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Filmbesprechung

Der Geschmack von Apfelkernen

Buch: Rochus Hahn, Uschi Reich (nach dem Roman von Sabine Hagema); Regie: Vivian Naefe

Das Alleinstellungsmerkmal ist groß. “Der Geschmack von Apfelkernen” bietet geduldiges, ruhiges Erzählen von Familiengeschichten über mehrere Generationen. Der homogen durchgehaltene Erzählduktus ist unspektakulär, eher an den kleinen Dingen des Alltags orientiert – und damit gewiss schwerpunktmäßig eher für Frauen geeignet. Der Fokus liegt eindeutig nicht auf Action oder Spannung. Wichtiger sind feine, poetische, mitunter magisch überhöhte Szenen. Man taucht in eine Welt, die sich ganz der sentimentalen “Es war einmal”-Vergangenheitsbewältigung widmet.  Es gibt derzeit wenige Filme, die ein so klares Angebot an ein so klar umrissenes Zielpublikum machen.

Dabei verfolgt die Dramaturgie zwei Richtungen: zum Einen hat IRIS (Hannah Herzsprung ) ein Haus geerbt, mit dem sie auch dramatische, skurrile, schreckliche Dinge  verbindet. Sie hadert mit der Entscheidung, ob sie das Erbe antreten soll. Dieser Strang ist in die Zukunft gerichtet. Zugleich aber wird Iris, zumal im Kontakt mit dem hilfreichen MAX (Florian Stetter) beständig an Vergangenes erinnert (allerdings wird man hier als Zuschauer mit einer Fülle von Figuren und Zeitebenen bis an die Schmerzgrenze  gefordert). Gegenwart und Rückblenden konkurrieren also – wobei die Vergangenheitsebene ganz eindeutig die weit stärkere dramatische Energie aufweist. Ein besonders starker Zug nach vorn ist von der vorhersehbaren und reibungslosen Liebesgeschichte dagegen nicht zu erwarten. Umso mehr richtet sich das Interesse darauf, ob und wie sich irgendwann thematisch-inhaltlich die Ereignisse in der Vergangenheit mit Iris’ Entscheidung verbinden. Erst wenn Vergangenheit und Gegenwart auf eine übergeordnete Thematik verweisen, sich also eine geschlossene Erzählabsicht zeigt, rundet sich das Bild.

Dabei stechen in der Vergangenheit zwei fast deckungsgleiche Konstellationen hervor: zweimal kommt es, wenn auch in verschiedenen Generationen, dazu, dass blutjunge Frauen aus gegenseitiger Rivalität ältere Männer verführen – beide male mit schrecklichen Folgen. Diese dramatischen Ereignisse der Vergangenheit wirken wie Entzündungsherde, um die herum der Rest sich gruppiert. Hier freilich steht die Frage der Motivation im Vordergrund: woran liegt es, dass ROSEMARIE (Paula Beer ) die Liebesgeschichte zwischen ihrer Tante INGA (Marie Bäumer) und dem hübschen PETER (Friedrich Mücke) mutwillig torpediert? Warum wiederholt sich hier etwas aus der vorherigen Generation? Was hat es mit dem Hass auf sich, mit dem MIRA (Zoe Moore) später diese Liebelei zu toppen versucht – und sich dabei mit einer verfrühten Schwangerschaft erst recht ins Unglück stürzt? Und vor allem: Was hat das alles mit der Hauptperson Iris zu tun?

Erst ganz am Schluss stellt sich heraus: das Hauptthema liegt darin, dass Iris bei den Freundinnen der Kindheit Freundschaft und Liebe verwechselt hat. Sie glaubt, Rosemarie und Mira wären Freundinnen. Aber sie waren Liebende, die großes Leid auf sich geladen haben, um diese Liebe zu leben.  Die Entdeckung dieses Zusammenhangs bringt zum Schluss einige Fallhöhe mit sich. Aber viele Fragen bleiben dennoch offen.

Und mit der Frage, ob Iris das Haus nun kauft oder nicht, haben all diese längst vergangenen Geschichten nicht viel zu tun. Die eigentliche Dramatik des Films läuft an der Hauptperson, aber auch vielen anderen Nebenfiguren vorbei. Das hat zur Folge, dass sich am Ende genau die oben beschriebene innere Zusammengehörigkeit der Themen nur bedingt einstellen will. Die Schere zwischen Gegenwart und Vergangenheit klafft in “Der Geschmack von Apfelkernen” immer weiter auseinander. Ein wirklich rundes Gesamtbild mit einer erkennbaren Erzählabsicht entsteht dadurch kaum.

Hinsichtlich der Marktchancen ergibt sich so ein zwiespältiges Bild. Die frauenaffine Erzählweise, die feine, prominente Besetzung, vor allem die erfolgreiche Romanvorlage sprechen für ein starkes Interesse. Gleichzeitig hat der Film augenblicklich eine enorm starke Konkurrenz. Gegen die kann er sich nur mit einem wirklich intensiven emotionalen Angebot durchsetzen. Dieses weist “Der Geschmack von Apfelkernen” nicht durchgängig auf.  Daher wird man den Film hinsichtlich der Marktperformance am ehesten dort einordnen können, wo der vergleichbare “Quellen des Lebens” gelandet ist. Wobei man einen kleinen, aber nicht allzu wirksamen Bonus durch die vermutlich vielen begeisterten Romanleserinnen mit drauf legen darf.

München, 30.9.2013

Roland Zag

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