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Filmbesprechung

Die Libelle und das Nashorn

Buch und Regie: Lola Randl

Der Vergleich mit dem berühmten Vorbild “Lost in Translation” liegt natürlich nahe: auch “Die Libelle und das Nashorn” verhandelt eine Zufallsbegegnung einer jüngeren Frau und eines älteren Mannes im Ambiente eines Luxushotels. Beide male sieht sich die Frau von ihrem Liebhaber verlassen, beide male kommuniziert der Mann mit per Telefon mit Zuhause; und beide male liegt eine leise erotische Spannung in der Luft, die jedoch nie wirklich zum Höhepunkt kommt.Hat damit “Die Libelle und das Nashorn” reelle Chancen, ähnliche Besucherrekorde zu erzielen, wie das dem Film von Sofia Coppola gelang?

Ganz sicher nicht. Denn eine ganz entscheidende Kraft fehlt in Lola Randls Film: der Culture Clash. Das Ambiente einer tobenden, von Leben überbordenden Stadt wie Tokio gab den beiden verlorenen Seelen in “Lost in Translation” im Hotel von Tokio erst die soziale Kraft: denn vor dem Hintergrund der vielen Menschen, mit denen die Protagonisten unmöglich in Kontakt treten konnten, entstand im Zuschauer erst das Gefühl der Verlorenheit, Isolation und damit der Empathie für die Figuren. Es war das Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit, welches dafür sorgte, dass man  Scarlett Johanssons und Bill Murrays Odyssee mit soviel Anteilnahme zusehen konnte.

Genau diese  Opposition von Welt und Gegenwelt – eine der dramaturgisch wirksamsten und wichtigsten  Triebfedern überhaupt – fehlt in “Die Libelle und das Nashorn”. An deren Stelle steht, wenigstens zu Beginn, eine durchaus spürbare Opposition zwischen dem allzu erfolgreichen NINO (Mario Adorf) und der erfolglosen, aber ambitionierten ADA (Fritzi Haberlandt). Auch dieser Antagonismus hätte im Prinzip das Zeug, um eine Story wirklich in Gang zu setzen. Allerdings geht diese Trennschärfe schnell verloren, und die Konkurrenzsituation der beiden weicht sehr bald einer recht konfliktarmen Gesprächssituation.

Insofern trägt “Die Libelle und das Nashorn” recht wenige Elemente in sich, die von “Drama” oder “Geschichte” sprechen lassen könnten. Es gibt wenig äußere Ziele, es gibt auch wenig klar erkennbares inneres “Need”; und die Plot-Elemente, die sich nach englischen Detektiv-Geschichten anhören, sind kaum dazu angetan, ernst genommen zu werden. Insofern wird man kaum von “Spannung” reden können.

Nun mag man das als Nachteil sehen – oder aber auch als Chance. Die Dramaturgie des Films lebt hier ganz “von der Hand in den Mund”. Nichts ist vorhersehbar, nichts folgt einem fertigen Plan – diese Abwesenheit einer dramaturgischen ordnenden Hand mag man auch als Befreiung erleben. Der Film ist mal albern, mal tiefgründig; mal ist er originell, mal verliert er sich in Zitaten; mal gibt er sich streng, mal verspielt.  Gerade das Nicht-Spannende kann auch als Qualität gesehen werden.

Rein zwischenmenschlich entsteht dann doch so etwas wie eine ganz hintergründige Sogwirkung, ein Gefälle, das man aber noch lange nicht als “Ziel” bezeichnen könnte. Immer wieder zeigt Ada Anwandlungen, Nino verführen zu wollen. Immer wieder will sie ihn küssen, provozieren, in anzügliche, intime Gesprächsthemen locken. Nino freilich wehrt all diese zarten Avancen ab. (So gesehen wird das “Ziel”, wenn man es so nennen will, nicht erreicht). Aber es entsteht eine andere Ebene, die man, sehr vorsichtig, als “Need”, als dahinter liegendes Bedürfnis verstehen könnte: Ada und Nino kommen sich beim Thema “Tod” am nächsten. Insofern entsteht am ehesten hier so etwas wie ein Geben und Nehmen, ein wirklicher Austausch: Ninos Angst vor dem Tod mag durch die Begegnung mit Ada, die ihm zuhört und zu der er ehrlich sein kann, ein wenig Linderung erfahren. Wenn überhaupt, dann liegt hier der emotionale Gewinn dieser eher spielerischen als verbindlichen Begegnung.

Sehr viel ist das nicht – will es aber auch nicht sein. Insofern gibt der Film nicht mehr vor, als er einlösen will. Was für einen großen Publikumserfolg sicher nicht reicht, aber doch bei einem kleinen Publikum auf Zustimmung stoßen könnte.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

“Die Libelle und das Nashorn” ist in jeder Hinsicht ein kleiner Film, der dennoch versucht, mit wenigen Mitteln immer Kinobilder zu finden. So entsteht mit wenigen Mitteln eine optische Geschlossenheit, die man gerade fürs vermutlich ältere Publikum als wohltuend einschätzen kann.

Natürlich lebt die Attraktivität ganz von den beiden bekannten und beliebten Schauspielern – sowie der eigentlich tragischen Umstände, die überhaupt zum Dreh des Films führten: nämlich dem überraschenden und plötzlichen Tod der Hauptdarstellerin eines ganz anderen Films, der  zeitgleich hätte produziert werden sollen und an dessen Stelle nun diese kleine Arbeit tritt. Dieser Aspekt, der nichts mit dem Film, aber seiner Entstehung zu tun hat, wurde in der Presse vielfach beachtet. Ob er allerdings das große Publikum ins Kino treibt, muss bezweifelt werden.

Am Ende sind es also nur zwei wesentliche Faktoren, die eine Attraktivität ausmachen: die Schauspieler und das Versprechen eines verspielt-unaufregenden, mit Absicht undramatischen Ping-Pong-Spiels zweier verlorener Seelen. Am gegenwärtig überhitzten Kinomarkt dürften diese Elemente zu nicht wirklich aufregenden Zahlen führen. Zuschauerzahlen von 20.000 – 30.000 sollten bereits die Obergrenze bilden.

München, 06.12.2012

Roland Zag

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