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Filmbesprechung

Der letzte Angestellte

Buch und Regie: Alexander Adolph

Das innerste Wesen des Horrorfilms dürfte unter anderem darin bestehen, kollektive Ängste und Mythen aufzugreifen und zur Sprache zu bringen: “was, wenn eine tief sitzende kollektive Urangst Wirklichkeit wird?” Der Horrorfilm spiegelt unterbewusste, sozial relevante Zwangsvorstellungen und macht sie sichtbar. Meist hat das mit Schuld und Schuldgefühlen zu tun.

In seiner Grundvoraussetzung rührt auch “Der letzte Angestellte” an einen wunden Punkt der kapitalistischen Leistungsgesellschaft und erfüllt so die oben formulierten Ansprüche:  die unmenschliche Kälte, mit der unrentabel gewordene Unternehmen oft abgewickelt werden, ist genau so ein blinder Fleck unserer Gesellschaft. Das Mitgefühl mit den überflüssig und beschäftigungslos gewordenen Menschen spielt da oft keine Rolle mehr.

Wenn sich nun der seit längerer Zeit arbeitslose DAVID (Christian Berkel) zu Beginn des Films in die undankbare Aufgabe stürzt, Menschen entlassen zu müssen, ist genau diese kollektive Ur-Angst da. David fühlt sich latent schuldig, und der Zuschauer, der dieses System ja indirekt unterstützt, auch. Zumal David bald auf Frau BLOCHS (Bibiana Beglau) trifft, die seine Befürchtungen bestätig: sie reagiert mit Drohungen, Erpressungen, Selbstmordfantasien usw. auf die Kündigung. Dass David dabei überfordert wirkt, ist klar, und die Empathie gehört sowohl ihm wie auch Frau Blochs. Bis hierhin hat “Der letzte Angestellte” sehr gute Karten, um ein sozial relevantes Thema in den nackten Horror zu überführen.

Doch der Film verlässt sehr bald diese Ebene der konkreten sozialen Beziehung. Frau Blochs verschwindet bald aus dem Blickfeld. Eine wirklich Bindung hat sich nicht ergeben. David interessiert sich nie mehr wirklich für sie, und das Mitgefühl verliert sich. Ein Geben und Nehmen zwischen beiden bleibt aus (nicht mal sexuell). Damit verschwindet das dramaturgisch wichtigste Element – die soziale Bindung – schon bald aus dem Film.

An deren Stelle tritt die äußerst heikle Beschreibung einer psychischen Krankheit. David erweist sich als labil und psychotisch vorbelastet. Von dem Augenblick an, wo die Krankheit im Zentrum steht, verliert der Film seine Relevanz. Die gewiss schlimme seelische Deformation, die da geschildert wird, ist für den Zuschauer empathisch schwer zu erfassen. Die Darstellung psychischer Krankheit im Film gelingt selten, weil das, was da im Seelenleben des Protagonisten abspielt, quasi in einer Black-Box abgekapselt bleibt. Wir können nicht miterleben, sondern nur noch konstatieren und hilflos mit ansehen, was da in fremden Menschen vor sich geht.

So gleitet “Der letzte Angestellte” allmählich in einen erzählerischen Bereich ab, wo alles und nichts möglich ist. Was auch immer mit David los sein mag – es geht uns gleichsam nichts mehr an, weil nicht mehr das Schuldgefühl, die Empathie und das schlechte Gewissen gegenüber den abgewickelten Angestellten im Vordergrund steht, sondern nur noch ein sehr privater Defekt. Dieser könnte letztlich in jedem beliebigen Ambiente durchgespielt werden.

Und damit fällt der Film leider bald aus dem Raster dessen, was am Markt auf wirkliches Interesse stoßen dürfte. Trotz vieler Vorzüge hinsichtlich der Gestaltung birgt die Dramaturgie zu wenig empathische Relevanz, als dass man sich als Zuschauer wirklich auf die inneren Qualen des Protagonisten einlassen mag. Was zur Folge hat, dass der Film am äußersten untersten Rand der Einspielergebnisse bleiben dürfte.

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag

31.10.2011

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