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Filmbesprechung

Das Wochenende

Buch: Nina Grosse (nach dem Roman von Bernhard Schlink) Regie: Nina Grosse

Die Grundvoraussetzung für attraktives Erzählen wird zunächst  erfüllt: als der Ex-Terrorist JENS (Sebastian Koch) entlassen wird,  erscheint er nach 18 Jahren Haft wie ein Fossil, ein Mensch aus einer anderen Zeit und Welt. Zumal sich in seiner inneren Einstellung nicht allzu viel geändert zu haben scheint. Er glaubt immer noch an den bewaffneten Kampf als Mittel zu Veränderung (Verbesserung) der Welt. Damit steht er im schneidenden Kontrast zu den Menschen, auf die er im Wochenendhaus seiner Schwester TINA (Barbara Auer) trifft. Der culture clash zwischen einem linken Aktivisten und einer Gesellschaft, die sich mehr Sorgen um Schinken und Trüffel macht,  ist kaum zu überbieten.

Insofern ist der Antagonismus der Wertvorstellungen grundsätzlich gegeben. Jens hat im Grunde mit allen Personen einen Konflikt: mit seiner protektiven Schwester, die ihm auf die Nerven geht; mit seinem Ex-Freund HENNER (Sylvester Groth), der den alten Positionen abschwört; mit ULRICH (Tobias Moretti), dem genussfreudigen Mann seiner früheren Geliebten; vor allem aber auch mit dieser INGA (Katja Riemann) selbst. Allerdings liegt jeder Konfliktherd etwas anders: bei der Schwester geht es um Fragen von Treue und Verrat; der ausgestiegene Ex-Terrorist hat ein Buch geschrieben, was Jens erzürnt; bei Ulrich kommt noch ein Aspekt erotischer Konkurrenz hinzu,  bei Inga selbstverständlich die einstige (immer noch währende?) Liebe und, vor allem, der Verrat am gemeinsamen Sohn.

Insofern kreist der Film mit jeder neuen Figur latent um einen neuen Konfliktherd. Ein klares, eindeutig fokussiertes Bild, worum es denn eigentlich geht, entsteht so schwer.

Am greifbarsten wird der Konflikt, als mit GREGOR tatsächlich Jens’ Sohn auftaucht und dem Vater schwere Vorwürfe macht. Hier fliegen die Fetzen – und hier wird allerdings auch der problematischste Punkt des Unterfangens deutlich: eine wirklich dramatische Entwicklung, ein Prozess der Bewusstseinsbildung, der Loyalität, der Annäherung oder Veränderung wird gar nicht angestrebt. Der gewaltige Konflikt zwischen Vater und Sohn bleibt angerissen, stehen gelassen und irgendwie beigelegt, als wäre nichts gewesen.

Anders, aber nicht notwendig dramaturgisch ergiebiger, ist die Entwicklung von Inga angelegt: sie trennt sich (vorläufig oder für immer?) von ihrem Mann und schläft mit dem Ex-Terroristen. Diese Nacht aber verändert bei ihr erst recht – gar nichts. Denn die ewig unentschiedene Frau ist es am Ende mehr denn je.

Insofern legt es die dramaturgische Anlage des Films darauf an, möglichst viele Konflikte auf den Tisch zu bringen – bei keinem aber einen Prozess der Annäherung, Veränderung oder gar Wandlung in Gang zu setzen. Die Probleme werden uns vorgesetzt,  im Moment des maximalen Dissens jedoch offen im Raum stehen gelassen. Von sozialer Dynamik kann kaum die Rede sein. Alle sind am Ende einsamer denn je.

Die Attraktivität dieses erzählerischen Vorgehens ist sicherlich begrenzt. Allerdings verfügt der Film über ein prominentes und auch schauspielerisch hoch kompetentes Team. Dieser Aspekt dürfte dafür sorgen, dass “Das Wochenende” am Markt zwar kein Aufsehen erregen dürfte (dazu ist der dramaturgische Ansatz zu wenig ergiebig), aber eben doch erkennbar eine Rolle spielt.

München, 13.4.2013

Roland Zag

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