aktuelle

Filmbesprechung

BESTE CHANCE

Buch: Karin Michalke; Regie: Marcus H.Rosenmüller

Die innere Thematik des Films bildet sich in der Gegensätzlichkeit der Welten sehr gut ab: da ist einmal ein sehr provinzielles Dorf irgendwo in Bayern, wo sich sehr wenig tut. Und da ist auf der anderen Seite ein an Dynamik und Irrwitz überbordendes Indien. So wird die zentrale Fragestellung recht gut klar. Wo ist das Leben intensiver, stimmiger, ‘richtiger’: im engen Kreis der ‘Heimat’, oder im exzessiven Ausleben des Freiheitsdranges irgendwo weit weg?

Mit dieser Fragestellung haben alle Figuren mehr oder weniger direkt zu tun: die zuhause gebliebenen ROCKY (Ferdinand Schmidt-Modrow) oder TONI (Volker Bruch); die beiden Väter auf der Suche nach ihren Töchtern; und vor allem natürlich die Hauptfiguren, KATI (Anna-Maria Sturm) und JO (Rosalie Thomass). Es gehört zu den Stärken des Films, dass er sich auf diese Thematik sehr präzise verlässt und sie kaum je verlässt. Alle Figuren durchleben ihre Entwicklungen in dem Spannungsfeld zwischen engster Heimat und dem Gefühl exzessiver Freiheit in der Fremde. Der ‘human factor’ ist insofern hoch, als die Freundinnen Jo und Kati innerlich intensiv miteinander verbunden scheinen; als die Väter sich ebenfalls intensiv um ihre Töchter bemühen, und weil Kati in Indien einem benachteiligten Kind hilft.

Zum Culture-Clash Bayern vs. Indien kommt auch ein Clash der inneren Haltungen: während die ambitionierte Studentin Kati zunächst eher verbissen ‘deutsch’, also strebsam und verkrampft wirkt, erfährt sie in Indien genau wie ihr Vater und dessen Freund eine Veränderung hin zum Fatalistisch-Entspannten. Dem hilft die Dramaturgie kräftig nach, indem hier haarsträubende Zufälle bemüht werden, die man dann unter dem Stichwort ‘Karma’ einer übersinnlichen Schicksals-Bestimmung zuschreiben kann: wenn Kati im übervölkerten Indien ausgerechnet auf den Mann trifft, der ihre Freundin Jo geschwängert hat, dann muss schon eine höhere Kraft ihre Finger im Spiel haben.

Allerdings bringt die stark plot-orientierte Erzählweise, die sehr viele Nebenfiguren liebevoll auserzählt, auch eine Schwäche in der Charakterzeichnung mit sich. Denn vom Innenleben der Figuren erfahren wir am Ende doch viel weniger, als möglich und wohl in diesem Kontext auch wünschenswert. Wenn nämlich Jo nach Bayern zurück kehrt, bleibt ihre Schwangerschaft seltsam unerzählt: was sie nun eigentlich mit ihrem Leben vorhat; was ihr der Ashram in Indien gebracht oder genommen hat; welche beruflichen oder familiären Pläne sie verfolgt, bleibt außen vor.

Bei Jo verhält es sich nicht sehr viel anders: von Haus aus zwischen starkem Egoismus und starkem sozialem Engagement pendelnd, bleibt ihre Entwicklung in Indien doch vage. Man darf es als innere Entwicklung sehen, wenn sie am Ende aufhört, Architektur studieren zu wollen. Doch welche Erfahrung nimmt sie aus dem Abenteuer mit dem kleinen Mädchen mit, für das sie sich so tapfer einsetzt? Wie geht sie mit der enttäuschenden Erfahrung im Kontakt mit dem Deutsch-Südafrikaner um? Was bedeutet es für sie, ihrem Vater zu begegnen? Und wie kommt sie damit klar, ihre so wichtige Freundin Jo jetzt doch nicht zu sehen? Hier bleiben die Charaktere und ihre tieferen Bedürfnisse eher auf der Strecke. Insofern ist “Beste Chance” zwar bunt und von positiver Energie durchpulst, aber an keinem Punkt wirklich berührend oder zu Herzen gehend.

Dennoch entwirft “Beste Chance” eine präzise Fragestellung, die in einem figuren- und temporeichen Szenario sehr bunt abgearbeitet wird. Diese Fokussierung auf eine klare innere Thematik dürfte dem Film einen guten Stand am Markt sichern – wenn auch vermutlich nur in Süddeutschland. Im Vergleich zu den beiden anderen Filmen könnte sich “Beste Chance” relativ gesehen in Bezug auf Zuschauerzahlen sogar tatsächlich die besten Chancen ausrechnen.

München, 14.7.2014

Roland Zag

Bildunterschrift