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Filmbesprechung

Buddy

Buch und Regie: Michael Bully Herbig

Grundsätzlich birgt das Thema “Schutzengel” hohes zwischenmenschliches Potenzial. Die Sehnsucht vieler Menschen nach einer exklusiven persönlichen Bindung, die einen auch in schlimmen und einsamen Momenten nicht verlässt, ist groß. Zudem fungieren Schutzengel (jedenfalls im Kino, und also auch in “Buddy”) als spirituelle Instanz: sie sagen uns, was richtig und falsch ist. Auf diese Art und Weise wird der dramaturgisch wichtige Wertekonflikt etabliert. Einem verantwortungslosen und verwöhnten Typ wie EDDIE (Alexander Fehling) tut es einerseits gut, sich von höherer Seite die Leviten lesen zu lassen – andererseits wehrt er sich natürlich auch dagegen, sein Lebenskonzept zu ändern. Schon ist der Grundkonflikt wirkungsvoll etabliert. Insofern stecken eine Menge Möglichkeiten im Setting dieses Films.

Vermarktet allerdings wird „Buddy“ zunächst als romantische Komödie. Tatsächlich handelt ein wesentlicher Strang davon, wie die verwitwete und allein erziehende LISA (Mina Tander)  mit dem reichen Sprudelerben Eddie zusammen kommen soll. Hier findet sich die entsprechende genretypische Gestaltung mit anfänglicher Antipathie, redseligen Annäherungen, illoyalen Missverständnissen usw. Dass dabei komödienspezifisch fast alles schief läuft, was schief laufen kann, liegt auf der Hand. Hier liegen die Qualitäten, deretwegen ein großer Teil des Publikums in einen Bully-Herbig-Film geht, und die zweifellos in Bezug auf die Umsetzung ausgesprochen gelungen scheinen.

Dennoch bleibt unklar, was  die beiden Liebenden nun denn wirklich verbinden soll. Es gibt im Grunde genommen bis zum Schluss nur wenig, was Lisa und Eddie teilen und austauschen könnten.  Weder beruflich noch privat nehmen sie starken Anteil am Leben des Anderen: Eddie interessiert sich nicht wirklich fürs Thema “Altenpflege”, Lisa hat keine Ahnung von den Problemen in Eddies Firma (zum Vergleich: in “Keinohrhasen” war Til Schweiger gezwungen, sich mit der Austauschebene von Nora Tschirner, also der Kindererziehung, intensiv auseinanderzusetzen! Eine wesentlich wirkungsvollere Spielart…).  Passiver und mit weniger innerem Antrieb als in diesem Fall lässt sich die Hauptfigur einer romantischen Komödie kaum vorstellen. Eddie wird diese Beziehung eher aufgenötigt, als dass er sie wirklich will. Der gegenseitige Wunsch, wirklich zusammen kommen zu wollen, ist mitunter nur in extrem homöopathischen Dosen erkennbar. Auf dieser Ebene also wurden viele Chancen verspielt.

Die zentrale Beziehungsebene jedoch bilden natürlich Eddie und sein Schutzengel BUDDY (Michael Bully Herbig). Hier schlägt das deutlich aktivere Herz des Films – wie auch der Titel erkennen lässt. Wenn eine Figur in diesem Film spürbar ein Ziel verfolgt, dann handelt es sich um den tollpatschigen Engel, der sich aufgrund eines Anfängerfehlers Eddie zu erkennen gibt und damit nicht mehr heimlich, still und leise seinen Plan verwirklichen kann. Worin aber besteht Buddys Ziel? Was treibt ihn an, als sichtbarer und aktiver Mentor Eddie von Lisa zu überzeugen sowie die beiden zusammen zu bringen? Das ist die eigentliche dramatische Frage. Die Spannungskurve des Films ist so ausgerichtet, dass die Antwort erst im letzten Bild erfolgt. Demnach ist Buddy der verstorbene Mann von Lisa und Vater von Sammy, der nun als ersten Auftrag einen Nachfolger für sich sucht.

Der Wunsch des verstorbenen Mannes, sich um das weitere Schicksal seiner Hinterbliebenen zu kümmern, wirkt – vom Ende her betrachtet – unmittelbar nachvollziehbar und berührend. Doch auch hier stellt sich umso mehr die Frage: warum sucht sich Buddy unbedingt Eddie als seinen Nachfolger aus? Was spricht in seinen Augen für den völlig uninteressierten Partylöwen, der aus egoistischer Verantwortungslosigkeit seine ererbte Firma mitsamt allen Angestellten vor die Hunde gehen lässt? Hier scheint ein entscheidender Punkt in der Motivation von Buddy zu fehlen. Eigentlich kommt Eddie, der fehlgeleitete Hedonist, auch in dieser Beziehung mit seinem Schutzengel gar nicht so richtig zu Wort. Die Hauptfigur wird nicht etwa mit sanfter Gewalt von den Absichten des Engels überzeugt. Eddie MUSS vielmehr einfach einsehen, dass das, was ihm der Schutzengel aufoktoyiert, auch richtig ist. So aber funktioniert Gegenseitigkeit (auch mit Kontakt mit höheren Mächten) in aller Regel nicht. “Buddy” ist also auch auf dieser Ebene getränkt von einem emotionalen Anstrich der Nötigung – was der emotionalen Wirkung nicht sehr gut tut.  Insgesamt bleibt also auch die zentrale Beziehungsebene zwischen den beiden Männern unter Wert.

Erschwerend kommt hinzu, dass ausgerechnet die Figur, die zwei der wichtigsten, weil actionreichsten Szenen des Films verursacht (die Verfolgungsjagd nach dem Raub der Jacke und der Banküberfall) dramaturgisch gar nicht eingebunden und eigentlich eher beliebig behauptet wird. Und die Frage, ob die Welt wirklich besser wird, wenn ein Energydrink für Senioren auf den Markt kommt, darf man auch als zweifelhaft betrachten.

Insofern bleiben in “Buddy” entscheidende Kerne des erzählerischen Konzepts unausgefüllt. Trotz aller guten Grundvoraussetzungen, trotz aller romantischen, emotionalen und komödiantischen Qualitäten im Einzelnen (und einer bildmächtigen Umsetzung) fehlt es dem Drehbuch doch an Vielem, um mit den großen Konkurrenten  mithalten zu können. Die Schwächen dürften sich auch auf den kommerziellen Erfolg des Films niederschlagen. Das Erreichen der alten Bully-Höhen von mehreren Millionen Zuschauern erscheint uns im Fall von “Buddy” doch eher unwahrscheinlich.

Dramaturgische Einschätzung: Norbert Maass, Roland Zag

Bremerhaven, München 30.12.2013

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