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Filmbesprechung

Alki Alki

Buch: Heiko Pinkowski, Axel Ranisch, Peter Trabner
Regie: Axel Ranisch

Die Beschreibung von Sucht und Abhängigkeit ist ein gängiges und beliebtes filmisches Motiv und hat unterschiedlichste erzählerische Ansätze hervor gebracht. Verglichen mit all den bisherigen Modellen liefert dieser Film ein ganz besonders originelles Motiv: die Sucht wird ganz handgreiflich personalisiert. FLASCHE (Peter Treubner) ist eine männliche Figur, die niemand außer dem Protagonisten TOBIAS (Heiko Pinkowski) sehen kann. Der ungebetene Gast quetscht sich wie selbstverständlich in alle Lebenssituationen mit hinein und macht sich mit zunehmender Intensität der Sucht immer eigenständiger als Quälgeist bemerkbar.

Der immense erzählerische Vorteil besteht darin, dass dadurch eine extrem intensive Männer-Freundschaft im Vordergrund steht. Der Mann und seine Sucht stehen in einem zunehmend antagonistischen Verhältnis zur gut vernetzt geschilderten Umwelt (Ehefrau, Arbeitskollege), die zunehmend den Glauben verliert und sich von Tobias distanziert.

Dadurch hat der Film zwar eine sehr vorhersehbare Schicht (denn der Umgang mit der Sucht folgt einem bekannten und kaum je variierten Schema). Doch die Frage, WIE sich jetzt konkret Flasche verhalten wird, wenn es der Sucht an den Kragen geht, schafft Raum für Unvorhersehbares in der Beziehung zwischen den beiden Männern. Hier liegt eine immense Chance, aus dem deprimierenden Schema der Sucht-Schilderung auszubrechen. Insofern liefert die Grundidee eine großartige Chance.

Die Frage ist nur, wie viel dramatisches Potenzial, wie viel konkreter Wertekonflikt in dieser Umsetzung spürbar wird: wie heftig und intensiv gelingt es, Flasche zu einer eigenständigen Figur zu machen? Wie hoch sind die Höhe-, wie tief die Tiefpunkte? Wie wird sich für Tobias am Ende nach vollzogener Therapie ein Leben OHNE seinen besten Freund anfühlen?

Auf diese Fragen gibt "Alki Alki" keine allzu intensiven Antworten. Die Beziehung der beiden Buddies kennt zwar zu Beginn des Films ein, zwei Höhepunkte. Auch die Gelassenheit, mit der Flasche mitunter eigentlich ganz 'vernünftig' wirkt, spricht für dieses Konzept. Doch von der dämonisch-mefistotelischen Kraft, die in der Sucht steckt, realisiert der Film nur wenig. Weder kann man Flasche als besonders raffinieren Verführer erleben, noch setzt er sich gegen die eigene Entmachtung wirklich vehement zur Wehr. Insgesamt wird die Beziehung der beiden Männer von einer eher gleich bleibend freundlichen Entspanntheit geprägt. Die wirklich heftigen emotionalen Spitzen findet man kaum.

Daher sind die unvorhersehbaren Elemente des Films dann doch eher in der Unterzahl gegenüber dem, was erwartbar und längst bekannt ist. Der Kreislauf aus Verleugnung, guten Absichten, Abstürzen, Neubeginnen sieht in "Alki Alki" trotz der originellen Buddy-Geschichte nicht viel anders aus als in vielen anderen Filmen über Sucht.

Da bleibt die Auseinandersetzung der beiden 'Freunde' weder im Fall der innigsten Nähe, noch im Fall des heftigsten Konflikts wirklich zwingend im Gedächtnis. So dürfte "Alki Alki" am Ende doch viele Zuschauer, die sich zunächst von der originellen und poetischen Grundidee begeistern lassen, dann doch auch mit zwiespältigen Gefühlen zurück lassen. Wer sich mit der zweifellos immer wieder relevanten Thematik 'Sucht' auseinander setzen will, wird hier bestimmt kompetent unterhalten. Wirklich zwingende Gründe, den Film anderen vorzuziehen, liefert der Film für ein größeres Publikum jedoch vermutlich leider nicht.

München, 17.11.2015

Roland Zag


filmstarts.de