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Filmbesprechung

Das Blaue vom Himmel

Buch: Josephine Jahnke, Robert Thayenthal;
Regie: Hans Steinbichler

Nach “Poll” bezieht sich auch dieser Film auf die ehemals deutschen Gebiete in Ostpreussen. Ganz generell ist es sicher richtig, wenn der deutsche Film sich auf Geschichten konzentriert, die etwas mit den verlorenen ehemaligen deutschen Gebieten zu tun haben. Hier liegen unaufgearbeitete Traumata, die sich fürs dramatische Erzählen gut eignen.

Generell erzählt “Das Blaue vom Himmel” eine starke Geschichte, und insofern stehen die Chancen besser als bei “Poll”. Betrachtet man die Story vom Ende her, hat man es mit einer berührenden Verschränkung von Liebe, Schuld und Vergebung zu tun. Denn MARGA (Karoline Herfurth) macht sich aus Liebe eines schlimmen Verbrechens schuldig: sie verrät ihre Rivalin IEVA , die Liebhaberin ihres Mannes JURIS (Niklas Kohrt) an die Russen. Doch gegen Margas schweres Verbrechen steht ihre Bereitschaft, das Kind der Rivalin aufzunehmen und groß zu ziehen. Dieses Abwägen von großer Schuld mit noch größerer Opferbereitschaft macht die Geschichte per se groß. Geben und Nehmen sind geradezu im Höchstmaß vertreten. Das verleiht der Story Relevanz.

Auch für Empathie ist gesorgt: Margas Benachteiligung ist offensichtlich (ihr Mann betrügt sie); ihren Wunsch, diese Tatsache vor ihrer (Stief)tochter SOFIA (Juliane Köhler) zu verschweigen, kann man zumindest verstehen. Auch im Fall von Sofia, die sich ein Leben lang einer Täuschung hingegeben hat, ist die Empathie groß, denn ihr inneres Weltbild bricht zusammen. Insofern verfügt “Das Blaue vom Himmel” über Faktoren, die die Story per se fürs Zielpublikum attraktiv machen.

Doch all das weiß man erst, während der Abspann läuft. Dramaturgisch schlägt der Film einen anderen Weg ein. Die Alzheimerkranke Marga wird gleichsam zum detektivischen Spürhund, der die Tochter ihrem Geheimnis auf die Spur lockt. Die Demenz wird zum funktionalen Spurenleser, der uns recht direkt zu all den Teilen führt, die das Puzzle nach und nach zusammen setzen. Dadurch, dass Marga die meiste Zeit nicht mehr Herrin ihrer Gedanken, sondern nur Lieferant von relevanten Indizien ist, verliert man sie als Person, als Figur. Sie liefert Hinweise auf Vergangenes – mehr nicht.

Das macht die Geschichte einerseits auf der intellektuellen Seite spannend; schafft aber auf der emotionalen Ebene eine große Distanz. Denn die entscheidend wichtigen BEZIEHUNGEN des Films bleiben unterentwickelt. Die detektivisch-rationale Entschlüsselung raubt den Figuren die Zeit, die sie bräuchten, um uns als MENSCHEN vor Augen zu treten. So bleiben die meisten Bindungen mehr oder weniger behauptet.

Die übergroße Liebe von Marga zu Juris muss man als gegeben hinnehmen – empathisch einleben kann man sich nicht. Was Juris an seiner lettischen Geliebten fand, erfährt man nicht; vor allem aber bleibt die Beziehung von Juris zu seiner Tochter Sofia im Dunkeln. Dass der Vater dramaturgisch ausgeblendet bleibt, ist ein riesiges, emotional kaum glaubhaftes Loch. Denn die Tatsache, dass Sofia elf Jahre mit Juris in Deutschland ein offenbar nicht ganz und gar unglückliches (sogar sehr wohlhabendes) Familienleben gelebt hat, ist doch erzählerisch ganz wesentlich. Indem wir über diesen wichtigen Teil der Story nichts erfahren, bleibt das Bild unbefriedigend.

Und zwischen Tochter und Mutter ist keine Zeit, die Beziehung zu intensivieren oder zu wandeln. Sofia bleibt den Film hindurch allein. Es entsteht keine neue Bindung, nicht einmal zu ihrer eigentlichen Mutter IEVA (Dace Eversa), der sie ganz zum Schluss begegnet. Auch dafür fehlt die Zeit.

An diesen Punkten bürdet der Film dann auch seinen Schauspielern (und den Zuschauern) Leistungen auf, die sie einfach nicht erbringen können. Die Konfrontation von Tochter und leiblicher Mutter nach 50 Jahren – sie muss eine Behauptung bleiben. Insofern erreicht der Film durch ein Übermaß an erzählerischen Wendungen am Ende die Grenze zum mechanistischen Melodram, das uns mit Schicksalsschlägen überhäuft, die wir nur noch intellektuell nachvollziehen, uns jedoch aus Mangel an Austausch nicht nachvollziehen können.

Die wirklich intensiven, berührenden Momente starken Erzählens sind eben IMMER von konkreten Beziehungen abhängig. Darin ist “Das Blaue vom Himmel” eher schwach. Insofern schafft es der Film vermutlich doch nicht, sein Publikum zu bestürzen und im innersten zu berühren. Die durchaus mögliche Nähe zu Erfolgen wie “Nirgendwo in Afrika” wird sich daher leider vermutlich nicht einstellen.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

Markteinschätzung:

“Das Blaue vom Himmel” buhlt in den kommenden Sommerwochen fast ohne Konkurrenz um das relativ verlässliche und zunehmende Publikum Ü50. Die Aussichten stehen – bei der skizzierten Mischung aus erzählerischen Qualitäten und Defiziten im Hinblick auf die Konkurrenzlage – demnach nicht schlecht, vor allem das anspruchsvolle weibliche Publikum im Laufe der kommenden 15 bis 30 Wochen doch noch recht zahlreich anzusammeln. Die gewählte Besetzung wirkt auf das Zielpublikum auf jeden Fall entsprechend attraktiv. Hannelore Elsner hat sich vor allem mit dem Millionenerfolg “Kirschblüten” vor drei Jahren bei älteren Zuschauern einen starken Zuspruch verschafft. Auch Juliane Köhler kann nach den Millionenerfolgen “Aimée & Jaguar”, “Nirgendwo in Afrika” und “Der Untergang” auf eine fundierte Beliebtheit bauen und einen verstärkenden Effekt erzielen. Für den Regisseur Hans Steinbichler ist demnach die Aussicht groß, nach “Hierankl” (2003; 58.000) und “Winterreise” (2006; 46.000) zum ersten Mal sechsstellige Besucherzahlen zu erhalten. Wir erwarten nach einer langen Laufzeit und einem relativ hohen Multiplikator des ersten Wochenendes Zahlen, wie sie mit einer ähnlichen Kopienzahl etwas anders gelagerte, aber das gleiche Publikumssegment ansprechende Filme wie “Satte Farben vor Schwarz” oder “Giulias Verschwinden” erreicht haben: zwischen 150.000 und 230.000.

Markteinschätzung: Norbert Maass

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