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Filmbesprechung

Da geht noch was

Buch: Sven-Frederik Otto in einer Bearbeitung von Florian David Fitz; Regie: Holger Haase

Die Erzählabsicht des Films ist spätestens vom Schlussbild her klar zu erkennen: es geht darum, dass drei Männer (Großvater, Vater, Sohn) zueinander und, vor allem, zu den von ihnen begehrten Frauen finden. Trotz aller familiären Brüche soll ein neues Miteinander entstehen. Das Motto dazu liefert der Film in bester ‘human-factor’-Manier gleich selbst mit: ‘wer andere für sich gewinnen will, muss teilen können’. Wahre Worte.

Dabei steht lange Zeit das Gegenteil von Teilen im Mittelpunkt: die Familie Schuster besteht aus Menschen, die es nicht gelernt haben, (sich mit) zu teilen. Der selbstmitleidig nörgelnde  CARL (Henry Hübchen) geht auf seinen Sohn KONRAD (Florian-David Fitz) ebenso wenig ein wie dieser auf sein Kind JONAS (Marius v.Haas). Die kleinen Reibereien und Konfliktsituationen liefern Stoff für komödiantische Szenen – zweifellos Highlights eines Films, der allerdings die Spur der Komödie immer mehr  verliert und ins dramatischere Fach wechselt.

Um freilich dem Motto des “Sich-Mit-Teilens” gerecht zu werden, brauchen die Figuren Konsistenz. Wo geteilt werden soll, ist Substanz vonnöten. Substanz meint in diesem Kontext: Absichten, Ziele, Pläne, innere Richtungen. Dringlichkeit. Um den Zuschauer in die Wertewelt, in der die Figuren leben, mit einzubeziehen, ist es wichtig, zu erzählen, was sie wollen. Darin liegt die Grundvoraussetzung, um die angestrebte WANDLUNG der Figuren zu ermöglichen. Erst wenn die innere Richtung klar ist, lässt sie sich ändern. Erst wenn irgend jemandem irgend etwas WICHTIG ist, was im Widerspruch zu den Interessen anderer steht, tauchen echte Konflikte auf.

Darin gerade aber bleibt das Drehbuch hinter dem Genretypischen zurück. Dringlichkeit und echte Wertkonflikte findet man in “Da geht noch was” nur in Ansätzen. Konrad wird zwar als verwöhnter, der sterilen Karriere verschriebener Yuppie geschildert. Doch was darunter eigentlich brodelt, und wie er diesen inneren Antrieb in seinem Umfeld vermitteln will, wird nur eingeschränkt sichtbar. Am Ende wissen wir zwar, was er nicht will. Aber welche neue Kraft an diese Stelle treten soll, bleibt offen. (Zum Vergleich: der ähnlich gestrickte Lester Burnam in “American Beauty” wurde in jeder Hinsicht aktiv, um sein Leben umzukrempeln. Konrad Schuster hingegen beginnt lediglich, wieder mehr zu schwimmen).

Dasselbe gilt für seinen Vater, der zwar mal angeblich Gewerkschaftsboss war, von dessen Gesinnung (Stichwort: Gerechtigkeit) nichts mehr übrig geblieben zu sein scheint. Noch schwerer vermitteln sich die Absichten der Frauen: warum Carls Frau HELENE (Leslie Malton) den Ehemann einerseits verlässt, ihm andererseits vermittels einer geheimen S-8-Filmbotschaft erzählen will, dass das gemeinsame Leben wohl doch ganz schön war, wird nicht so recht klar. Noch isolierter und in der inneren Ausrichtung undefinierter ist die ansprüchliche TAMARA (Thekla Reuten). Zwar liefert Carl seinem Sohn eine Steilvorlage, indem er ihm sagt: “Du willst nicht, dass wir glücklich sind; du willst nur, dass es so aussieht”. Daraus ließe sich dramaturgisch Gewinn ziehen. Doch das Buch geht nicht weiter darauf ein. Man könnte sagen: das “Need” vermittelt sich; aber am “Want” hapert es. Dies führt dazu, dass man zwei Erzählstränge hat, wo sich die Beteiligten langweilen (Konrad mit Vater und Sohn; Tamara in Indien). Die Gefahr besteht, dass sich dieses Gefühl auf das Publikum überträgt.

Carl und Konrad  bedauern zwar ihr Schicksal, ändern aber wenig aktiv daran und öffnen sich nur marginal. Dies führt dazu, dass am Ende als Mittel zur Durchsetzung des Needs (”Wir wollen nicht mehr alleine sein und eine glückliche Familie werden”) nur noch die Brechstange bleibt: Großvater, Vater und Sohn, die nichts anderes anzubieten haben, beginnen zu förmlich um die Liebe zu betteln. Dass die so genötigten Frauen dann auch  wirklich zu ihren  Männern zurück kehren, entspricht zwar der Genrekonvention, aber nicht der Lebenserfahrung (und nicht dem modernen Frauenbild).

Insofern sind die Ausgangsbedingungen für den Markterfolg aus Drehbuchsicht sicher nicht optimal. “Da geht noch was” wird sein Publikum nicht in dem Maß begeistern, wie das anderen Komödien immer wieder gelingt. Dennoch sind die Erwartungen nicht schlecht. Die Besetzung wirkt attraktiv, Titel und  Trailer versprechen etwas, was der Film zwar nur bedingt liefert, aber vom Publikum hungrig verlangt wird. Bis sich herum gesprochen hat, dass “Da geht noch was” nicht den Standards der Marktführer entspricht, wird des Film gute mittlere Zahlen erreicht haben. Aber aus der Perspektive der Drehbucharbeit wäre sicher mehr drin gewesen.

München, 23.9.2013

Roland Zag

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