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Filmbesprechung

Der Staat gegen Fritz Bauer

Buch: Lars Kraume, Olivier Guez; Regie: Lars Kraume

Dass sich nun dicht hinter einander gleich zwei Filme mit der Figur des mutigen Frankfurter Staatsanwalts Fritz Bauer beschäftigen (neben "Der Staat gegen Fritz Bauer" dreht sich "Labyrinth des Schweigens" um dieselbe Figur), ist nicht sehr überraschend: Bauer erfüllt nahezu alle Voraussetzungen eines 'Helden', der mutig und selbstvergessen einer Hydra von Schweigen und Vertuschen gegenüber tritt, um ihr den Kopf abzuschlagen. Dass diese Hydra Monster wie den Massenmörder Adolf Eichmann hervor gebracht hat, macht die Geschichte nur umso kinotauglicher.
Diese Beschäftigung mit Menschen, die Zivilcourage zeigen, wirkt zeitlos und legitim - auch wenn es heute leicht ist, in den damaligen Zeitläuften das Gute vom Schlechten zu unterscheiden. Insofern ist es aus heutiger Sicht sehr interessant, mitunter sogar unterhaltsam, Fritz Bauer bei seinem Tun zu beobachten - aber auch recht risikolos. Großen ethischen Dilemmata wird der Zuschauer nicht begegnen. Was dem Film eine leichter Konsumierbarkeit, zugleich auch weniger Durchschlagskraft verleiht als Werken, die im Zuschauer wirkliche Ambivalenz erzeugen.
Doch die historische Figur Fritz Bauer bringt erzählerisch auch eine Hypothek mit sich: er war sehr einsam. Gerade die im Film erzählten Aktivitäten, die zur Ergreifung Eichmanns führten, unternahm er ganz allein. Insofern war es erzählerisch die vermutlich wichtigste dramaturgische Entscheidung, FRITZ (Burkhart Klaussner) aus dieser Einsamkeit heraus zu reißen und ihm eine Nebenfigur an die Seite zu stellen, die mitunter sogar aktiver und interessanter wirkt. Denn anders als die souveräne und seiner selbst gewisse Hauptfigur Bauer hat dessen Kollege KARL (Ronald Zehrfeld) ein massives moralisches Dilemma: er ist verheiratet, begehrt aber Männer. Ein in der Nachkriegszeit schwer zu bestrafendes Delikt. Angermanns Rolle ist wesentlich farbiger und gefährdeter, wenngleich politisch viel weniger exponiert.
Aus Sicht des 'human factor' ergibt sich die wirksamste und ergiebigste Linie aus der langsamen Annäherung zwischen Fritz und Karl - wobei hier jedoch keine großen Hindernisse zu überwunden werden brauchen. Insofern sich die Hauptfiguren schon von Beginn an relativ nahe stehen, ergibt sich bei keiner der Hauptfiguren eine klar erkennbare Wandlung. Doch wenn es hart auf hart kommt, ist es der jüngere Staatsanwalt Angermann, der Bauer in einer weiteren heldenhaften Geste den Weg frei macht. Allerdings erzählerische auf Kosten dessen, dass auf einmal das Thema 'Homosexualität' anstelle der juristischen Geschichte in den Vordergrund tritt.
So erzählt "Der Staat gegen Fritz Bauer" eine Geschichte, in der Mut, Zivilcourage und unbeirrbares Streben nach Gerechtigkeit nie in Zweifel stehen, und zwar auf Seiten von Bauer UND seinem Kollegen Angermann. Das dramaturgische Gleitmittel hierfür liegt aber in der thematisch eigentlich fremden Auseinandersetzung mit dem Paragrafen 175 a, dem Homosexuellen-Paragrafen.
Historisch betrachtet, wird damit Bauers Leistung als Einzelkämpfer ein wenig geschmälert (so als hätte man Georg Elser noch einen Mitverschwörer angedichtet...). Dramaturgisch hingegen gewinnt der Film an Zugänglichkeit, indem der 'human factor' einer Männerfreundschaft von Benachteiligten hinzutritt.
Gleichwohl wird man am Ende immer konstatieren müssen, dass es aus heutiger Sicht keiner großer inneren Aufregung oder Anstrengung bedarf, Filme wie diesen zu goutieren. "Der Staat gegen Fritz Bauer" bietet gefällige Unterhaltung mit sehr klaren Linien zwischen Gut und Böse. Das sichert dem Film ein interessiertes Publikum, das mehrheitlich gewiss zufrieden sein wird. Was aber fehlt, ist die spezifische, schmerzhafte ethisch-moralische Reibung, die im Kino die wirklich großen Gefühle hinterlassen kann.
Einmal mehr hat man es mit einem Film zu tun, für den das moralisch klare Ergebnis mehr zählt als die aufregend ambivalente Reise. Es ist zu bezweifeln, dass man auf die Dauer so den Zuschauerschwund, der dem Kino vor allem in Deutschland zusetzt,  zu stoppen vermag.

München, 7.10.2015
Roland Zag

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