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Filmbesprechung

Bis zum Horizont, dann links

Buch und Regie: Bernd Böhlich

Das Altenheim als todesnahe Einbahnstraße für Menschen, die anderweitig keine Verwendung mehr finden und abgeschoben werden sollen – das ist in unserer  Zeit, in der die Großfamilie am Verschwinden ist, der Alptraum. In “Bis zum Horizont, dann links” nimmt sich die Dramaturgie viel Zeit, um die seelische Verfassung von Menschen zu beschreiben, die sich aufs Abstellgleis gesetzt fühlen, obwohl sie noch im Vollbesitz ihrer Kräfte sind. Vor allem TIEDGEN (Otto Sander) und MARGARETE (Angelika Domröse) leiden im ersten Akt unter  Monotonie und mangelnder Autonomie,  im Heim. Gerade die Langsamkeit, mit der der Film startet, lässt ein starkes Gefühl für die Sehnsucht nach Veränderung aufkommen.

Und diese Veränderung lässt dann auch nicht auf sich warten: beim  Rundflug in einem Oldtimer  startet Tiedgen eine veritable Flugzeugentführung. Mit einem mal wird es unter den Alten wieder lebendig. Jetzt wird es konfliktreich und entsprechend spannend: Die einen unterstützen Tiedgens rabiaten Plan, sich gegen die Heimleitung zur Wehr zu setzen – die anderen wollen wieder nach Hause zurück. In dieser Phase des Films entsteht ein mitreißendes Gefühl von Aufbruchstimmung. Tiedgens flammendes Plädoyer für das Recht auf Selbstbestimmung  wirkt zündend. Die Alten haben endlich mal wieder Spaß, und bei der Inszenierung eines terroristischen Aktes können einige sogar nochmals mit ihren individuellen Fähigkeiten glänzen.

Die Flugzeugentführung verleiht dem Film gleich auf mehreren Ebenen einen Schub: sozial gesehen wird innerhalb der Maschine ein starkes Gemeinschaftsgefühl spürbar; auf der rationalen Ebene macht es Spaß, zu sehen, wie die Flugsicherung in Wien hinters Licht geführt und ausgetrickst wird; und rein visuell bieten die Flugaufnahmen mit der Überquerung der Alpen starke Bilder. “Bis zum Horizont, dann links” scheint also lange Zeit auf einem guten Weg  zum  Publikumshit. Die Zeichen stehen günstig.

Und doch dürfte sich bei der Mehrzahl der Zuschauer nach dem Ende des Films Enttäuschung und Ernüchterung breit machen. Denn sobald die Maschine nach langem Flug in Griechenland (?! – die weite Strecke scheint doch eher unwahrscheinlich…) gelandet ist, versackt und versandet der Schwung. Woran liegt das?

Dramaturgisch  gibt es dafür mehrere Erklärungsmuster. Man könnte erstens auf die alte Regel verweisen, dass ein Film niemals dann enden sollte, wenn das äußere Ziel erreicht wurde. Denn im Standardfall dient der dritte Akt IMMER dazu, eine neue, andere Richtung einzuschlagen. Diese neue Richtung, dieser zweite Wendepunkt fehlt. Die Wirkung ist eklatant: während der Zuschauer auf eine Rückbewegung, oder ein Pay-Off für all das wartet, was davor gepflanzt wurde, passiert hier — nahezu nichts mehr. Das Erreichen des äußeren Ziels sollte eben dramaturgisch NICHT das Ende des Films sein. Im Gegenteil wäre hier nur der Anstoß für eine neue, innere Entwicklung angebracht. Diese aber bleibt aus. Der Film endet eigentlich mit dem Ende des zweiten Akts. Das schlägt sich in einer seltsamen Leere nieder.

Man könnte denselben Sachverhalt auch so ausdrücken, dass “Bis zum Horizont, dann links” auf der Ebene des “Want” ganz befriedigend funktioniert; die tiefere, innere Ebene des “Need” aber bleibt unberührt. Dies wird im Fall der beiden Protagonisten besonders deutlich. Denn Margarete hat ein großes, ungestilltes inneres Bedürfnis: sie braucht Kontakt zur Familie des Sohnes. Auf dieser Ebene aber geht nichts weiter. Eine Annäherung findet hier gar nicht statt, und Margarete ist am Ende so einsam wie zu Beginn.

Noch deutlicher wird der Mangel im Fall von Tiedgen, dem die Geschichte keine Backstory, und damit auch kein Innenleben gönnt. Tiedgen hat sein Ding durchgezogen – in der Konsequenz bleibt ihm davon nichts. Auch er ist am Ende so einsam wie zu Beginn. Niemand ist ihm näher gekommen, auch der Zuschauer nicht.

Und unter den übrigen Fluggästen kam esebenfalls nur unwesentlich zur Annäherung, Vertiefung oder sozialen Verbesserung. Insofern wirken die letzten Bilder des Films nahezu bitter. Nur für einzelne Fluggäste hat sich in der Einsamkeit Griechenlands ein neuer Lebensentwurf aufgetan. Die alten Leute wirken buchstäblich wie “bestellt und nicht abgeholt”. Ein mitreißendes Gefühl des Schwungs sieht anders aus.

Insofern  ist damit zu rechnen, dass  ”Bis zum Horizont, dann links” beim Publikum trotz Phasen mit echter Unterhaltungsqualität am Ende doch vorwiegend eher Ratlosigkeit und Enttäuschung hinterlässt. Wirkliche Mundpropaganda dürfte sich kaum einstellen.

MARKTEINSCHÄTZUNG

Grundsätzlich sind die Aussichten für einen Film wie “Bis zum Horizont, dank links” sehr gut. Vor nicht so langer Zeit hat der ähnlich gelagerte “Dinosaurier – Gegen uns seht ihr alt aus” trotz einiger Einwände noch über 200.000 Zuschauer angezogen. “Best Exotic Marigold Hotel” kam dieses Jahr auf noch viel mehr Zuschauer.  Ähnliche Zahlen hätte man dem vorliegenden Film im besten Fall auch zugetraut.

Doch allzu starke äußere Argumente sind nicht zu erkennen. Otto Sander und Angelika Domröse sind sicherlich beliebte Schauspieler, aber keine Stars. Alle anderen Mitwirkenden wie Robert Stadlober oder Anna-Maria Mühe haben zwar ihren Marktwert, aber  wenig alleinige Attraktivität für den Kinomarkt. Der Film ist also gezwungen, sein Publikum vorwiegend über den Weg der Mundpropaganda zu erreichen.

Diese dürfte sich aufgrund der beschriebenen Mängel in der dramaturgischen Qualität kaum einstellen. Und daher muss man mit der Prognose sehr deutlich unter den Vergleichsfilm “Dinosaurier” gehen. Wir gehen davon aus, dass “Bis zum Horizont, dann links” leider kaum mehr als 50.000 Zuschauer am deutschen Markt erreicht.

München, 15.7.2012

Roland Zag

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