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Filmbesprechung

4 TAGE IM MAI

Buch und Regie: Achim v.Borries

Den erzählerischen Kern, die dramaturgische ‚raison d’être’ enthüllt der Film erst sehr spät. Letztlich geht es darum, dass sich in den letzten Kriegstagen eine versprengte Gruppe von Russen mit einem ebenso verlorenen Haufen deutscher Soldaten verbündet, um ein Kinderheim vor Angriffen der regulären Roten Armee zu beschützen. Ein Akt der Hilfeleistung also; zudem ein unerhörter Vorgang, bei dem ein humanes Anliegen am Ende mehr zählt als der militärische Auftrag. Wann hat man schon davor gehört, dass sich Russen und Deutsche im zweiten Weltkrieg zusammen tun, um andere zu retten? Die Pointe der Geschichte ist also voller ‚human factor’ und insofern unbedingt erzählenswert.

Freilich kann man nicht behaupten, dass diese Wendung der Story dramaturgisch konsequent vorbereitet, zielstrebig durch Konflikte und zentrale Beziehungen herbeigeführt und zu Ende erzählt würde. Eher im Gegenteil. Lange Zeit rätselt man als Zuschauer, worum es denn eigentlich gehen könnte. Denn eigentlich folgt man zunächst dem fanatisierten PETER (Pavel Wenzel), der sich gegenüber den Russen zum Retter aufschwingen will und mit den Deutschen paktiert. Erst unmerklich wechselt er die Seiten. Am Ende des Films dann aber läuft die Handlung weitgehend an ihm vorbei.

Es könnte aber auch sein, dass der HAUPTMANN (Aleksej Guskov), „der Drache“, die Hauptfigur ist. Seine humane Grundhaltung nimmt für ihn ein, auch sein Konflikt mit der Obrigkeit. Wirklich nah kommt man ihm aber nicht. Echte Beziehungen geht er nicht ein. Vielleicht steht auch die zarte Liebesgeschichte zwischen einem pianospielenden Russen und der blutjungen ANNA (Angelina Häntsch) im Mittelpunkt, die Eifersucht seines Vorgesetzten, die Rivalität mit dem Jungen. Natürlich darf der Konflikt zwischen der kleinen Schar von Russen und den militärisch überlegenen Resten einer deutschen Kompanie vergessen werden. Auch der spielt eine Rolle. Aber nicht so richtig.

Der Film reißt beständig neue Problemfelder und erzählerische Perspektiven an, die letztlich mit der zentralen Pointe nur indirekt zu tun haben. Der eigentliche Antagonist, nämlich der MAJOR (Merab Ninidze), der rücksichtslose Vorgesetzte des „Drachen“, betritt die Bühne erst im letzen Moment. Damit ändert sich die Konfliktlinie nochmals vollständig.

Man könnte dieses wenig fokussierte dramaturgische Vorgehen als behutsam, ausgewogen, sensibel allen Verästelungen nachspürend beschreiben. Doch die schon fast abgedroschenen Fragestellungen aller Dramaturgien („Worum geht es?“, „Wer ist die Hauptfigur?“, „Wo ist das äußere Ziel?“, „Wo ist der zentrale Konflikt“?) werden nicht umsonst gestellt. Filme wie „Vier Tage im Mai“, die auf all diese Fragen keine Antwort haben, tun sich schwer. Die Spannung ist gering, die Aufmerksamkeit der Zuschauer schwankend. Innere Verunsicherung macht sich breit, am Ende vielleicht auch Enttäuschung. Über die wichtigsten inneren Prozesse werden wir im Unklaren gelassen: wann genau wechselt Peter die Seiten? Wann und warum entschließt sich „Der Drache“, den von ihm selbst verurteilten liebenden Soldaten zu schonen? Wann und wie vollzieht sich bei den Deutschen der Entschluss, mit den verfeindeten Russen zu kooperieren? Und wie genau muss man sich den Vorgang vorstellen, dass zwei Armeen, die gerade noch auf einander geschossen haben, sich verbünden? All das wären spannende Fragen, doch die Antwort wird jedes mal elliptisch übersprungen.

„Vier Tage im Mai“ behandelt also ein im Kern faszinierendes und berührendes Thema, widersetzt sich aber allen dramaturgischen Grundregeln, ohne ein überzeugendes Gegenmodell zu liefern. Dieser Mangel an dramaturgischer Zuspitzung rächt sich. Keine der erzählten Bindungen entfaltet die Kraft, die nötig wäre, um wirklich zu fesseln. Keiner der vorbereiteten Konflikte hat mit der eigentlichen Pointe zu tun. Insofern bleibt der Film erzählerisch doch deutlich unter dem Möglichen und Notwendigen.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Die äußeren Faktoren sind als ungünstig einzustufen. Die erzählte Thematik weist wenig Alleinstellungsmerkmale auf (mit „Habermann“, „Poll“, „Mein bester Feind“, „Das Blaue vom Himmel“, „Jud Süß“ und „Allein unter Bauern“ waren in letzter Zeit viele entfernt vergleichbare und allesamt nicht allzu erfolgreiche Filme am Markt). Hinzu kommt der Mangel an Stars. Auch die Fokussierung auf Russisch aus Grundsprache erweist sich als schwierig (etwa zwei Drittel des Films sind untertitelt).

Um diesen Mangel wett zu machen, hätte die Dramaturgie schon enorme Kraft entfalten müssen. Das tut sie nicht. „Vier Tage im Mai“ vermag durch seine besonnene, ausgewogene, nie aufdringliche Erzählform ein vornehmend älteres Publikum vielleicht günstig zu stimmen. Doch um am Kinomarkt wirkliche Mundpropaganda zu erzeugen, müsste der Grad an Erregung, Spannung, Bestürzung, kathartischer Erschütterung ungleich höher sein. Bleibt noch das klimatisch ungünstige, weil viel zu warme Startwochenende. Summa summarum wird also „Vier Tage im Mai“ daher nach unserer Einschätzung leider kaum über 15.000 Zuschauer hinauskommen. Dieses eher unbefriedigende Ergebnis wäre freilich schon auf Drehbuchbasis vorhersehbar gewesen.

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag

München, 1.10.2011

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