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Filmbesprechung

Die Vaterlosen

Buch und Regie: Marie Kreutzer

Die Auseinandersetzung mit einer Elterngeneration, die sich freie Selbstverwirklichung, Ungebundenheit und die Abschaffung des Besitzdenkens auf die Fahnen geschrieben hatte, ist ein dankbares Thema. Der Wertekonflikt liegt auf der Hand: auf der einen Seite der “kleinbürgerliche” Wunsch nach Bindung, Treue, Sicherheit. Auf der anderen Seite der gut gemeinte Kampf um eine – wie auch immer – bessere, gerechtere, friedlichere Welt. Gerade der Blick aus der Perspektive der Kinder birgt viel Konfliktpotenzial: die einen werden den Weg der Eltern verteidigen, die anderen verteufeln.

“Die Vaterlosen” behandelt also ein starkes Konfliktfeld. Und indem hier sieben erstaunlich trennscharf entwickelte Figuren aufeinander treffen, entsteht ein ungewöhnlich seriöser Film, der mit einem Minimum an Plot und einem Maximum an Charakter starke Momente erzeugt.

Dennoch gibt es da ein Problem. “Die Vaterlosen” spielt narrativ auf zwei Ebenen. Da ist einmal die Gegenwart. HANS (Johannes Krisch) ist gestorben, seine Kinder versammeln sich samt Lebenspartnern auf dem einsamen Landgut, auf dem sie samt Mutter ANNA (Marioin Mitterhammer) aufgewachsen sind. Dabei stellt sich heraus, dass KYRA (Andrea Wenzl) vom Vater einst verstoßen und nie mehr anerkannt wurde. Die Jüngste, MIZZI (Emily Cox), leidet unter einer Krampfkrankheit, die sie letztlich der Mißhandlung durch ihren Bruder VITO (Andreas Kiendl) verdankt. Auf dieser Ebene gibt es eine fast unendlich viele Konfliktebenen, da jedes von Hans’ Kindern auf seine Art mit der Vergangenheit umgeht.

Auf der zweiten Ebene allerdings offenbaren Rückblenden den wahren Charakter der Gemeinschaft, die sich um den hoch charismatischen Hans geschart hat. Es handelte sich um eine Hippie-Kommune, in der vorgeblich Besitzlosigkeit, Basisdemokratie und absolute Offenheit zu den Grundwerten zählten. Dass diese Werte durch den Narzismus und den Herrschaftsanspruch von Hans immer wieder in Frage gestellt werden, ist offensichtlich, aber auch erzählerisch mindestens so ergiebig wie die posthume Auseinandersetzung .

Denn der Gemeinschaftsfaktor war zu den Zeiten, wo Hans noch lebte, eindeutig höher. Die Konfliktspannung zwischen den Kommunarden und der einheimischen Dorfbevölkerung war ebenfalls deutlich stärker. Das Zugehörigkeitsdrama der Mütter, die von Hans schwanger wurden, übertrifft an Intensität ebenfalls alles, was in der Gegenwart verhandelt wird.

Wie immer lauert dramaturgisch die Gefahr, dass zwei Zeitebenen hinsichtlich der Grundspannung konkurrieren. Oft tendiert die Verganenheit dazu, die Gegenwart in den Schatten zu stellen. Dann wird die Eigendynamik der Rückblenden zur Last, zur Bremse.  In “Tannöd” wurde z.B. diese Gefahr zur realen Schwierigkeit, in “Der Vorleser” dagegen ein Weg gefunden, beide Ebenen gut auszutarieren.

“Die Vaterlosen” liegt dazwischen. Von allen Figuren des Films ist Hans ohne Zweifel die stärkste mit dem meisten commitment. Bei ihm liegt der Schlüssel zu allen Vorkommnissen des Films. Hans wird aber weder zum Mythos erklärt (was der Fall wäre, wenn er gänzlich im Off bliebe, man ihn also nie sehen würde, wie das etwa in “Der große Frust” der Fall war), noch erhält er den Raum, den er bräuchte, um sich ganz zu entfalten.

Damit kommt es zum Angriff der Vergangenheit auf die Gegenwart: immer drängt sich der übermächtige Patriarch in das Geschehen, stets wünscht man sich mehr zu erfahren vom großen Übervater Hans, von den Umständen der Kommune. Davon aber wird immer nur in winzigen Ausschnitten erzählt. So wirkt der explosive zentrale Charakter in seiner dramaturgischen Kraft beschnitten, ja beinahe kastriert. Möglicherweise hätte hier die ganz klare Entscheidung, Hans entweder ganz außen vor zu lassen, oder ihn tatsächlich ins Zentrum zu stellen, geholfen.

In der vorliegenden Form bleibt die Frage, wo eigentlich genau der Kern der Story liegt, ein wenig diffus. Man könnte die körperliche Behinderung der hoch sensiblen Mizzi zum Hauptkonflikt erklären. Man könnte auch die Ausgrenzung von Kyra als Zentrum des Films sehen, oder auch Vitos Verlangen, das Haus und die Wertewelt des Vaters zu übernehmen und zu revitalisieren. Doch die Gegenwartsebene hat immer wieder große Mühe, sich gegen die übermächtige Kraft der Vergangenheit durchzusetzen.

Auf allen Ebenen also quillt förmlich die dramaturgische Stärke der Vergangenheit aus den Poren. Dadurch bleibt der Eindruck, den der Film hinterlässt, nicht ganz so stark, wie das wünschenswert wäre. “Die Vaterlosen” erzählt von vielem ein bißchen, aber nichts wird wirklich erschöpfend behandelt.

Man kann nun diese Komplexität und Vieldeutigkeit auch als Stärke sehen. Sie ist sicherlich gewollt, und aus Sicht der Kritiker und Festivalleiter ist diese dramaturgische Offenheit vielleicht sogar eine Tugend. Nur für den deutschen Markterfolg des Films tun sich hier Hindernisse auf, die – in Verbindung mit den ohnehin ungünstigen Faktoren: ‘österreichischer Film – keine Stars – keine großen Namen’ – dafür sorgen könnten, dass “Die Vaterlosen” trotz zahlreicher Qualitäten am Markt dann doch weniger beachtet wird, als das die originelle und sozial relevante Thematik erwarten ließe.

Insofern wird sich der Film um die Schwelle der 10.000 Zuschauer bewegen, die für schwierige ambitionierte Projekte oft die Obergrenze bildet und hier leider vermutlich nicht überschritten werden wird.

München, 10.8.2011

Dramaturgie- und Markteinschätzung: Roland Zag

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