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Filmbesprechung

Alles inklusive

Buch und Regie: Doris Dörrie

Im Kern dreht sich der erzählerische Ansatz um einen Gegensatz von Vergangenheit (Backstory) und Gegenwart. Vor 30 Jahren lebte INGRID (Hannelore Elsner) mit ihrer Tochter APPLE (Nadja Uhl) am Strand von Torremolinos als leichtlebige Hippie-Aussteigerin. Heute kuriert sie am selben Ort die Folgen ihrer Hüftoperation und begegnet dort TIM (Hinnerk Schönemann), der sich jetzt TINA nennt und als Transvestit eher kümmerlich vegetiert. Tim/Tina gibt Ingrid die Schuld am Selbstmord seiner Mutter, weil sie, Ingrid, damals mit seinem/ihrem VATER (Peter Striebeck) Sex hatte. Heute treffen die Beteiligten von damals, emotional abgekühlt, wieder aufeinander. Und hier begibt sich, trotz aller Konflikte, das vom Dialog immer wieder herbeizitierte ‘Wunder’, dass die Kinderfreunde Apple und Tim sich neu verlieben.

In diesem Aufeinanderprall von Vergangenheit und Gegenwart, aber auch von stark unterschiedlichen Lebensentwürfen steckt einiges an emotionalem Potenzial, das der Film vor allem gegen Ende dann auch stimmig umsetzt.

Doch mit dieser Inhaltsangabe wird nur ein Teil des Ganzen abgedeckt. Denn da ist noch die ausführlich erzählte unglückliche Romanze zwischen Apple und ihrem TIERARZT (Fabian Hinrichs); dann gibt es auch noch die Beziehung zwischen Ingrid und dem Pool-Casanova HELMUT (Axel Prahl); und auch ein gestrandeter Nordafrikaner spielt, neben vielem anderen, eine Rolle. In all diesen Nebengeschichten ist nun die erzählerische Intensität, das gegenseitige Commitment und damit die dramaturgische Kraft weit unter der zentralen Geschichte angesiedelt. Dass sich Apple mit ihrem Tierarzt nicht wirklich gut versteht, wird sehr bald deutlich; dennoch muss man als Zuschauer lange Zeit mit dieser Geschichte zubringen, ehe sie dann lauwarm scheitert. Dass Ingrid von Helmut nicht wirklich was will, wird ebenfalls sofort klar. Dennoch steuert die Handlung auf eine Bettszene zu, die aber bezeichnender Weise nur gegen Geld funktioniert, was der inneren Beteiligung der Zuschauer auch nicht förderlich ist. Dieser Helmut fährt dann irgendwann ab – und hat unterm Strich dramaturgisch gar keine Funktion gehabt. Und der Afrikaner – vom tragischen Potenzial her nur schwer in der leichten Sommerkomödie unterzubringen – bleibt ebenfalls nur Episode.

“Alles Inklusive” wird also erzählerisch auf sehr ungleichen Niveaus bespielt. Einer grundsätzlich ergiebigen Auseinandersetzung der heutigen Zeit mit dem Lebensentwurf der Hippiezeit samt freier Liebe – womit man viel anfangen könnte – stehen viele Elemente entgegen, die weit schwächere Konflikte abhandeln.

Für das Genre ‘Episodenfilm’ aber ist es gefährlich, wenn die erzählerische Intensität sehr unterschiedlich ausfällt. Die großen Beispiele dieser Erzählform zeichnen sich alle durch Gleichwertigkeit aus: erst wenn jeder Erzählstrang in etwa eine ähnliche Dichte und Wucht aufweist, entsteht zwischen den unterschiedlichen Fäden eine innere Vernetzung, in der die erzählerische Idee des Ganzen sich in jedem seiner Teile unterschiedlich spiegelt.

An diese Kunst, die Doris Dörrie einst in “Bin ich schön” beherrschte, reicht “Alles Inklusive” kaum heran. Entsprechend lauwarm fällt die Resonanz der Kritik, aber auch das Interesse an der Kinokasse aus.

München, 14.3.2014

Roland Zag

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