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Filmbesprechung

Der Fall Wilhelm Reich

Buch und Regie: Antonin Svoboda

Wilhelm Reich ist eine berüchtigte, bunt schillernde Figur des 20.Jahrhunderts. Sein Leben gäbe sicher Stoff für 10 Spielfilme her. Überwiegend dürfte er heute als jener Sexguru bekannt sein, der während der 68er- Zeit als Urvater der sexuellen Befreiung gefeiert wurde. Wer allerdings in “Der Fall Wilhelm Reich” auf diesen berüchtigten Fürsprecher des Orgasmus zu treffen hofft, wird enttäuscht sein. Der Film fokussiert sich auf die letzten Jahre, in denen der jüdisch-österreichische Exilant, Ex-Kommunist und Psychoanalytiker verstärkt mit der amerikanischen Obrigkeit in Konflikt geriet. Der Antagonismus verläuft also nicht, wie man zunächst annehmen könnte, zwischen einer prüden Gesellschaft und dem Emanzipator des Sexuellen. Die Spannung entsteht eher zwischen einer Lehre, die sich dem Lebendigen, Vitalen, Komplexen verschreibt – und einer Staatsmaschinerie, die mit Angst, Gewalt und Verboten dagegen zu agieren sucht. Und die am Ende leider siegt.

Dieser Antagonismus ist tragfähig, und er zieht sich konsequent bis zum Schluss durch. Die Hauptfigur REICH (Klaus-Maria Brandauer) agiert hier mit sehr viel Treue zu sich selbst und noch mehr Treue zu den eigenen Ideen. Diese Bindung wird stark betont. Dazu kommt die zunehmende Isolation der Hauptfigur, die einem offensichtlich ungerechten Komplott zum Opfer fällt. Freilich wird Reich auch Opfer eines gewissen Hochmuts, mit dem er den eigenen Untergang negiert – darin ein entfernter Verwandter von berühmten Dramenfiguren wie Coriolan oder Wallenstein, die ebenfalls ihren eigenen Fall mit provozieren, indem sie ihn leugnen.

Die Voraussetzungen für emotionale Beteiligung sind also gegeben, auch wenn Reich ansonsten seiner Umwelt, insbesondere seiner Tochter EVA (Julia Jentsch) nicht allzu viel Interesse entgegen bringt. Er entspricht dem Bild des klassischen Egomanen, der zwar menschenfreundlich und zugewandt, insgeheim aber ausschließlich seiner Lehre verpflichtet ist. All das wird in sich homogen, wenn auch ohne allzu große Wendepunkte oder kathartische Wandlungen zu Ende erzählt. Eine besonders verschärfte Konzentration auf “Want” und “Need”, also äußere Ziele und innere Entwicklung ist nicht beabsichtigt.

Die dramatische Bewegung des Films ist insgesamt also eher gemächlich. Der Film lehnt sich in Schnittfrequenz und Einstellungsgröße ans Kino der 50er-Jahre an, betont also gegenüber dem heutigen Kino eine eher anachronistische Außenseiterposition (genau wie Wilhelm Reich selbst). Sehr viele dramatische Perspektiven, die einen genaueren Blick ins Innenleben der Figuren freigegeben hätten, werden nicht weiter verfolgt – etwa die hoch spannende Geschichte der erotischen Verräterin AURORA (Birgit Minichmayer), deren Story eine fast biblische Judas-Qualität aufweist, aber nur Episode bleibt.

Insofern ist “Der Fall Wilhelm Reich” eher antipodisch zu “Eine dunkle Begierde” zu sehen, wo Freud, Jung und andere Stars der psychoanalytischen Gründerzeit in eine kathartische, stark an Innenwelten interessierte Tragödie verwickelt wurden. Verglichen mit Cronenbergs Psycho-Studie betrachtet “Der Fall Wilhelm Reich” seinen Gegenstand mit fast brechtianischer Distanz. Was nichts daran ändert, dass der Film der Innenspannung, die sich aus dem grundlegenden Antagonismus speist, treu bleibt.

Am Markt dürfte “Der Fall Wilhelm Reich” einerseits durch den Gegenstand Interesse erzeugen – wobei dies auf ein weitgehend älteres Publikum beschränkt sein dürfte, dem der Film aber in seiner ruhigen Gangart entgegen kommt. Zum anderen wird Klaus-Maria Brandauer als Star durchaus ebenfalls Interesse wecken. Zusammen genommen, könnten dabei zwar wohl keine großen Zahlen, aber eben doch eine solide Auswertung heraus kommen.

München, 4.9.2013

Roland Zag

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