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Filmbesprechung

Das Hochzeitsvideo

Buch: Gernot Kricksch; Regie: Sönke Wortmann

Egal wie sich die Moralvorstellungen in der Gesellschaft verändern: Das Thema “Hochzeit” hat im Kino unverändert Konjunktur. Dramaturgisch betrachtet ist das kein Wunder. Schließlich garantiert jede Eheschließung die beiden wichtigsten Spannungselemente des Geschichtenerzählens: die zwischenmenschliche Beziehung und den Konflikt. Denn wenn zwei Familien, zwei Wertsysteme, zwei Kulturen aufeinander prallen und nun miteinander ein Auskommen finden müssen, kann es gewaltig krachen.

Entsprechend sind auch in “Das Hochzeitsvideo” die Voraussetzungen grundsätzlich sehr günstig. Indem hier Mitglieder des Hochadels auf Spät-Hippies mit linken Gesinnungen treffen, ist – theoretisch – eine tragfähige Grundspannung gegeben. Hier lägen eigentlich unendlich viele Möglichkeiten für eine fortschreitende Steigerung der Unvereinbarkeiten und Konfrontationen.

Nur lässt das Drehbuch diese Möglichkeiten außer acht. Die Familien mit ihren unterschiedlichen  Vorstellungen treffen kaum je ergiebig aufeinander. Braut und Bräutigam haben mit den Ethiken ihrer Familie nichts zu tun, daher bleibt deren Beziehung von allen Unterschieden in der Weltanschauung unberührt. Es kommt genau genommen nur ganz am Schluss zu einer wirklichen Konfrontation, nämlich im Moment der Eheschließung im Kirchenraum. Dieser kurze und spannende Augenblick beweist, wieviel Potenzial in einem “Culture Clash” gesteckt hätte – aber in Wahrheit findet er nicht statt. Und damit fehlt dem Film das, was am allerwichtigsten ist: ein klarer Konflikt.

Anstelle einer generellen Spannungslinie, die den ganzen Film durchzieht, steht in “Das Hochzeitsvideo” eine bunte Reihung von kleinen Problemchen, die miteinander nicht viel zu tun haben: jemand lässt sich ein neues Tattoo machen, jemand hat sich vom Chef schwängern lassen, jemand wird mit Bully Herbig verwechselt; mal fehlen die Ringe, mal die Hochzeitsurkunde. Die beiden etwas größeren Konfliktfelder haben beide mit dem Thema Sexualmoral zu tun: SEBASTIAN (Marian Kindermann) hat es am Junggesellenabend mit einer Stripperin nicht so genau genommen; PIA (Lisa Bitter) war mal mit einem nervigen Pornodarsteller liiert. Letztlich bleiben sich die beiden Eheleute da in Puncto Sexualmoral nicht viel schuldig – insofern bleibt man gegenüber der Frage, auf welche Seite man sich schlagen soll, indifferent. Ob die Hochzeit nun stattfindet oder nicht – einerlei.

Wirkliche Beziehungsdynamik findet insofern immer nur in kleinen Inseln statt: der Filmemacher DANIEL (Martin Aselmann) nähert sich seiner Kollegin DESPAIR (Lucie Heinze) an; der beste Freund des Bräutigams hat schnellen Sex mit einer Frau vom Catering. Um wirklich emotional einzusteigen, wäre es nötig, hier klare Parteinahmen zu ermöglichen. Das ist nicht der Fall.

So bleibt “Das Hochzeitsvideo” rein dramaturgisch sehr weit von den sattsam bekannten amerikanischen Vorbildern entfernt. Sowohl “Brautalarm” als auch “Hangover” oder “Meine Braut, meine Schwiegereltern und ich” haben ungleich mehr Konfliktpotenzial, aber auch ungleich mehr Zwischenmenschlichkeit anzubieten. So bleibt für das deutsche Pendant aus rein dramaturgischer Sicht nur ein unbedeutender Marktanteil übrig.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

Die Attraktivität des Themas “Hochzeiten” wurde bereits erwähnt – sie führt aber auch zu einer Schwemme von ähnlichen Filmen. Man muss also sehr gute Karten haben, um da mit den großen Vorbildern mitzuhalten. Dramaturgisch kann davon – trotz aller netten Wortwitze – kaum die Rede sein.

Nun hat “Das Hochzeitsvideo” ein Alleinstellungsmerkmal, nämlich die Machart selbst. Man will wissen, “wie das gemacht wurde”. In der trickreichen Machart liegt ein Reiz, der dem Markterfolg sicher zugute kommt und dem Film hilft.

Demgegenüber geht von den durchweg unbekannten Schauspielern keine Attraktion aus. Der Regisseur Sönke Wortmann gehört zwar zu Deutschlands bekanntesten Filmemachern, aber sein Ruf ist jedenfalls bei der Kritik nicht der beste. Von Seiten der Presse ist also kein zusätzlicher Rückenwind zu erwarten.

Was bleibt, ist die Mischung aus thematischem Interesse und Mundpropaganda. Aus unserer Sicht könnte sich das bei guten (= eigentlich schlechten) Wetterbedingungen zu Werten von 100.000 – 125.000 addieren. Wenn aber der Mai strahlend und warm werden sollte, können diese Zahlen auch noch deutlich unterschritten werden.

Roland Zag

München, 11.5.2012

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