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Filmbesprechung

4 KÖNIGE


Buch: Esther Bernstorff; Regie: Theresa von Eltz


Filme, die in der Psychiatrie spielen, pflegen sich zu entscheiden: entweder es geht vornehmlich um die Dynamik innerhalb der Insassen wie z.B. in “Durchgeknallt – Girl Interrupted”; oder um die Beziehung zwischen Patienten und Klinikleitung, wie in “Einer flog übers Kuckucksnest”.

“4 Könige” scheint zunächst stark an den Insassen interessiert. LARA (Jella Haase), ALEX (Paula Beer) und FEDJA (Moritz Leu) müssen sich mit der Ankunft des rabiaten und gewaltbereiten TIMO (Jannis Niewöhner) arrangieren. Vor allem der traumatisierte Fedja hat große Angst, und Timo wird zunächst seinem Negativ-Image auch gerecht. Doch so ganz klar wird das “Want”, also die Absicht der vier Insassen nie. Denn allmählich wird deutlich, dass sich der Film gar nicht in erster Linie für die Psychodynamik der vier Heim-Insassen interessiert. Deren Backstories werden zwar dezent angedeutet, aber kaum tiefenpsychologisch ausgespielt. Bisweilen scheint eher so etwas wie ein fast dokumentarisches Kompendium des Heimlebens beabsichtigt zu sein, wobei die Therapeuten wie DR.WOLF (Clemens Schick) oder SIMONE (Anneke Kim Sarnau) zwar hervorstechen, doch auch Putzfrauen, die Eltern der Patienten oder andere Heiminsassen zu Wort kommen.

Durch die  sparsame Verwendung von eindeutigen Signalen wird die Parteinahme der Zuschauer nie allzu stark in Anspruch genommen. Wir changieren zwischen konkreten ‘Story’-Elementen einerseits und der eher dokumentarischen Beobachtung andererseits.

Erst recht spät  deutet sich an, wo der Konflikt EIGENTLICH liegt – nämlich gar nicht so sehr unter den Jugendlichen, als vielmehr innerhalb der Heimleitung. Am Ende wird klar, dass Dr. Wolf eigentlich ein humanistisches Experiment im Auge hatte, das an den rigiden Vorschriften von Schwester Simone scheitert. An diesem Punkt ist Parteinahme durchaus gefordert und gewünscht: augenscheinlich bezieht der Film Stellung für das liberale Experiment des Doktors, der den Plan verfolgt, einen Patienten aus der geschlossenen Abteilung durch Integration mit Gleichgesinnten zu therapieren.

Hinter diese Parteinahme darf man allerdings  Fragezeichen machen. Denn Dr.Wolf hat damit billigend in Kauf genommen, dass Fedja wegen Timo einen Selbstmordversuch begeht. Dieser wird von der Dramaturgie eher verwischt und verharmlost; und auch das betrunkene Abenteuer der vier Insassen auf dem See hätte leicht schlimmer enden können, als es das Drehbuch vorsieht. Insofern nimmt die Strategie des Doktors  die Gefährdung seiner Schutzbefohlenen in Kauf. Ob man als Zuschauer das so gut heißen will, wie es der Film suggeriert, ist zweifelhaft.

Doch zugleich kann man diese Offenheit der Dramaturgie auch als Stärke sehen. “4 Könige” ist ein Film, der Emotionen weckt, ohne gleich Lösungen parat zu haben. Diese Strategie setzt ein aufmerksames Publikum voraus, das sich darauf einstellt, keine klaren ‘Wants’ oder erzählerischen Absichten zu verarbeiten, sondern sich ein eigenes Bild zu machen. Allzu zahlreich wird dieses Publikum nicht sein – aber es dürfte mehrheitlich befriedigt werden. Insofern ist mit Mundpropaganda zu rechnen. Ob sie groß genug sein wird, um die schwierige Marktposition des Films tatsächlich zu verbessern, bleibt allerdings abzuwarten. Aber hoffen darf man es zumindest.


München, 10.12.2015


Roland Zag

kino.de