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Filmbesprechung

Die Relativitätstheorie der Liebe

Buch und Regie: Otto Alexander Jahrreiss

Mehr als sonst spielen hier die äußeren Faktoren eine Hauptrolle. Einen Episodenfilm mit fünf Erzählsträngen, die allesamt von denselben Darstellern gespielt werden, hat es schon lange nicht mehr gegeben. Die Verwandlungskunst der Hauptdarsteller steht im Vordergrund, und indem die schauspielerische Leistung sicher als gelungen angesehen werden kann, bezieht der Film einen großen Teil seines Reizes aus diesem Alleinstellungsmerkmal. Der Film punktet mit dem Unterhaltungswert der Rollenspiele – und das ist schon mal eine Menge.

Rein erzählerisch erinnert “Die Relativitätstheorie der Liebe” sehr deutlich an “Männerherzen”, und dieser wiederum an das britische Vorbild “Tatsächlich…Liebe”. Was die rein äußerliche Kunst der Zusammenführung der Paare angeht, so kann “Die Relativitätstheorie der Liebe” durchaus punkten. Selbst wenn es nicht gelingt, am Ende ALLE Figuren zusammen zu bringen, ergibt sich doch ein hübscher sozialer Zuwachs, wenn sich die Figuren immer mehr untereinander vermischen.

Gerade im Fall des Episodenfilms ist es zudem nötig, eine maximale Binnenspannung herzustellen, indem die Trennschärfe zwischen den Figuren und Milieus maximal ausgereizt wird. Auch dies ist in diesem Fall sicherlich gelungen. Der arrogante Werbemanager  ist vom frustrierten Fahrlehrer ebenso leicht zu unterscheiden wie der libanesische Imbiss-Besitzer vom verstrubbelten Alt-Hippie.

Eine zweite Voraussetzung besteht in der Schärfe der Konfliktspannung. Gerade in “Männerherzen” wurde eine große Konzentration auf einige wenige klare Konflikte erreicht. Das allerdings kann man von “Die Relativitätstheorie der Liebe” kaum sagen. Im Gegenteil. Letztlich baut der Film zwar Konfrontationen auf – lässt diese aber in den meisten Fällen in Nichts zusammen fallen, sodass sich eine wirkliche dramatische Fallhöhe kaum einstellt.

Die Untreue des Werbemanagers (immerhin schon seit 15 Jahren!) gegenüber seiner esoterischen Frau bleibt folgenlos, indem diese sich einfach selbst entmaterialisiert; die Annäherung zwischen dem Libanesen und einer deutschen Beamtin vollzieht sich reibungslos und vorhersehbar, ohne dass irgendwas dazwischen kommt; die Sehnsucht einer Frau nach dem Samenspender für ihr Kind wird auf der Stelle erfüllt, und der geplante Mordanschlag des Fahrlehrers auf seine viel zu temperamentvolle Frau – nun ja — ganz versteht man nicht, warum er sie umbringen will. Weil sie ihn betrügt? Eigentlich kann er das gar nicht wissen. Geht sie ihm auf die Nerven, oder ist er nur eifersüchtig? Und wenn ja – würde er dann nicht eher die Liebhaber umbringen? Hier liegen viele innere Widersprüche, die die Episode nicht ganz klar machen.

Letztlich ist von “Liebe” eigentlich kaum die Rede. Ein wirkliches Miteinander, ein Geben und Nehmen wird kaum erreicht (am ehesten noch zwischen dem Imbissbesitzer und der mausgrauen Beamtin, die sich gegenseitig durchaus etwas zu geben haben). Die titelgebende Formel ist ein rein intellektuelles Konstrukt, das wohl kaum einem Kinobesucher (geschweige denn einer Besucherin) ans Herz gehen wird.

Insofern bleibt “Die Relativitätstheorie der Liebe” dann doch hinsichtlich der inneren Kraft und dramaturgischen Stimmigkeit weit hinter den Vergleichsfilmen zurück. Eine wirkliche Weiterempfehlung durch Mundpropaganda wird sich kaum einstellen.

Doch angesichts der vielen Alleinstellungsmerkmale wird sich diese Schwäche nicht allzu sehr auswirken.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

Markteinschätzung:

Das Ergebnis wird in diesem Fall – wie die dramaturgische Einschätzung zeigt – weniger von den inhaltlichen und emotionalen Qualitäten als vielmehr von den äußeren Anziehungspunkten geprägt werden. Insofern liegt ein starkes Gewicht auf der Attraktivität der beiden Hauptdarsteller. Katja Riemanns Millionenerfolge aus den Neunziger Jahren wie „Der bewegte Mann“ mit 6.570.000, „Stadtgespräch“ mit 1.694.000 oder „Die Apothekerin“ mit 1.595.000 Zuschauern sind lange her. Außerhalb der anders gelagerten Bibi Blocksberg-Kinofilme (zuletzt 2004) ist ihre Starpower deutlich gesunken und der momentane Wert schwer zu ermessen. Olli Dittrich hat sich als Dittsche sowie vorher bei „Samstag nacht“ ein weithin bekanntes TV-Profil geschaffen hat, aber im Kinomarkt noch keine eigenen Akzente setzen können; am stärksten wurde er 2004 im Ensemblefilm „Der Wixxer“ mit 1.880.000 Besuchern wahrgenommen, aber seine grundsätzlich hohe Popularität ist auch durch seine Comedy Werbekampagne für Media Markt zu erklären. Insgesamt ist die Attraktivität der beiden für einen Kinofilm als begrenzt zu bewerten und ein durch sie erzeugter Durchbruch nicht zu erwarten.

Der Titel „Die Relativitätstheorie der Liebe“ dürfte eher ein interessiertes und anspruchsvolles Publikum ansprechen, das dann aber von der tatsächlichen intellektuellen Bedeutung des Films tendenziell enttäuscht sein könnte. Die Theorie ist schlussendlich eine banale und bezieht sich stärker auf das grundsätzliche Zustandekommen einer Beziehung. Zuschauer, die einen inhaltlichen Gewinn für sich und ihr Leben erwartet hatten, werden den Film kaum weiter empfehlen. Stärker positiv ist die Wirkung wohl vor allem für ein etwas älteres weibliches Publikum (35+), das Freude an den gelungenen Verwandlungen, den unterhaltsamen Facetten und der gefälligen Musik hat.

Wir erwarten insgesamt ein besseres Ergebnis als bei romantischen Komödien aus Deutschland wie „Lila Lila“ (2009; 125.000) und „Salami Aleikum“ (2009; 145.000), aber doch einen Abstand zu amerikanischen RomComs wie zuletzt „Woher weißt Du, dass es Liebe ist?“, die 300.000 aufwärts erreichten. Am Ende (auch nach Open-Air-Kino-Einsätzen) sollte „Die Relativitätstheorie der Liebe“ zwischen 180.000 und 250.000 Zuschauer liegen.

Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin/München 26.05.2011

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