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Filmbesprechung

Das Lied in mir

Buch: Helena v. Saucken, Florian Cossen; Regie: Florian Cossen

Die Prämisse könnte kaum stärker sein: MARIA (Jessica Schwarz) entdeckt durch ein Kinderlied – was schon stark emotional aufgeladen ist – dass sie nicht die leibliche Tochter von ANTON FALKENMEYER (Michael Gwisdek) ist. Ihre Eltern wurden im Argentinien der Militärdiktatur verschleppt und vermutlich ermordet.

Daraus folgt ein großes Zugehörigkeits-Dilemma. Maria muss sich nun entscheiden, wie weit sie sich weiterhin als Deutsche fühlt, oder wie sehr sie eine argentinische Identität annehmen will. Die Frage nach den leiblichen argentinischen Eltern rückt in den Mittelpunkt, aber auch nach der Rolle ihres (Stief)Vaters, dem sie ja eine, wie es scheint, eher glückliche Kindheit verdankt und mit dem sie sich intensiv verbunden fühlt. Im Grunde müsste Maria beginnen, ihr gesamtes soziales Umfeld neu zu verordnen, jede ihrer Beziehungen wird neu definiert. Eine Krise der Loyalität stellt sich ein: welchem Land, welcher Kultur, welchem Wertesystem fühlt sie sich verpflichtet? Dies allein schon erzeugt im Zuschauer große Empathie, denn die junge Frau muss sich nun zwangsläufig heimatlos und daher benachteiligt fühlen. Hinzu kommt noch das Unrecht am Tod der Eltern und die Frage nach den Tätern. All das sind Voraussetzungen, die sich grandios zur Entwicklung einer emotional starken Geschichte eignen.

In “Das Lied in mir” aber lässt der Figur leider nicht sehr viel Raum, um die gestellten Fragen zu klären. Denn die Dramaturgie schreitet bald zu einem weiteren – und wiederum höchst spannenden, aber eben ganz anders gearteten – zweiten Thema fort. Es stellt sich nämlich heraus, dass Maria nicht etwa aus einem Akt der Menschenfreundlichkeit von ihren (Stief)Eltern nach Deutschland gebracht wurde. Sondern es handelte sich um Kindsraub.

Das ist nun seinerseits wieder ein ganz schwerwiegendes Problem. Auf einmal stellt sich die Frage nach der Schuld des eigenen Vaters. Er war ja auf der anderen Seite ganz augenscheinlich jahrzehntelang als ein liebender und fürsorglicher Mann. Und doch hat er auch große Schuld auf sich geladen. Maria hat kaum Zeit, über die Frage ihrer persönlichen Identität nachzudenken – schon wird sie vor die noch viel schwierigere Frage gestellt, ob sie ihrem Vater den Kindsraub an ihr selbst verzeiht oder nicht.

“Das Lied in mir” stellt also zwei enorm komplexe Fragen auf einmal: zunächst muss sich Maria entscheiden, wie sehr sie sich als deutsch oder argentinisch definiert und wie sie das Bild ihrer verschollenen Eltern in sich integriert (wobei die Frage nach deren politische Motivation im Film leider völlig ignoriert wird – hier wäre noch Potenzial gelegen). Dann aber muss Maria auch noch zusätzlich Stellung zu der Tatsache beziehen, dass ihr scheinbarer Vater eigentlich ein schweres Unrecht begangen hat.

Diese beiden gewaltigen Aufgaben überfordern nicht nur die Protagonistin, sondern auch das Publikum. “Das Lied in mir” verschenkt dadurch leider einen guten Teil des möglichen emotionalen Potenzials an die Tatsache, dass zwei ganz unterschiedliche Loyalitätskonflikte im Raum stehen und sich gegenseitig behindern. Beide sind stark, aber beide haben nicht viel miteinander zu tun. Auf der Strecke bleiben sehr wichtige Fragen wie etwa die nach der Identität der echten Eltern (über die man fast nichts erfährt, auch über ihren politischen Kampf); über Marias sonstige Bindungen (das Thema “Schwimmen” bleibt auf der Strecke, und andere Bindungen hat sie leider gar nicht); die Dankbarkeit gegenüber dem Vater, die ja durchaus auch angebracht wäre, ist ausgeblendet; und die Liebesbeziehung zu einem argentinischen Polizisten, der sich innerlich eher der Täterseite zugehörig fühlt, hat kaum Raum, sich zu entfalten.

So entsteht ein zwiespältiges Bild. Die Voraussetzungen sind zwar hervorragend, doch die Überlagerung von zwei enorm starken dramaturgischen Fragestellungen behindert die wirklich befriedigende Bearbeitung aller anstehenden Fragen und Themen. Daher bleibt “Das Lied in mir” zwar noch immer ein starker, wenn auch kleiner Film. Aber eben auch einer, der einen guten Teil seiner sozialen Relevanz (politische Verfolgung Andersdenkender!) nicht ganz auszureizen vermag.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

Markteinschätzung:

„Das Lied in mir“ hat für einen Debütfilm relativ gute Faktoren aufzuweisen, die den Film auf dem deutschen Kinomarkt von außen betrachtet erkennbar machen. So kann die Besetzung den unbekannten Regisseur mehr als ausgleichen. Jessica Schwarz ist zuletzt einem breiten Publikum vor allem als Darstellerin von Romy Schneider im Fernsehen aufgefallen, war aber davor auch in den Millionenerfolgen „Die Buddenbrooks“ und „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ prominent zu sehen. Somit kann bei ihr schon von einer starken Publikumswirkung gesprochen werden. Michael Gwisdek hatte neben seiner grundsätzlichen Bekanntheit seinen jüngsten Erfolg mit 175.000 Zuschauern in „Boxhagener Platz“. Von dem Gesichtspunkt eines deutschen Schicksals in Lateinamerika kann der Film unter anderem mit „Dr. Aleman“ verglichen werden, der 2008 mit August Diehl in der Hauptrolle 52.000 Zuschauer erreichte. Da die äußeren Faktoren bei „Das Lied in mir“ stärker sind, sollte der Debütfilm von Florian Cossen unserer Einschätzung nach schlussendlich zwischen 75.000 und 100.000 Zuschauer ins Kino locken.

Markteinschätzung: Norbert Maass

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