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Filmbesprechung

Der ganz große Traum

Buch: Johanna Stuttmann und Philipp Roth; Regie: Sebastian Grobler

(Persönliche Anmerkung:
Da ich als dramaturgischer Berater stark involviert war, schien es mir fair, in diesem Fall die unbefangene Einschätzung meinem Kollegen zu überlassen. R. Z.).

So publikumswirksam Fußball als Sport ist, so wenig ziehen die allermeisten Filme über Fußball das große Publikum an. Keine filmische Variante kann die Unvorhersehbarkeit, Dramatik und Spannung eines realen Spiels übertreffen. Zu wechselhaft und flexibel sind die Rollen in der Wirklichkeit, um wirkungsvollen dramaturgischen Mustern zu gehorchen. Es gibt keine anerkannt guten Teams, denen jeder ständig – auch bei schwacher Form – nur Siege wünscht. Selbst Nationalmannschaften haben in multikulturellen Gesellschaften nicht nur Fans, sondern auch Gegner. Wer für einige Gruppen der Antagonist ist, ist für andere der Protagonist und umgekehrt. Erfolgreiche Beispiele wie „Kick it like Beckham“, „Das Wunder von Bern“ oder der Dokusonderfall „Sommermärchen“ zeigen, dass es immer um viel mehr gehen muss als nur um Fußball.

Der Debütfilm von Sebastian Grobler über den Braunschweiger Lehrer KONRAD KOCH (Daniel Brühl), der im 19. Jahrhundert Fußball an seiner Schule einführte, beherzigt das. Der Sport dient als erzählerisches Mittel, um von der gedrillten und erstarrten Klassengesellschaft im deutschen Kaiserreich zu erzählen. Nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich wird als nächstes Stimmung gegen die „Engländerkrankheit“ gemacht. Sport versteht der Lehrer DR. JESSEN (Jürgen Tonkel) als militärische Ausbildung. Das schmächtige Arbeiterkind BORNSTEDT und der dicke Schüler sind dabei erheblich benachteiligt, auch weil sie von der  führenden Gruppe um FELIX HARTUNG (Theo Trebs) an den Rand gedrängt und drangsaliert werden. Die soziale Diskrepanz in der Klasse ist also wirkungsvoll groß.

Vor diesem Hintergrund wird der Kontrast zum neuen Lehrer vom Drehbuch zusätzlich verstärkt. Statt wie der reale Konrad Koch Deutsch unterrichtet er im Film ausgerechnet Englisch, weil der liberale Schuldirektor GUSTAV MERFELD (Burghart Klaußner) angesichts der beginnenden Telekommunikationstechnik schon weiter denkt und die Schüler für eine sich verändernde Welt wappnen will. Damit steht er im entschiedenen Gegensatz zu den konservativen Kräften des nationalistischen Geschichtslehrers DR. BOSCH (Thomas Thieme) und des reichen Förderers RICHARD HARTUNG (Justus von Dohnányi), die sich sofort als Antagonisten gegen den fortschrittlichen Lehrer in Stellung bringen. Der Film ist klar aus heutiger Sicht erzählt und setzt wirksam auf die Wunschentwicklung, dass die fortschrittlichen Kräfte sich schließlich durchsetzen sollen.

Der nun einsetzende Prozess, in dem sich die soziale Struktur der Klasse verändert und zu einem ganz neuen Gemeinschaftsgefühl führt, erzeugt eine enorme emotionale Erlebnisqualität, die den Publikumswünschen selbst der Fußballgegner unter den Zuschauern weitgehend entspricht. Vor allem der schmächtige Bornstedt erweist sich als extrem talentiert und erfährt dadurch viel Anerkennung. Er gehört jetzt dazu, während Felix nun immer stärker ins Abseits gerät.

Doch auch die Entwicklung von Felix verläuft schließlich wunschgemäß. Auch er empfindet den Geist des neuen Teamgeists und Fairplays als so gewinnbringend, dass er sich vom rigiden Einfluss seines Vaters löst. Es ist wohl der emotional stärkste Moment der ganzen Geschichte, wenn sich die gesamte Klasse, angeführt von Felix, zu Konrad Koch bekennt.

Dass sich diese Kraft zum Ende hin und auch in anderen Phasen schwächer zeigt, hängt mit der geringen sozialen Aufladung zusammen, die im Film wirklich spürbar wird. Die Gesellschaft außerhalb der Schule wird kaum zur Verstärkung der entgegen gesetzten Positionen wirksam eingesetzt. Die Welt hinter den herausgehobenen Schülern bleibt zu blass, um einen wirklichen Sog zu erzeugen, der das schlussendliche Spiel gegen Kochs Freunde aus Oxford zum Höhepunkt des ganzen Films werden ließe. Die antienglischen Kräfte werden kaum spürbar, als die schon längst vom Fußball begeisterten Briten schließlich auftauchen.

Der anfangs wirksam entfaltete Kontrast löst sich dadurch vorzeitig quasi in Luft auf. Am Ende geht es dann eben doch NUR um Fußball. Dadurch nimmt sich der Film viel von seinem Potential, das er innerhalb der Schule durchaus publikumswirksam zu nutzen wusste. Die durchschlagende emotionale und dramatische Kraft des ähnlich gelagerten, aber viel weniger komödiantischen US-Erfolgsfilms „Der Club der toten Dichter“, in dem es auch um viel mehr ging (nämlich um Leben, Tod und Kunst), kann somit nicht erreicht werden.

Markteinschätzung:

Der Vorbildfilm von Peter Weir aus dem Jahre 1990 hatte damals fast 3,6 Millionen Zuschauer in die deutschen Kinos gelockt. Davon ist Sebastian Groblers Debütfilm weit entfernt, aber dennoch muss ich gestehen, dass ich nach Ansicht des Rohschnitts zwischen 400.000 und 500.000 Zuschauer für grundsätzlich erreichbar hielt. Dazu trägt nicht nur die emotionale und durchaus Publikumswirksame Erzählweise des Films bei, sondern auch die attraktive Besetzung. Burghart Klaußner hatte gerade erst als Lehrer in Michael Hanekes „Das weiße Band“ mehr als 660.000 Zuschauer und Daniel Brühl wurde – neben den Flops „Die kommenden Tage“, „Lila, Lila“ und „John Rabe“ – immerhin von 2,15 Millionen Menschen in Tarantinos „Inglourious Basterds“ gesehen.

Was ist nun der Hauptgrund dafür, dass „Der ganz große Traum“ nur bei einer niedrigen sechsstelligen Zahl landen wird? Hier stoßen wir auf ein massives Zielgruppenproblem. Fußballfreunde aller Altersklassen werden in dem Film nur mit Magerkost bedient – man sieht nun mal nicht dem FC Barcelona, sondern sozusagen den Neandertalern beim Spielen zu; Frauen haben genuin viel passendere Angebote; dem jungen Publikum ist der Film bei weitem nicht sexy, cool und abgefahren genug – und so bleibt nur ein diffuser Rest von “Familiy Entertainment” übrig.

Daher lässt sich feststellen, dass vor allem das junge und vor allem das weibliche Publikum nicht angebissen haben, vermutlich weil sich letzteres doch vom Thema Fußball abschrecken ließ. Somit werden wohl erst bei der Fernsehausstrahlung auch gerade viele ältere Zuschauer entdecken, welche emotionale Qualität sie zuvor im Kino verpasst haben.

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin 07.03.2011

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