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Filmbesprechung

ALLES WAS KOMMT

 

Buch und Regie: Mia Hansen-Love

 

Zunächst wirkt die Ausgangslage alles andere als ungewöhnlich: Die Philosophie-Dozentin NATHALIE (Isabelle Huppert) sieht sich plötzlich von ihrem Mann HEINZ (André Marcon) verlassen; ihre Publikationsreihe wird eingestellt und die Mutter muss ins Altersheim, wo sie bald stirbt. Zurück bleibt eine ungeliebte Katze, die Nathalie bei sich aufnehmen muss. Der Hauptfigur wird also subtil der Boden unter den Füssen weg gezogen. Dies ist grundsätzlich keine ungewöhnliche Ausgangslage.

 

„Alles was zählt“ zeichnet sich aber nun dramaturgisch dadurch aus, dass der Film alle erwartbaren ‚Plot Points’, Entwicklungsmuster oder erzählerischen Klischees nicht bedient. Nathalie lernt KEINEN neuen Mann kennen; sie kommt auch dem alten Lieblingsschüler FABIAN (Roman Kolinka) nicht wirklich näher; sie wirft ihre alten Überzeugungen nicht über den Haufen und nimmt auch keinen neuen Job an. Selbst die naheliegende Versöhnung mit dem Ex-Ehemann bleibt aus.

 

„Alles was zählt“ ist also ein Film ohne Wendepunkte, dafür mit sehr wenig äußeren und auch nur dezent angedeuteten inneren Konflikten. Damit widerspricht er grundsätzlich (einmal mehr) allen herkömmlichen Drehbuchlehren. Dennoch entsteht eine Spannung, die sich irgendwann in einer durchaus erfüllten erzählerischen Absicht niederschlägt.

 

Denn man kann durchaus einen Antagonismus finden – jedoch einen sehr übergeordneten, ja geradezu archaischen. Denn die Kraft, gegen die Nathalie arbeitet, ist die Zeit selbst. Es geht weniger um das Altern, als um das Sich-Fügen. Nathalie lernt im Verlauf des Films, sich dem Fluss der Ereignisse hinzugeben. Das Leben geht weiter. Während sie sich zu Beginn noch dagegen zu sperren scheint, lässt sie das Fließen irgendwann zu.

 

Diese Beobachtung macht man als Zuschauer erst sehr spät, und sie wird uns nicht in plumpen dramaturgischen Manövern und Pointen vor Augen geführt, sondern durch ein subtiles, unmerkliches Sich-Verändern der Elemente. Wenn Nathalie die Mutter erst ablehnt, kümmert sie sich dennoch um sie. Wenn sie deren Katze erst nicht haben will, gewinnt sie das Tier dann doch lieb. Wenn sie wütend auf ihren Mann ist, kann sie seine Entscheidung dann doch akzeptieren. Wenn sie mit den jungen Leuten, bei denen sie wohnt, Meinungsverschiedenheiten hat, kann sie sich doch ohne Streit verabschieden.

 

Insofern weist „Alles was kommt“ keine Wendepunkte auf, vielmehr könnte man eher von Wendungs-Phasen sprechen. Die Dinge ändern sich nicht ruckartig, sondern langsam und fließend. Zugute kommt  Nathalie dabei ihr extrem ausgeprägtes Wertesystem. Die Philosophie, mit der sie sich ein Leben lang beschäftigt hat, bietet zwar nicht in jeder Lebenslage ein Patentrezept. Aber sie verhindert auch, dass sie aus der Bahn geworfen wird.

 

Diese Erzählweise ist sehr ungewöhnlich. Sie unterläuft alle Erwartungshaltungen der Zuschauer (die sich vielleicht auch mittendrin gelinde gelangweilt fühlen könnten) – erfüllt die Idee einer erzählerischen Absicht aber dann doch. Die Wandlung der Figur vollzieht sich sehr wohl – aber nicht in sich selbst, sondern in Bezug auf die Zeit und die Umwelt, in der sie lebt.

 

Insofern bietet es sich zwar einerseits an, den Film rein äußerlich als als typisch französisches Sittengemälde zu betrachten – was er aber doch nicht ist.. „Alles was kommt“ ist weder Drama noch Komödie, sondern eine Art von (durchaus bewegter) Meditation über das Thema ‚Veränderung’. Man muss filmhistorisch schon sehr weit zurück blicken, um auf vergleichbare filmische Entwürfe zu stoßen. Am ehesten wäre der Film mit den stillen Werken von Yasujiro Ozu aus den Sechzigerjahren zu vergleichen.

 

Damit wird die Sonderstellung dieser Arbeit recht gut gekennzeichnet. Der Film ist noch stiller und ereignisärmer als der vergleichbare „45 Years“, der letztes Jahr ein durchaus wahrnehmbares Publikum zu erreichen vermochte. Die Sensibilität und Bereitschaft, auf Nuancen zu achten, setzt auch „Alles was kommt“ voraus. Man darf aber annehmen, dass diese beim Zielpublikum (über 45 Jahre alt) auch vorzufinden ist. Insofern wäre dem Film dank guter Mundpropaganda eine etwas längere Laufzeit als üblich zuzutrauen. „Alles was zählt“ wird sicherlich kein Renner. Aber ganz untergehen dürfte der Film dank seiner subtil poetischen Dramaturgie dann eben doch nicht.

 

München, 19.8.2016

 

Roland Zag

 

 

 

Julieta

Quelle: Weltkino