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Filmbesprechung

Baikonur

Buch: Sergej Ashkenazy und Veit Helmer; Regie: Veit Helmer

Veit Helmer hat schon einige Geschichten im Osten Europas spielen lassen und mit märchenhaft-urwüchsig-träumerischen Qualitäten verbunden. Doch die starken Kontraste, die in „Baikonur“ wirksam werden, sind neu. Die Polarität ist von Welt vs. Gegenwelt ist klar gegeben: Dorf steht gegen  Weltraum, Schrottsammler gegen Kosmonauten, Abfalltechnik gegen Hightech, Pferdewagen gegen Raketen. Der „Culture Clash“schafft wichtige Voraussetzungen für emotionale Publikumsresonanz.

Dabei steht der Dorffunker ISKANDER (Aleksandr Asochakov) zwischen den Welten. Sein Zugehörigkeitskonflikt steht im Zentrum. Wenn er nicht auf der Basis von Funkdaten die Absturzpunkte der schweren Schrottteile berechnet, droht eine tödliche Gefahr für die Dorfbewohner: seine Eltern und die der Außenseiterin NAZIRA (Sitora Farmonova) sind dadurch ums Leben gekommen. Er weiß also, was auf dem Spiel steht und welche Verantwortung er trägt.

Dagegen steht sein großer und unerfüllbar erscheinender Traum, so wie  die französische Weltraumtouristin JULIE (Marie de Villepin) ins All zu fliegen. Eine starke Benachteiligung ist durch den Mangel an Geld (20 Mio. EUR hat Julie gezahlt) allerdings nicht gegeben. Dennoch wird spürbar, dass Iskander durch die Nähe zum Weltraumbahnhof leidet und zugleich ins Träumen gerät. Durch Funkkontakt und Fernsehbilder kann er diese starke ideelle Bindung immerhin pflegen.

Der märchenhafte Coup des Drehbuchs besteht nun darin, Iskander mit Julie in direkten Kontakt miteinander zu bringen. Sie stürzt bei ihrer Landung ab. Iskander versteckt sie in seiner Jurte und gerät nun in einen Konflikt zwischen seinen Bindungen. Welche wird sich durchsetzen? Die dadurch entstehende Spannung wird allerdings dadurch arg schnell  entschärft, indem Iskander sich für die Gefühlsbindung zu der zunächst bewusstlosen Schönen entscheidet.

Dafür vernachlässigt er sogar seine Verantwortung für das Dorf, weil er das Funkgerät links liegen lässt und sich – im Bunde mit der eifersüchtigen Nazira – nur noch um die Frage kümmert, wie er Julie wieder zu Bewusstsein bringt. Dadurch droht sich die Empathie der Zuschauer von ihm zu entfernen. Der märchenhaften Inszenierung und Darstellung gelingt es allerdings, die emotionale Beteiligung an der Begegnung der beiden ungleichen Menschen nicht abreißen zu lassen, obwohl diese Lösung klar als Illusion – wenn auch schöne – erkennbar wird. Dafür ist auch der Anteil der Illoyalität zu hoch, der notwendig ist, um Julie, an Iskander zu binden. Entsprechend schnell verschwindet sie, nachdem der Schwindel aufgedeckt ist.

Es ist die Ironie dieses Märchens, dass ausgerechnet der geplatzte Traum Iskander der ersehnten Weltraumfahrt so nahe bringt wie nie zuvor. Er entscheidet sich gegen das Dorf und für die Arbeit im Weltraumbahnhof. Erst die erneute Begegnung mit Julie lässt Iskander zur Besinnung kommen. Jetzt erst entscheidet er sich für die Bindung an sein Dorf. Auch wenn diese Wunscherfüllung nicht stark aufgeladen wirkt, gibt Naziras  Wandlung doch eine warme, wenn auch einseitige Note. Insofern wird in “Baikonur” das emotionale Potenzial generell gut entwickelt, doch nicht wirklich ausgenutzt.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

“Tuvalu” war das Kinodebüt von Veit Helmer und zugleich sein größter Erfolg: 50.000 Zuschauer sahen 2000 dieses romantisch-verträumte Drama. Die weiteren Filme haben weit weniger Resonanz gefunden: “Tor zum Himmel” (2003) erreichte 6.500  und “Absurdistan” (2008) 8.000 Kinozuschauer. Von der Besetzung geht bei “Baikonur” keine entscheidende Zusatzwirkung, obwohl es sich bei Marie de Villepin um ein gefragtes Model und die Tochter eines in Frankreich berühmten Politikers handelt. Auch von der Relevanz und Dringlichkeit her gesehen sind keine starken Anzeichen zu erkennen. Dennoch ist eine positive Weiterempfehlungsrate vor allem aufgrund der tollen Schauwerte inklusive hautnahem Raketenstart und der reizvollen Machart wahrscheinlich. Insofern kann man schlussendlich zwischen 40.000 und 55.000 Zuschauer für “Baikonur” erwarten.

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin 02.09.2011

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