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Filmbesprechung

BERGBLUT

Buch und Regie: Philipp J. Pamer

Der Film wirkt zunächst wie ein Anachronismus. Der “Heimatfilm” scheint schon längst tot – doch in diesem Fall ersteht er wieder auf. “Bergblut” wandelt beständig auf dem schmalen Grat zwischen Kitsch und Klischee (Musik!), altmodischer Attitude und zeitgemäßer Härte. Doch überwiegend hält der Film die Balance und stürzt kaum je wirklich ab, was der recht schonungslosen Darstellung der bäuerlichen Verhältnisse im Tirol des Jahres 1809 zu verdanken ist, sowie dem harten Dialekt, der Authentizität erzeugt. Die Filmsprache ist also durchaus in der Lage, die Story adäquat zu transportieren.

Dabei erweist es sich als glückliche Wahl, die Geschichte der Befreiungsbewegung unter Andreas Hofer aus der Perspektive von KATARINA (Inga Birkenfeld) zu erzählen. Denn indem die reiche Arzttochter aus Augsburg ins abgelegene Passeiertal kommt, ergibt sich ein sehr wirksamer Zugehörigkeitskonflikt. Katarina wird innerhalb der Familie ihres Ehemanns FRANZ (Wolfgang Menardi) zunächst, neusprachlich ausgedrückt, gemobbt. Das Unrecht, die Ausgrenzung ist manifest und vermittelt sich emotional sehr stark. Katarina muss sich heftig anstrengen, um allmählich anerkannt zu werden. Dass dies über Beiträge für andere geschieht (sie hilft dem Vater bei der Heilung einer Verletzung), hilft der Story.

Zugleich spielt die soziale Relevanz eine Rolle. Es geht um die Befreiung vom Joch der Franzosen und Bayern; den Tirolern bedeutet das sehr viel. Auch der Gruppendruck wird deutlich, der Franz dazu zwingt, mit in die Schlacht am Berg Isel zu ziehen.

Nachdem diese Schlacht gewonnen ist, lässt die Spannung erheblich nach. Sie zieht erst wieder an, nachdem eine weitere, aber diesmal ganz aussichtslose letzte Auseinandersetzung mit Napoleon ansteht. Hier nun begeht Katarina eine folgenschwere, aber auch sehr schwer nachvollziehbare Tat: sie verstümmelt ihren Ehemann und macht ihm zum Krüppel. Das lässt sie schwer schuldig werden, und im weiteren Verlauf muss sie diese Tat auch büßen. Abermals wird sie eine Ausgestoßene, und abermals muss sie mit Ausgrenzung kämpfen (aber auch mit Schuldgefühlen). Hier erreicht der Film emotional vielleicht sogar seinen Höhepunkt: denn obwohl Katarina ein nicht wieder gut zu machendes Verbrechen an ihrem Mann begangen hat, nähert sie sich dessen Bruder HERMANN (Anton Agrang) an und wird als Ärztin immer selbständiger und wirksamer. Ergiebig ist die Annäherung an den Führer der Franzosen, denn bei ihm kommt sie auch wieder der gesellschaftlichen Sphäre der Herkunft nahe.

Nach der verlorenen Schlacht allerdings verliert der Film etwas den Faden. Auf einmal tritt HOFER (Klaus Gurschler) in den Mittelpunkt, und mit ihm ein politischer Konflikt, der zuvor kaum vertieft worden war. Emotional erst recht fragwürdig ist die plötzliche Versöhnung mit Franz, der seinen Alkoholsucht von einem Moment auf den anderen überwindet. Die finale Bettszene des Films fühlt sich falsch an – denn das Verhältnis zwischen Katarina und Franz war längst erloschen und durch ihre unglaubliche Tat eigentlich schwerst belastet (während eine Verbindung mit Hermann plausibler gewesen wäre).

Überhaupt ist der Strang der Liebesgeschichte (wie so oft) der schwächste. Ein Austauschmedium, das uns erzählt, auf welcher inneren Ebene Franz und seine Ehefrau gemeinsam fühlen, fehlt von Beginn an. Das rächt sich am Schluss, wo die Versöhnung künstlich und unglaubwürdig wirkt.

Dennoch überwiegen die positiven Aspekt. “Bergblut” ist bei aller Nähe zu “Blut und Boden”-Filmen eine ernst zu nehmende Arbeit, die dank heftiger Zugehörigkeitskonflikte erzählerisch durchaus bestehen kann.

MARKTCHANCEN:

“Bergblut” hat am Markt Chancen, wenn auch nur in Süddeutschland. Auf Stars und Namen kann der Film gar nicht zurück greifen (weshalb Vergleichszahlen wie die für “Nordwand” – ca. 500.000 – oder “Bergkristall” – ca. 250.000 – unrealistisch sind). Dafür dürfte gerade das scheinbar altbackene Erscheinungsbild auch wie ein Alleinstellungsmerkmal fungieren. “Bergblut” hat am Markt im Augenblick kaum ernsthafte Konkurrenz.

Entscheidend – und unvorhersehbar – dürfte die Frage sein, wo sich innerhalb Deutschlands die Grenze befindet, jenseits derer die Auseinandersetzung mit dem Bayerisch-Tirolerischen Konflikt an Interesse verliert und das Publikum keine Lust mehr auf untertiteltes Tirolerisch hat. Aufgrund der regionalen Problematik sind in diesem Fall Schätzungen besonders schwer. Aber trotz aller Nachteile müssten Werte um die 50.000 Zuschauern (ein Fünftel von “Bergkristall”) durchaus drin sein.

München, 31.1.2011

Roland Zag

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