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Filmbesprechung

Die Vermessung der Welt

Buch: Daniel Nocke, Daniel Kehlmann, Detlev Buck (nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann); Regie: Detlev Buck

Der enorme Erfolg von Daniel Kehlmanns Roman legt den Gedanken an eine Verfilmung nahe. Nicht nur wegen der großen Attraktivität der Story, sondern auch wegen der gewaltigen visuellen sinnlichen Möglichkeiten, die Alexander v.Humboldts Entdeckungsreisen im Amazonasgebiet bieten.

Dabei muss aber klar sein, dass Daniel Kehlmanns Buch auch ganz bestimmte Besonderheiten aufweist, die sich eigentlich gerade nicht für eine Verfilmung eignen. Erzählt wird die Geschichte zweier Ausnahmepersönlichkeiten, die quer zu der Zeit stehen, in der sie leben: Karl Friedrich Gauß ist als mathematisches Genie so weltfremd, dass er sogar mit den Frauen, die er begehrt, nur über Mathematik reden kann. In Alexander v. Humboldt dagegen streitet die enorme Wissbegierde und Abenteuerlust mit einer fast pathologischen zwischenmenschlichen Blindheit, die ihn nicht nur mit dem Reisebegleiter, sondern auch den Kulturen, die er bereist, beständig in Konflikte treibt. Beide Geschichten werden parallel erzählt – eine echte Beziehung der Beiden aber besteht bis kurz vor Schluss eigentlich nicht.

Der ‚human factor’ der Romanvorlage – und damit die Verfilmbarkeit – ist also eigentlich gering, zumindest vordergründig. Beide Protagonisten sind zwar Genies, aber zwischenmenschlich eher Versager. Daraus ergibt sich ein Culture Clash, der zwar äußerst wirkungsvoll, skurril und verblüffend wirken kann – aber eben der Empathie und Einfühlung in die Innenwelten der Figuren wenig Raum gibt.

Die Perspektive des Romanautors Kehlmann entspricht dabei in etwa der der Protagonisten: das Buch ist gleichsam durch das Vergrößerungsglas eines Wissenschaftlers geschrieben: als könnte der Autor die Beweggründe der Menschen und ihres Verhaltens kaum verstehen. Das menschliche Zusammenleben wird geschildert, als sei es Regeln unterworfen, die man zwar beschreiben, aber nicht begreifen kann. Genau so betrachten auch Gauß und Humboldt die Welt. Und so in etwa geht nun auch der Film vor.

Entsprechend verläuft die Handlung sprunghaft und wenig konform zu den Regeln der klassischen Drehbuchlehre. Von „Want“ und „Need“, von Wandlung oder ‚human factor‘ kann keine Rede sein. Damit hat der Film eine Trumpfkarte (die Werktreue) – aber auch ein Problem. Denn „Die Vermessung der Welt“ ist genauso desinteressiert an der Einfühlung in die Figuren wie der Roman. Die Charaktere sind ebenso skurril, psychisch deformiert und am Ende tragikomisch wie im Buch. Man wird dabei einem Werk, das sich gar nicht um Empathie und Innenwelten kümmert, kaum vorwerfen können, dass das Emotionale fehlt. Die Entscheidung, „Die Vermessung der Welt“ zu verfilmen, ließ im Grunde recht wenig andere Möglichkeiten zu. Insofern ist die Verfilmung kongenial zu nennen. Aber sie entspricht eben auch nur bedingt den Bedürfnissen des durchschnittlichen Kinopublikums.

Insofern haben wir es mit einer lange Zeit parallel geführten Story zweier Männer zu tun, die zwar die Welt rein äußerlich „vermessen“, aber gefühlsmäßig nicht verstehen können. Darin erinnert sowohl der Roman als auch die Verfilmung entfernt an „Das Parfüm“ – das dennoch weit regelkonformer aufgebaut war.

Die Konsequenz ist, dass man die beiden Protagonisten nur bedingt „mögen“ kann. Insbesondere ALEXANDER (Albrecht Schuch) ist in seinem egomanischen Verhalten eigentlich nahe an der Psychose bzw. der Parodie angesiedelt. Zwar liegt eine starke ideelle Bindung an den Geist der Wissenschaft vor, die sowohl Humboldt als auch Gauß rettet. Aber diese ist so manisch, dass Humboldt über Leichen geht. Insofern ist seine „Freundschaft“ zum Kollegen BONPLAND (Jérémy Kapone) nicht als solche zu bezeichnen. Auch sein Verhalten gegenüber den Indianerstämmen wird von Egomanie und mangelnder Empathie bestimmt. Das führt zu höchst unterhaltsamen, aber eben auch wenig erbaulichen Szenen.

