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Filmbesprechung

Alamanya – Willkommen in Deutschland

Buch: Yasemin Samdereli, Nesrin Samdereli; Regie: Yasemin Samdereli

Der Culture Clash hat Komödien wie “Maria, ihm schmeckt’s nicht!” oder auch (eingeschränkt) “Soul Kitchen” zu sehr erfolgreichen Filmen gemacht. Auch TV-Serien wie z.B. “Türkisch für Anfänger” haben von der Reibung verschiedener Wertesysteme und Zugehörigkeiten profitiert. “Almanya” verdankt viele der charmanten, witzigen Szenen dem Reiz, der sich durch den Aufeinanderprall zweier Kulturen sowie den daraus folgenden Missverständnissen und komischen Konfrontationen ergibt.

Der Film setzt ganz auf Loyalität. Die allermeisten Bindungen erweisen sich als stabil, und selbst dort, wo Konflikte gesetzt werden (z.B. zwischen den beiden Brüdern) lösen sie sich bald wieder auf. Diese kaum gefährdete Achse der Zusammengehörigkeit garantiert dem Film humane Freundlichkeit, die ihm entscheidend hilft, das Publikum grundsätzlich zufrieden zu stellen. Letztlich bleibt – neben der Bewältigung der Sprachbarrieren und kulturellen Unterschiede – kaum ein wirklicher Konflikt, den es zu bearbeiten gälte. Das hat den positiven Effekt zur Folge, dass die gegenseitigen Konfrontationen nie wirklich bitter oder scharf werden. Äußerlich ist der ‘human factor’ der gegenseitigen Hilfeleistungen und Sympathiebekundungen hoch, und insofern kann nichts passieren.

Es ergibt sich aber auch im Gegenzug die Wirkung einer relativen Spannungsarmut. “Almanya” ist ein Film mit wenig Sog und noch viel weniger Plot. Eigentlich gibt es beinahe keine Handlung im eigentlichen Sinn. Außer der vagen Tatsache, dass eine türkische Familie geschlossen zu den anatolischen Wurzeln fahren will, lässt sich kaum Greifbares über den Verlauf der Story sagen.

Dazu kommt, dass zwei unterschiedliche Zeitebenen erzählt werden, die in etwa gleichwertig sind, aber beide kaum wirklichen Sog entfalten, sondern eher Aneinanderreihungen mehr oder weniger gelungener Episoden ähneln.

Dadurch entsteht in “Almanya” der Eindruck der Verlangsamung. Während zu Beginn die charmant vorgetragenen komischen Verwirrungen des culture clash noch in sich tragfähig waren, verliert der Film immer mehr an Fahrt. Beständig wechseln die Hauptfiguren, und in Ermangelung echter Benachteiligung und echter Konflikte, also auch echter Dynamik (wer will wo hin?!) scheint die Bewegung immer mehr stehen zu bleiben.

Die Sogwirkung der gemeinsamen Fahrt leidet darunter, dass nur eine Person, der Großvater, wirklich das Verlangen hat, in Anatolien anzukommen. Und dann stirbt er auch noch unterwegs. Insofern ist das Erreichen des äußeren Ziels nicht allzu wirksam. Die Ankunft in Anatolien bringt eine Enttäuschung, die niemandem wirklich weh tut. Untereinander haben die Figuren viel zu wenig Eigenleben und viel zu wenig Beziehungsdynamik, als dass man wirkliche Spannung spüren könnte (etwa im naheliegenden Vergleich zu “Little Miss Sunshine”).

All das sagt nicht viel über die vordergründige Wirksamkeit der witzigen Einzelszenen, die durchaus gelungen sein mögen. Dennoch geht allmählich das Tempo verloren, und der Film vermag gegen Ende kaum nochmals anzuziehen. Im Ende bleiben zwar viele sympathische Szenen, denen aber der mitreißende Schwung fehlt – und das kann sich am Ende gerade bei Komödien doch an der Publikumsreaktion bemerkbar machen.

“Almanya” ähnelt insofern einem Fußballspiel, wo der Sieger einen hohen Vorsprung mit der Zeit verliert und am Ende nur mit Mühe über die Zeit rettet. Ein Sieg – gewiss. Aber keiner, der wirklich durchschlagende, mitreißende Erfolge erzielen dürfte.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag


Markteinschätzung:

„Almanya“ stellt gewissermaßen die emotional-menschliche Schnittmenge aus den Debatten um Einwanderung, Integration und multikulturelle Mischungen dar. Dabei kann die entspannte Komödie vor allem mit ihrer großen Unterhaltsamkeit und bezwingenden Selbstverständlichkeit punkten. Viele witzige Ideen zünden und auch die Sprachproblematik ist absurd-verquer gelöst: während statt Türkisch konsequent Deutsch gesprochen wird, wurde für letzteres eine seltsame Kunstsprache erfunden und somit eine übermäßige Untertitelung als Auswertungshindernis umgangen. Auch insofern ist also für eine breitenwirksame Auswertung grundsätzlich der Boden bereitet.

Von den Macherinnen und der Besetzung geht dagegen kein entscheidender Zusatzimpuls für die Marktwirkung aus. Auch eine starke literarische Vorlage fehlt. Das Thema selbst wurde im TV-Bereich bereits oft und erfolgreich behandelt. Da kein durchgängiger emotionaler Sog erzeugt wird, erscheinen uns siebenstellige Besucherzahlen wie bei „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ oder „Soul Kitchen“ nicht erreichbar zu sein. Eher wird sich das Endergebnis unserer Erwartung nach zwischen den 445.000 Kinozuschauern von „Little Miss Sunshine“ und den 580.000 von „Solino“ bewegen.


Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin 09.03.2011

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