeit lang betont, indem man sieht, wie sie eine imaginäre Situation der Schulklasse herstellt und sich weiter bildet. Später aber fällt dieser Strang weg. Die Schilderung des Täters Wolfgang liefert zwar manche Angebote, um zu verstehen, wie genau er “tickt” (die Mutterbindung, die zwanghafte Seite, die Phobie vor anderen Frauen), doch ein wirklich lückenloses Bild seines Verhaltens erhält man nicht, da wichtige Ausschnitte seines Lebens (Nachbarn, Freunde, Arbeit) ausgelassen werden. Und in der Schilderung der Beziehung der beiden gibt es zwar Momente, die zeigen, wie sich die Täter-Opfer-Beziehung wandelt (etwa wenn spürbar wird, wie Wolfgang sein Opfer immer mehr in seine Lebenswirklichkeit mit einzubeziehen versucht). Aber diese Momente bauen nie aufeinander auf und führen nie zu Wendepunkten.

Insofern bleibt das Innenleben von Natascha und Wolfgang trotz aller Nähe, die der Film herstellt, mehr oder weniger unzugänglich. Und das bewirkt, dass die Nachwirkung des Films dann bei einem großen Teil des Publikums doch manches schuldig bleiben dürfte. All die Qualitäten, die dramatisches Erzählen für Gewöhnlich so attraktiv machen, können sich aufgrund der speziellen Gegebenheiten, aber auch der Unentschiedenheit des Ansatzes nur eingeschränkt oder gar nicht entfalten. Dies dürfte vieler Orts Enttäuschung hervorrufen.

Markttechnisch muss man also mit gedämpften Erwartungen auf die Entwicklung des Films schauen. Es wird selbstverständlich ein erstes, von Schaulust geprägtes öffentliches Interesse an der spektakulären Außenseite von “3096? entstehen. Aber es könnte doch sein, dass der Film eine Mehrheit von Zuschauern seltsam unbefriedigt zurück lässt. Und indem hier mit Mundpropaganda nicht verstärkt zu rechnen ist, muss man hinsichtlich der Ergebnisse sowohl in Sachen künstlerische Reputation als auch Akzeptanz beim Publikum skeptisch bleiben.

München,2.3.2013

Roland Zag

Bildunterschrift