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Filmbesprechung

Blutzbrüdaz

Buch: Nicholas J.Schofield, Jan Ehlert; Regie: Özgür Yildirim

Der direkte Vergleichsfilm “Zeiten ändern dich” entwickelte 2010 eine der seltsamsten Auswertungskurven der letzten Jahre: nach einem fantastisch gut besuchten Start sprach sich in der Zielgruppe praktisch auf der Stelle herum, wie wenig der Film den Vorstellungen und Ansprüchen des Publikums entsprach – und entsprechend stürzte “Zeiten ändern dich” praktisch nach einer Woche bereits in die Bedeutungslosigkeit ab. Die extreme Abhängigkeit von einem ganz klar umrissenen, eng begrenzten Kreis der Zuschauer kann also zur Gefahr werden.

“Blutzbrüdaz” braucht diese Gefahr weniger zu fürchten. Der Film ist nicht mehr nur das Vehikel eines großen Egos, wie das Bushido in “Zeiten ändern dich” war. Vielmehr steht – vielversprechend – eine intensive Bindung im Mittelpunkt. OTIS (Sido) und EDDY (B-Tight) sind die besagten “Blutzbrüdaz”, also ein Duo, das ganz von der Loyalität zur Idee der Freundschaft, aber auch einem bestimmten Stil und Sound gegenüber lebt. Hier wird die ideelle Bindung an die Musik/Poesie gut spürbar, Geben und Nehmen stehen schön im Gleichgewicht.

In einer Art von Vorspann wird der zunächst märchenhafte Aufstieg der beiden dargestellt, und diese Präambel wirkt noch recht spannungslos, zumal der groß aufgebauschte Klau eines Mikrophons nicht wirklich abendfüllend wirkt. Ein wirklicher Konflikt zeichnet sich da noch kaum ab.

Dann aber – rein dramaturgisch betrachtet allerdings arg spät – entsteht die recht vorhersehbare, aber eben doch wirkungsvolle Spaltung zwischen den beiden Protagonisten. Wie in jedem Konflikt geht es in erster Linie um WERTE. Während Eddy das kommerziell orientierte Spiel, das die Plattenfirma mit den beiden spielt, mitmacht, lehnt sich Otis gegen FACHER (Tim Wilde) auf. Unter dem äußeren Erfolgsdruck geht die Loyalität unter den Freunden verloren. Otis beharrt, anders als sein Partner, auf der ideellen Bindung zu bestimmten musikalischen Idealen. Eddy will lieber glänzen und nimmt dabei die Degradierung des Freundes in Kauf. So kommt es zum Bruch.

Der Preis, den Otis für seine Verweigerung zahlen muss, besteht nicht nur im Zerbrechen des Duos, nicht nur im Verzicht auf Geld und Erfolg, sondern auch dem Verlust der erfolgsgeilen SUZY (Alwara Höfels). Dafür gewinnt Otis  – auf allerdings recht simple Art und Weise – JASMIN (Claudia Eisinger). Die eigentlich überfällige Konfrontation zwischen den beiden Protagonisten dagegen spart der Film erst bis zum Ende auf: bei einem fulminanten Bühnenauftritt lässt Otis seinen untreuen Freund Eddy wissen, was er von ihm hält. Dass danach gleich Schluss ist, wirkt arg abrupt und wenig überzeugend. Der Konflikt zwischen den Freunden ist längst nicht auserzählt, aber der Film schon aus.

Insgesamt folgt aber die erzählte Geschichte dennoch einem dramaturgisch sicherlich stimmigen Muster. Der Konflikt zwischen “Treue zu sich selbst” und “Abhängigkeit von äußerem Erfolgsdruck” ist uralt und spielt sich in dieser oder jener Form in praktisch allen Künstlerdramen ab. Doch er verfehlt die Wirkung selten, und so funktioniert die Struktur grundsätzlich.

Freilich ist die Fallhöhe nicht allzu hoch: wirklich viel zu verlieren scheint Otis nicht zu haben. Den Verlust des Freundes steckt er genauso schnell weg wie den der Freundin oder auch den der Fangemeinde. Wirklich emotionale Szenen gibt es kaum. Der Konflikt zwischen den beiden Wertewelten wird eigentlich nur schemenhaft sichtbar: der Gegensatz zwischen echten Kids von der Straße gegen den künstlichen Kommerz – davon wird nicht viel spürbar.

War bei Bushido noch die Überbetonung der Mutter (”Mami ist die beste”) eher peinlich und kontraproduktiv gewesen, macht sich hier im Gegenteil das Fehlen des familiären Kontextes als schwächend bemerkbar. Die soziale Wucht, die Eminem in “8 Mile” durchs Miterzählen der Mutter-Geschichte erzielen konnte, wird in “Blutzbrüdaz” nicht annähernd erreicht.

Der Ertrag ist also nicht allzu üppig. Dennoch sollte die Erzählweise genügen, um das Zielpublikum zu erreichen und auch im Ansatz zu befriedigen.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Indem “Blutzbrüdaz” ausschließlich auf eine fest umrissene Zielgruppe abzielt, die wir als Kinoschaffende weder kennen noch einschätzen können, ist die Prognose besonders schwer. Der Film wendet sich weniger an Kinofans als an eine ganz bestimmte musikaffine Klientel. Rein filmisch betrachtet geht außer von den Stars keinerlei Wirkung aus. Jenseits der Rap-Fans wird sich kaum ein Zuschauer in diesen Film verirren. Daher gleicht die Prognose hier dem schieren Lottospiel.

Nachdem aber “Zeiten ändern dich” trotz der geschilderten seltsamen Auswertungskurve auf immerhin doch 550.000 Zuschauer kam, sollte man “Blutzbrüdaz” zumindest Ähnliches zutrauen. Wie groß aber die mögliche Fangemeinde ist, und wie gut der Film dort ankommt, können wir wirklich nicht wissen. Daher muss die Schätzung von ähnlichen Zahlen wie bei “Zeiten ändern dich” ausgehen. Vielleicht sind es am Ende 600.000 Zuschauer, die sich für den Film begeistern können.

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag
München, 29.12.2011

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