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Filmbesprechung

Der Staub auf unseren Herzen

Buch und Regie: Hanna Doose

„Kein Drehbuch. Kein Film.“ lautete mal eine Werbekampagne des Verbands Deutscher Drehbuchautoren, die im Prinzip für Spielfilme sinnvoll erscheint. Allerdings gibt es von dieser Regel Ausnahmen, die zeigen, dass sich auch über freie Improvisationsformen wirkungsvolle Kinofilme erzeugen lassen. „Dicke Mädchen“ ist ein aktuelles Beispiel dafür, aber auch „Die Libelle und das Nashorn“. Beide Filme sind mit minimalen Entwicklungs- und Herstellungskosten entstanden, haben aber dennoch in unterschiedlicher Art und Weise ausreichend funktioniert, um auf Festivals und in Kinos mehrere tausend Besucher zu unterhalten. Es lässt sich in dieser Hinsicht auch an die Filme von Jan Georg Schütte denken.

Wesentlich erscheint dabei, dass es gelingen kann, aus der Unvorhersehbarkeit von nur grob konzipierten Szenen Wirkungskapital zu schlagen, wenn die zentrale Beziehungsebene und deren grundsätzlicher Entwicklungsbogen dynamisch und klar sind. Im Fall von „Dicke Mädchen“ ist es die zunehmende Annäherung von SVEN (Heiko Pinkowski) und DANIEL (Peter Trabner), dem verheirateten Pfleger von Svens demenzkranker Mutter EDELTRAUT (Ruth Bickelhaupt), die für Komik und Beziehungsdynamik sorgt. Wenn diese grundsätzliche Entwicklungslinie klar und genug darstellerisches Vermögen sowie Improvisationsmut vorhanden ist, können auch Szenen ihre dramaturgische Wirkung entfalten, bei denen vorher nur „Sven und Daniel vergnügen sich am See“ auf dem Papier steht.

Jetzt kommt mit „Staub auf unseren Herzen“ erneut ein Spielfilm in einige Kinos, der ebenso seine Wirksamkeit unter Beweis stellen kann. Die zentrale Beziehungsspannung entsteht zwischen der Mutter CHRIS (Susanne Lothar) und ihrer Tochter KATHI (Stephanie Stremler). Die beiden sind in ein kompliziertes Verhältnis zueinander verstrickt, das sich zunehmend verschärft und eine Lösung erfordert. Damit ist für eine Grundspannung gesorgt, die das weitgehend improvisierte Projekt mit einer wirkungsvollen Wunschentwicklung auflädt.

Es entsteht zunehmend die Hoffnung, dass sich die allein erziehende und als Schauspielerin erfolglose Kathi mit ihrem Sohn LENNI (Luis August Kurecki) dem Einfluss ihrer übergriffigen Mutter entziehen kann. Denn die Psychologin Chris ist zwar sichtlich belastet von den Sitzungen mit orientierungslosen Kreativen, stört aber selbst die Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Tochter durch anmaßende Ansprüche auf Nähe, Kontrolle, Dominanz und schließlich sogar Lenni.

Bis zur notwendigen Emanzipation gilt es eine Reihe von nervigen, mitunter aber auch aufheiternden Szenen mit den beiden zu durchleben, die von ständigen Machtkämpfen und Konfrontationen geprägt sind. Immer, wenn der Mutter-Tochter-Konflikt im Mittelpunkt steht und durchaus eigenwillig von den beiden einzigartig sprechenden wie spielenden Darstellerinnen mit Leben erfüllt wird, dann weist die Geschichte einen dynamischen Sog auf, der in vielen anderen Szenen, in denen es um Castings, Männer und den gescheiterten Vater WOLFGANG (Michael Kind) geht, deutlich schwächer zur Wirkung kommt. Zur Spannung in der zentralen Auseinandersetzung trägt entscheidend bei, dass sich die immer wieder deutlich unterlegene Kathi ihrer Mutter nie ganz geschlagen gibt, sondern immer wieder dagegen hält.

Dieses Commitment, das sie in Bezug auf ihre Bemühungen um Rollen weniger stark zum Ausdruck bringt, kann letztlich auch diejenigen Zuschauer für sie einnehmen, die Kathi ziemlich gestört und gelähmt erleben. Diese immer wieder entwickelte Gegenkraft gegen die mütterliche Benachteiligung macht sie grundsätzlich Empathiefähig und lässt das Publikum tendenziell für sie Partei ergreifen, obwohl auch Chris immer wieder wie ein Opfer der langen Verstrickung wirkt, das ebenfalls – wenn auch in deutlich geringerem Maße – unser Mitgefühl verdient.

Im Vergleich zu diesem facettenreichen Machtkampf wirken die Begegnungen mit dem Puppenspieler FABIAN (Florian Loycke) wesentlich undynamischer, bilden aber mit ihrer Harmonie und Betulichkeit einen auffälligen Kontrast zu den bestimmenden Psychokampfszenen, der dem Publikum mitunter spannungsfreie, aber doch willkommene Ruhe bietet.

Das gemeinsame Musizieren führt über alle Unterschiede hinweg zu einer Annäherung, die Kathi sichtlich gut tut und ihr noch mehr als die vergebens anvisierten Rollen die Möglichkeit gibt, ihre frustrierende Lähmung zum Ausdruck zu bringen und ihre Blockaden zu lösen. Zwar könnte der entscheidende Moment der Befreiung noch stärker ausfallen, aber der entwickelte Publikumswunsch wird dennoch wirkungsvoll erfüllt. Und „Staub auf unseren Herzen“ gelingt vorrangig auf dramatische Weise, was „Dicke Mädchen“ bei aller Tragik mit viel Humor schaffte: trotz fehlendem Drehbuch und weitgehender Improvisation eine grundlegende Spannung aufzubauen und bis zum befriedigenden Ende durchzuhalten.

Dramaturgische Einschätzung: Norbert Maass

Berlin, 18.1.2013

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