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Filmbesprechung

Der letzte schöne Herbsttag

Buch und Regie: Ralf Westhoff

Ähnlich wie “Alle Anderen” konzentriert sich dieser Film auf ein einziges Motiv: die Mann-Frau-Beziehung wird bis ins kleinste Detail durchleuchtet. CLAIRE (Julia Koschitz) und LEO (Felix Hellmann) reden über die jeweilige zwischenmenschliche Gefühlslage. Dies hat zunächst zwei große Vorteile: erstens die thematische Einheit – es geht um nichts anderes als Gefühle und Beziehung; zweitens verrät die obsessive Konzentration auf immer dasselbe ein großes Commitment der Figuren. So vehement, wie die beiden Protagonisten um gegenseitiges Verständnis ringen, wird klar, dass ihnen viel aneinander liegt, und so kommt das am Ende doch noch positive Ende nicht ganz überraschend. Wir Zuschauer haben längst begriffen, wie ernst es beide miteinander meinen, während sie selbst beständig daran zweifeln.

Vermutlich wird sich das Zielpublikum (Männer und Frauen um die Dreißig plus) gerade in der Ambivalenz zwischen Sehnsucht nach Beständigkeit und Zweifel, Unzufriedenheit, Ungeduld sehr gut wiederfinden. Daher dürfte der Film am Markt besser aussehen, als man zunächst annehmen mag. Denn szenisch und erzählerisch bietet die etwas mechanische Anordnung (auf jedes Interview folgt eine kleine Spielepisode; dann kommt wieder die intellektuelle Reflexion) nicht allzu viel. Die Schauplätze sind beliebig; die szenischen Schnipsel lange Zeit ohne direkten Zusammenhang; und vor allem die soziale Vernetzung ist sehr sparsam. Jenseits der jeweils besten Freunde kommt nicht viel vor. Claires Eltern haben nur einen einzigen, winzigen Auftritt; das universitäre Leben wird nur gerade mal angedeutet; jede andere äußere Zielrichtung bleibt außen vor. Daher bleibt “Der letzte schöne Herbsttag” eigentlich ohne äußere Dramaturgie.

Das ändert sich erst gegen Ende, als so etwas wie eine “Handlung” in Gang kommt. Hier nimmt die Spannung dann auch erkennbar zu; das bis dahin stockende szenische Konzept gerät in Fluss; auch die Komik der Situationen beginnt, ein Eigenleben zu führen. Streng genommen bleibt aber selbst diese Schlussoffensive dramaturgisch nicht allzu ergiebig. Doch gerade wenn am Ende klar wird, wie stark dann doch die Sehnsucht nach dem jeweils anderen wird, steigt auch der emotionale Pegel. Und das zählt.

Hinzu kommt ein Element, das sonst oft Nebensache ist, hier aber zur Hauptsache wird: die Kraft der Dialoge. Das Niveau ist hier gleichbleibend hoch, und entsprechend wird trotz der kargen Story ein nicht unerheblicher Unterhaltungswert geboten.

Insgesamt ist daher einerseits die Attraktivität des Films begrenzt (aufgrund der Statik, der mechanistischen Konstruktion und der äußeren Bescheidenheit an konkreter Action); andererseits hat der Film ein hohes Alleinstellungsmerkmal, er weist eine überdimensional wichtige Beziehung und jede Menge Commitment der Figuren auf. Insofern sind die Aussichten am Kinomarkt auf jeden Fall aus dramaturgischer Sicht nicht ganz schlecht.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag




Markteinschätzung:

Ralf Westhoff hat 2007 schon einmal alles an bekannter Dramaturgie und Erzählstruktur über den Haufen geworfen und einen völlig ungewöhnlichen Film als sein Debüt zum Erfolg geführt: „Shoppen“ erzielte 333.000 Kinozuschauer. Der Film lebte von dem Reiz, bei einem Speed-Dating von Männern und Frauen quasi Mäuschen spielen zu dürfen, wobei eine hohe Unterhaltsamkeit und Natürlichkeit in den Dialogen maßgeblich zum Erfolg beitrug. Die Vorstellung fällt schwer, dass die Reduktion auf ein Paar bei „Der letzte schöne Herbsttag“ eine Wiederholung dieser Besucherzahlen bringen kann. Dazu trägt auch bei, dass das Prinzip des direkt in die Kamera-Sprechens inzwischen nicht mehr frisch anmutet, sondern auch bei TV-Shows wie der Beziehungscomedy „Paare“ auf Sat1 breitenwirksam eingesetzt wurde. Zudem sind die beiden Hauptdarsteller nach „Shoppen“ in keinen weiteren Kinofilmen, sondern vor allem im Fernsehen und dort auch kaum in Hauptrollen in Erscheinung getreten. Insofern dürfte der zweite Film von Ralf Westhoff schlussendlich etwa die Hälfte der Speeddating-Komödie erreichen. Für 160.000 bis 180.000 Besucher sollten die witzigen Dialoge und die leicht überdurchschnittliche Weiterempfehlungsrate allerdings schon sorgen. Was als erfrischender Erfolg für unprätentiöses, deutsches Independent-Kino gewertet werden kann.

Markteinschätzung: Norbert Maass

Baden-Baden/München 18.11.2010

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