Das Verhalten von GAUSS (Florian David Fitz) ist etwas weniger asozial. Daher gehört ihm das Mitgefühl schon eher – insbesondere, als ihm nicht mal der große Immanuel KANT (Peter Matic) zuhören und er daraufhin Selbstmord begehen will. Doch auch bei ihm ist – insbesondere in den späten Szenen, wo er als verbitterter Sonderling gezeichnet wird – wenig Innenleben zu erkennen, wenig Zuwendung zu anderen.  Nicht mal seinem Sohn EUGEN (David Kross) widmet er am Ende, als dieser verhaftet und gefoltert wird, viel Aufmerksamkeit.

„Die Vermessung der Welt“ hat sich also ein schwieriges Unterfangen zur Aufgabe gemacht. Der Culture Clash, von dem die Rede ist, hat nicht unbedingt mit dem Kontrast zwischen westlicher Zivilisation und indianischer Kultur zu tun. Der Antagonismus verläuft eher zwischen genial begabten Menschen, die sich radikal und manisch einer bestimmten Neugier verschrieben haben, und dem „normalen“ Rest der Welt. In dieser Reduktion sind sich Roman und Film sehr ähnlich, und beide radikal genug, um eine eigenständige Form zu erreichen.

Daher ist „Die Vermessung der Welt“ voller erstaunlicher, dabei auch unterhaltsamer und spannender Elemente  – nicht zu vergessen die erwähnten überwältigenden Bilder aus dem Regenwald, genau wie die absurden Verhältnisse am Hof des HERZOGS (Michael Maertens). Aber wirkliche emotionale Beteiligung von Seiten des Publikums ist am Ende doch eher eingeschränkt zu erwarten.


MARKTEINSCHÄTZUNG:

Neben den erwähnten rein dramaturgischen Aspekten gibt es natürlich noch eine ganze Reihe wichtiger Faktoren. Da ist einmal selbstverständlich der phantastische Erfolg des Romans, der  vor nicht zu langer Zeit die deutschsprachige Welt in Bann hielt. Der Effekt des „Must See“ ist in diesem Fall für ein großes, breit gestreutes Zielpublikum klar gegeben.

Hinzu kommen die erwähnten Schauwerte. Sie bilden einen wesentlichen Teil der Attraktivität. Von Seiten der Besetzung gibt es weniger Anziehungskräfte – mit einer gewichtigen Ausnahme: Florian David Fitz gehört zu Deutschlands insbesondere beim jungen Publikum beliebtesten Darstellern. Seine Mitwirkung hilft dem Markterfolg mit Sicherheit.

Hingegen wird man vom Regisseur Detlev Buck nicht allzu viel Anziehungskraft erwarten können. Zwar hat er bereits äußerst erfolgreiche Filme realisiert („Männerpension“, „Rubbeldiekatz“), aber meistens im Komödienfach, während man seinen Namen mit Projekten wie diesem eher nicht in Verbindung bringen würde.

Zusätzlich von Bedeutung ist die Auswertung des Films in 3D – im deutschen Kino immer noch eine Seltenheit, und daher ein Zusatzeffekt von Rang.

Rechnet man nun alles zusammen – die starken äußeren Faktoren, die sinnlichen Elemente, und die spannende, originelle, aber empathiearme Dramaturgie – so ergibt sich ein schwer zu erfassendes Gesamtbild.

Als Vergleich liegt  „Das Parfüm“ am nächsten. Dieser Film wirkt – rein markttechnisch – wie der große Bruder der „Vermessung der Welt“: das Buch war NOCH erfolgreicher, die Besetzung des Films NOCH spektakulärer, der Name des Regisseurs, vor allem aber des Produzenten noch ungleich bekannter. Und – vor allem – die Story dann doch trotz aller Sprödigkeit gegen Schluss hin ungleich zwingender, dramaturgisch runder erzählt.

Insofern wird der Markterfolg von „Die Vermessung der Welt“ zwar solide sein, aber nie auch nur in die Nähe von „Das Parfüm“ gelangen, der damals von mehr als 5 Millionen Deutschen gesehen wurde.

Nach unserer Schätzung wird nicht einmal eine Million erreicht werden können. Bei einem Endergebnis von 800.000 im deutschsprachigen Raum scheint uns nach Abwägung aller Faktoren das Potenzial des Films ausgereizt.

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag


München, 5.11.2012

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