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Filmbesprechung

COLONIA DIGNIDAD

Buch und Regie: Florian Gallenberger

Die Beschäftigung mit der Sekte, in der einst in Chile mit Billigung deutscher Behörden Menschen gequält, ausgenutzt und versklavt wurden, wäre filmisch auf sehr unterschiedliche Art und Weise denkbar: als psychologische Studie zwischen Tätern und Opfern; als differenzierte politische Bestandsaufnahme von Strömungen, die solche Ungeheuerlichkeiten zulassen; als quasi dokumentarische Schilderung des Lagerlebens usw. Die Richtung, für die man sich hier entschieden hat, ist jedoch eine ganz andere: nämlich die der permanenten Spannungssteigerung. "Colonia Dignidad" ist ganz eindeutig kein politisches Drama, das sich an ambivalenten Szenarien abarbeitet, sondern ein 100-prozentiger Abenteuer-Film. Gezeigt werden Menschen, die über sich hinaus wachsen und denen, beflügelt von nie in Frage gestellter Liebe und Loyalität, schier Unmögliches gelingt: nämlich die Flucht aus dem abgeriegelten Lager.

In dieser Herangehensweise ist der Film so konsequent, dass er nur an seinen eigenen Ansprüchen gemessen werden darf. Eine vielschichtige Exploration des Lagerleiters PAUL SCHÄFER (Michael Nykvist) darf man sich nicht erwarten. Er ist hier einfach nur manipulativer Sadist und Kinderschänder durch und durch, der schließlich auch vor einem Menschenexperiment nicht zurück schreckt. Mehr nicht. Auch für eine intensive Charakterzeichnung der makellos positiven Hauptfiguren bleibt gar keine Gelegenheit. Sowohl  LENA (Emma Watson) als auch DANIEL (Daniel Brühl) sind reduziert auf das, was der dramaturgische Plan für sie vorsieht. Lenas Wesen ist durchglüht von der Heldenhaftigkeit einer Frau, die sich einsperren lässt, um ihren Mann zu retten (ein Motiv, das schon so alt ist wie Beethovens Oper "Fidelio"); Daniel muss so viel Durchtriebenheit an den Tag legen, dass er den geistig Behinderten spielen, zeitgleich aber den Ausbruch planen kann. Mehr Eigenleben brauchen die Figuren bei dieser Erzählweise nicht, und mehr bekommen sie auch nicht.

Alle Szenen des Films sind dem Willen unterworfen, ein Maximum an Suspense zu erzeugen, gepaart mit einem Maximum an Gut-Böse-Klarheit. Dieses Ziel wird bis zur Rettung in buchstäblich allerletzter Minute verfolgt. In dieses Bild passt auch, dass die beiden nicht allein fliehen, sondern URSEL (Vicky Krieps) mit nehmen, welche dann aber, den Genre-Konventionen entsprechend, sterben muss. Zugleich wird der Protagonistin noch ein Gesinnungswandel mit auf den Weg gegeben: denn während Lena zu Beginn noch nichts von politischer Aufklärung wissen wollte, es ist am Ende sie, die alles riskiert, um die aufrüttelnden Fotos aus dem Lager zu retten.

Das alles hilft dem 'human factor', der hier einerseits voll auf seine Kosten kommt. Und doch kann man zugleich hinterfragen, ob der Publikumsvertrag wirklich erfüllt wird. Denn so kompetent und schnörkellos hier alles der Erzählabsicht 'Abenteuerfilm' unterworfen wird, so unsicher ist es doch, ob der Film tatsächlich das Publikum findet, das er sucht. Denn die Liebhaber von komplexem Politischem Kino à la "Argo", "Zero Dark Thirty" oder "Syriana", die auch an Serien wie "Homeland" geschult sind,  könnten sich von der eher simplen Story unterfordert fühlen. Während sich die Freunde des reinen  Abenteuerfilms von der doch eher deprimierenden Stimmung des Lagerlebens abschrecken lassen könnten. "Colonia Dignidad" haftet - und das braucht nicht wertend verstanden zu werden - etwas Altmodisches an. Die Verhältnisse, die hier geschildert werden, könnten nicht klassischer, und damit auch konventioneller gestaltet sein. Insofern bleibt abzuwarten, ob die kühne Kreuzung von politischer Absicht mit den Mitteln der Unterhaltungskinos heute am Markt aufgeht. Wirklich sicher  wird man erst nach der Herausbringung sein können.

München, 22.2.2016

Roland Zag

Sony Pictures

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