aktuelle

Filmbesprechung

BECKS LETZTER SOMMER

Regie: Frieder Wittich / Buch: Frieder Wittich und Oliver Ziegenbalg nach dem Roman von Benedict Wells

Die Romanverfilmung von BECKS LETZTER SOMMER  beschäftigt sich zentral mit der Erfüllung von Lebensträumen. ROBERT BECK (Christian Ulmen) ist an der Umsetzung seiner früheren Wünsche vorläufig gescheitert. Seine Karriere als Songschreiber und Rocksänger hat er bereits vor Jahren gegen die Sicherheit eines Lehrerjobs eingetauscht. Seither leidet er unter der Banalität seines Berufsalltags.

Als auslösendes Ereignis tritt der hochbegabte junge RAULI (Nahuel Perez Biscayart) in Becks Leben. Der Lehrer erkennt sofort, dass er mit dem talentierten Gitarristen wieder an vergangene glorreiche Zeiten anknüpfen kann. Becks ‚Want’ ist dadurch offensichtlich: Er will endlich den Ruhm einheimsen, der ihm nie zuteil wurde. Er möchte eine Berühmtheit werden, indem er Rauli mit seinen eigenen Liedern und Texten groß rausbringen will. Doch die Sache hat einen Haken: Sein ehemaliger Mitstreiter und Freund (Fabian Hinrichs) beim Großlabel Universal ist nur an Raulis Talent interessiert, nicht aber an Becks Songs. Beck weigert, sich den begabten Gitarristen freizugeben und verschweigt Rauli das lukrative Angebot von Seiten des früheren Freundes. So kippt die Beziehung ins Illoyale.

Eine weitere Begegnung im ersten Akt ist LARA (Friederike Becht).  Beck rettet sie vor ihrem aggressiven Ex-Freund und beginnt mit ihr eine intensive Liebesbeziehung. Sie eröffnet ihm, dass ihr Lebenstraum in der Ausbildung an der römischen Modeschule liegt. Als Lara dort angenommen wird, reagiert Beck mit Unverständnis, woraufhin sie den Kontakt völlig abbricht. Auch hier steht irgendwann die Illoyalität im Raum.

Becks Egoismus, verbunden mit seiner Sehnsucht nach Ruhm, steht den Lebensträumen von Rauli und Lara konträr entgegen. Innerhalb der Filmhandlung begreift Beck, dass seine Erwartungshaltung der mit Lebensverwirklichung von Rauli und Lara unlösbar verbunden ist. Sein verborgenes ‚Need’ besteht darin, seinen inneren Kern wiederzufinden und selbst mit seinen eigenen Songs auf die Bühne zu gehen.

Die Wandlung Becks (und es gibt keinen Zweifel daran, dass hier eine Wandlung der Hauptfigur erzählt werden will…) sollte also dramaturgisch auf mindestens zwei Ebenen deutlich werden:

-       Einerseits wäre es wichtig, zu zeigen, wie Beck aus der Lethargie des Beamtentums heraus das Gefühl auf eine einmalige Chance für einen verspäteten Ruhm entwickelt.

-       Und andererseits müsste das Drehbuch deutlich machen, dass es weniger um Berühmtheit auf Kosten anderer geht, sondern darum, die eigene Stimme zu finden – gleichgültig, wie viel momentanen Erfolg das verspricht.

Diese wesentliche Entwicklung des Protagonisten wird in dem Film jedoch nur in Ansätzen erzählt. Tiefer greifende dramatische Umschwünge sind schwer zu erkennen. Das Aufeinandertreffen mit Rauli und Lara und das darauffolgende Dilemma lösen keine wirkliche innere Unruhe oder existentielle Krise aus. Für Beck steht nicht viel auf dem Spiel. So bleibt der Protagonist die längste Zeit in seiner dramaturgisch problematischen Antriebslosigkeit gefangen. Dadurch bleiben wesentliche Konflikte zwischen den Figuren unbespielt. Eine vorwärts treibende Dynamik kommt kaum in Gang.

Vordergründig könnte man nun einwenden: ‚Becks letzter Sommer’ weist dennoch einiges an ‚human factor’ auf. Denn für seinen drogenabhängigen Freund CHARLIE (Eugene Boateng) z.B. setzt sich Beck nachdrücklich ein: er repräsentiert Becks altes Leben, er bringt ihn in die Entzugsklinik und betreut seinen Hund. Als ihn Charlie bittet, mit ihm nach Istanbul zu fahren, überwindet Beck seinen Egoismus und macht tatsächlich etwas für jemanden anderen. Doch letztlich bleibt Geben und Nehmen zwischen beiden doch recht ungleich verteilt; Becks passiv – desinteressiertes Verhalten ändert sich auch hier letztlich nur minimal.

In „Becks letzter Sommer“ sind es also eher die Nebenfiguren, die sich wandeln. Rauli erteilt Beck eine Absage und geht zu Universal. Auch Lara beendet die Beziehung mit Beck, als sie merkt, dass Beck der Erfüllung ihres Lebenstraums im Wege steht. Beck folgt Lara zwar nach Italien, doch wie es ihm gelingt, sie zurück zu gewinnen, wird nicht erzählt. Ein Zeitsprung zeigt ihn zuletzt in Rom mit einer wieder glücklichen Lara bei seinem Auftritt als Solokünstler – wobei die Frage, wie es zu dieser dann doch überraschenden Wandlung kam, eher ausgespart bleibt.

Insgesamt lautet also das Fazit: Der Film zielt durchaus auf eine zwischenmenschlich-empathische Wahrnehmung ab. Doch ein Ausgleich in der Anerkennung anderer Lebensträume findet in „Becks letzter Sommer“ kaum statt. Um ein größeres Publikum wirklich tief zu berühren, wäre es vermutlich wirkungsvoller gewesen, die inneren und äußeren Konflikte der Hauptfigur weit mehr zu schärfen.  Die nur angedeutete Wandlung der Hauptfigur, verbunden mit ihrer Passivität dürfte die nötige emotionale Tiefe vermissen lassen. Daher ist es leicht möglich, dass der Film in der Zuschauerresonanz voraussichtlich unter den Erwartungen bleibt.

02.08.2015, Jochen Strodthoff, Roland Zag

filmstarts.de