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Filmbesprechung

Atmen

Buch und Regie: Karl Markovics

Auf den ersten Blick scheint sich der Film einer Erzählweise verschrieben zu haben, die man aus der sogenannten “Berliner Schule” kennt, wobei man aber mit Fug und Recht auch von einer “Wiener Schule” reden könnte (Haneke, Spielmann, Seidl etc.). Das erzählerische Dogma dieser Erzählform ließe sich (bei aller Vorsicht vor Verallgemeinerungen) mit einer anti-psychologischen, nicht-kausalen Grundhaltung beschreiben. Filme wie “Der Räuber”, “Unter mir die Stadt” oder “Import/Export” gehen davon aus, dass menschliches Verhalten nicht aus einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang beschreibbar ist. Daher spielen in den genannten Filmen Backstories oder psychologische Begründungen kaum eine Rolle. Aus künstlerischer Sicht mag dieser Blick auf die erzählten Figuren konsequent und faszinierend sein. Resonanz beim Publikum findet dieser  sich allem Erklärenden verweigernde Ansatz oft nur sporadisch.

“Atmen” scheint zunächst zur selben Kategorie zu gehören: karge Bilder, öde Landschaften, maulfaule, oft schlecht gelaunte Protagonisten. Doch aus den minimalistischen Zeichen der Erzählung erwächst dann doch ganz langsam das Bild des jugendlichen Delinquenten ROMAN (Thomas Schubert), der durch seine Arbeit als städtischer Bestatter auf eine zwischenmenschliche Spur gebracht wird, die ihn direkt an die neuralgischen Punkte seiner Vergangenheit führt.

Im Lauf der Arbeit bekommt Roman  die Gelegenheit, etwas über seine leibliche Mutter MARGIT (Karin Lischka) zu erfahren. Durch diesen Kontakt entsteht ein untergründiger, stark wirksamer Sog. Roman WILL etwas. Er hat eine Richtung, einen dramaturgischen Vektor. Diese allmählich spürbare BINDUNG hilft dem Film enorm. Thomas’ Reise hin zu seiner leiblichen Mutter ist auch eine zu seinen Wurzeln und dem Trauma, das ihm das Atmen so schwer macht (und wohl auch indirekt als Auslöser für sein Verbrechen gesehen werden kann). So landet “Atmen” dann also doch bei einer Erzählweise, die dem Zuschauer immer mehr über den Protagonisten und seine Traumata mitteilt. Das Bedürfnis nach psychologischen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen wird befriedigt.

Damit einher geht auch ein ebenso minimalistisch erzählter, aber spürbarer Zugewinn an zwischenmenschlicher Bindung. Insbesondere die Beziehung zu RUDOLF (Georg Friedrich) wird bei aller Lakonie immer dichter und intensiver. Schon das Binden einer Krawatte kann da zu einer Art Liebeserklärung werden. Auch dieser Zuwachs hilft dem Film.

Zuletzt darf man auch das geschilderte Milieu der städtisch angestellten Bestatter als ungewöhnlich spannend  betrachten. Die Auseinandersetzung mit dem gemeinhin oft tabuisierten Thema “Sterben” sowie der Entsorgung der Leichen sorgt bei “Atmen” zusätzlich für eine Form der sozialen Relevanz. Natürlich gehören Sterben und Tod zu hoch emotional aufgeladenen Motiven unseres Daseins. Der Umgang damit verleiht dem Film zusätzliche dokumentarische Attraktivität. Selten wurde man im Kino so drastisch und doch unspekulativ mit dem Thema konfrontiert.

So steckt in “Atmen” vergleichsweise starkes Potenzial, weil letztlich doch das Thema “Bindung und Beziehung” zur Hauptsache wird. Auch wenn der Wohlfühl-Faktor sehr gering ist, dürfte der Film im Arthouse-Segment auf einige Aufmerksamkeit stoßen – selbst wenn das harte österreichische Idiom wieder für einige Abschreckung sorgen kann. Insofern ist es durchaus möglich, dass der Film innerhalb der engen Grenzen, die derartigen Erzählformen gesteckt sind, für Aufsehen sorgt. Zahlen von um die 20.000 Zuschauer wären im Vergleich schon ein sehr großer Erfolg, und sie sind möglich. Sogar mit etwas mehr kann gerechnet werden.

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag
München, 08.12.2011

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