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Filmbesprechung

Der große Kater

Buch: Dietmar Güntsche, Claus P.Hant, nach dem Roman von Thomas Hürlimann;
Regie: Wolfgang Panzer

Die Reibung zwischen politischem Außenleben und privater Tragödien kann ein hervorragender Ausgangspunkt für ein Drama sein. “The Queen” machte dies deutlich. Auch “Der große Kater” bewegt sich auf diesem Feld voller Potenzial. Zwar ist die Schweiz nicht Großbritannien und ein Schweizer Bundesrat nicht die Queen. Doch das seelische Dilemma des Bundesrates KATER (Bruno Ganz), der gezwungen ist, auf der einen Seite politisch glänzen zu müssen – und der gleichzeitig sein krebskrankes Kind verliert – diese Spannung hat universelle Qualitäten.

Der Film bringt diese Qualitäten sicherlich auch phasenweise spannend zur Wirkung. So sind etwa die Sequenzen, in der Kater auf die Ankunft der mit ihm zerstrittenen Ehefrau (Marie Bäumer) wartet, ohne die das Festbankett zur Blamage würde, ausgesprochene Highlights der Spannung. Man kann hier sehr gut studieren, welche Wirkungsmacht große soziale Felder in der Wahrnehmung des Zuschauers entwickeln: wenn ein ganzes Land zusieht, vervielfältigt sich die Wirkung von jeder Form von persönlichem Konflikt. Die Ehekrise wird zum Staatsdrama. Alle sehen zu. Die Nerven liegen blank. Das bewirkt Spannung pur. Hier liegen die Stärken der Erzählung.

Schaut man aber auf den Kern des Geschehens, reduziert sich das eigentliche Hauptthema auf eine einzige dramaturgische Fragestellung: wird der große Kater es schaffen, zu seinem sterbenden Kind eine Beziehung aufzubauen und es bis in den Tod menschlich anteilnehmend begleiten?!  HIER liegt auf menschlich-emotionaler Ebene die eigentliche Herausforderung für den Protagonisten: sich der Sterblichkeit zu stellen und das Leid zu akzeptieren.

Leider wird dieser innere Kern der Story vom Drehbuch eher umschifft – und die Antwort lautet dann auch enttäuschender Weise: nein. Kater hat nicht den Mut aufgebracht, bei seinem Kind zu bleiben; er hat dem Tod nicht ins Auge sehen können, sondern die emotionale Verarbeitung des Ganzen seiner Frau überlassen. Dass sich diese allein gelassen fühlt, ist verständlich. Daran wird aber auch der spektakuläre Rücktritt des Politikers von allen Ämtern nichts mehr ändern können. Die Ehe ist nicht zu retten.

Doch letztlich gleicht das Drehbuch dem Protagonisten: beide wollen das Leid nicht sehen und lenken sich (bzw. uns Zuschauer) von dem ab, was eigentlich nötig wäre. Denn die emotionale Aufmerksamkeit des Zuschauers richtet sich stets auf die Figur, die am meisten benachteiligt ist. Diese ist eindeutig nicht Kater, sondern sein Sohn. Indem dieses Kind nur ein, zweimal vorkommt, und ansonsten quasi vergessen oder verdrängt wird, fehlt dem Film sein emotionaler Kern.

Der Rest sind Intrigen, die mehr mit Plot und Machtpolitik als mit Emotion zu tun haben, wobei in diesem Fall das Wort “Macht” ausgesprochen relativ ist, weil von der Schweizer Luftwaffe nicht gerade bedrohliche Signale ausgehen. Dadurch entfalten die Intrigen (was hat Pfiff – Ulrich Tukur – eigentlich für Motive, das Sterben von Katers Sohn medial auszuschlachten? Welchen Vorteil verspricht er sich davon? Das wird nicht klar…) wenig wirkliche Dämonie. Und auch die Illoyalität innerhalb der Ehe (was verfolgt der Mann für einen Plan, wenn er eine Liebesnacht mit seiner Frau ausgerechnet im Regierungs-Bordell inszeniert?) hilft nicht gerade, um hier emotional einzusteigen. Die Ehe wird so unnötig beschädigt, was auch wieder dem eigentlichen Drama die Wirkung nimmt.

Man kann über “Der große Kater” auf vielen Ebenen Lobendes erwähnen. Aber indem der Film dramaturgisch sein eigentliches Zentrum genauso verdrängt wie seine Hauptfigur, sind die Chancen, wirklich tief zu wirken, nicht allzu groß. Schade.

MARKTPROGNOSEN:

Durch Bruno Ganz hat der Film einen wichtigen Bonus. Schon der grundsätzlich schwache “Giulias Verschwinden” hat von seinem Charme und seiner Popularität enorm profitiert. Augenblicklich brilliert Ganz auch in “Das Ende ist mein Anfang” . Dieser Vorteil wird auch im Fall von “Der große Kater” positiv zu Buche schlage, doch angesichts der Dauerpräsenz von Ganz nutzt sich der Effekt auch ab.

Doch gerade das ältere Publikum, das mit Eheproblemen, Sorgen um kranke Kinder und Ähnlichem viele Erfahrungen hat, dürfte in der Mehrzahl spüren, dass hier emotional etwas nicht stimmt. Die große Geste des Staatstragenden kann nie darüber hinweg täuschen, dass man ganz einfach das Leid und die Not, die in der Story steckt, zu verharmlosen sucht.

Insofern dürfte dann die Weiterempfehlungsrate doch begrenzt bleiben. Was dazu führen dürfte, dass der ansonsten an Alleinstellungsmerkmalen nicht gerade überbordende Film am Markt vermutlich fünfstellig bleiben wird. Realistisch sind Werte zwischen 30.000 und 50.000 Zuschauern, mehr wird man in Deutschland für ein dann doch nicht allzu nahe liegendes Thema schwerlich erwarten können.

Dramaturgische Einschätzung und Marktprognose: Roland Zag

München, 27.10.2010

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