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Filmbesprechung

Die Wand

Buch: Julian Roman Pölsler (nach dem Roman von Marlen Haushofer); Regie: Julian Roman Pölsler

Rein dramaturgisch betrachtet kann man “Die Wand” als Gegenstück zum kürzlich gestarteten “Liebe” (Michael Haneke) sehen. In “Liebe” war nach langer, ereignisarmer Zeit nur EIN einziger, dafür wirkungsmächtiger Wendepunkt zu beobachten gewesen. In “Die Wand” verhält es es sich genau andersherum. Auch hier gibt es nur einen Wendepunkt – doch dieser liegt, dafür sehr spektakulär, eher am Anfang. Wenn die namenlose FRAU (Martina Gedeck) erkennen muss, dass sie aus ihrer einsamen Bergwelt keinen Ausweg erwarten darf, trifft uns das wie ein Schock. Sie prallt eben gegen jene titelgebende unsichtbare Wand, an der sie fortan bis zum Schluss abprallen wird.

Durch diesen einen, dafür lang nachhallenden großen Wendepunkt wird ein wirkungsmächtiges Zugehörigkeitsdrama in Gang gesetzt. Denn Anna sieht sich mit einem mal der vollkommenen Einsamkeit ausgesetzt. Eine Rückkehr in die menschliche Gemeinschaft ist unmöglich. Die Vorstellung einer solch unerhörten Isolation gehört ins Reich der Horrorvisionen und Alpträume: absolute Abgeschiedenheit ist das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann. Anna sucht nach Auswegen, nach Möglichkeiten, sich innerhalb der neuen Gegebenheiten zurecht zu finden. Daraus erwächst der gesamte folgende Film. Der Wunsch, Anna möge einen Weg zurück finden, hält die Aufmerksamkeit des Publikums bis zum Schluss in Gang.

Gleichzeitig entsteht aber auch ein ganz neues Bild. Denn Anna, eine moderne Variation des Robinson-Crusoe-Mythos,  findet trotz der beklagenswerten Einsamkeit eine neue Form von Zugehörigkeit. Sie entwickelt Bindungen zu den sie umgebenden Tieren, zur Natur, und vor allem zu ihrem Schreiben, also einer Form von ideeller Bindung. Diese neu gefundene Vernetzung innerhalb ihrer Umgebung verleiht ihrer Situation neuen Sinn. “Die Wand” setzt sich erzählerisch mit der Grunderfahrung auseinander, dass Katastrophen, selbst wenn sie auf den ersten Blick unerträglich erscheinen, in Wahrheit auch ihren lebenswerten Sinn enthüllen können. Hier liegt die sinnstiftende Kraft der literarischen Vorlage (neben den rein literarischen Qualitäten der zweifellos “schönen” Sprache mit ihrem Reichtum an innerem Erleben).

Bemerkenswert ist dabei die kinematografisch einmalige Konzentration auf INNERE Aspekte. Während dem filmischen Erzählen grundsätzlich der direkte Weg in die Innenwelt der Protagonisten verwehrt ist, und Teilnahme an seelischem Erleben immer nur indirekt über den Umweg äußerer Konflikte möglich ist, entsteht in “Die Wand” – durch die Treue zur literarischen Vorlage – ausnahmsweise ein ganz anderer Blick. Er richtet sich direkt auf die seelische Welt der Protagonistin. Auch das hebt den Film aus dem gängigen Marktgeschehen heraus.

Dagegen kommt das Element der äußeren Spannung und Bedrohung eher kurz. Selbst als gegen Schluss destruktive und bedrohliche (natürlich männliche!) Kräfte in ihre Welt einzudringen drohen, entsteht daraus keine wirklich eigenständige dramaturgische Kraft. Die tödlichen Attacken im letzten Drittel bleiben eher episodisch. Insofern bleibt der Film der reinen Innenschau, die auf äußere Plots verzichtet, treu – entwickelt aber auch nur begrenzte äußere Spannung.

Die Dominanz der literarischen Vorlage ist unübersehbar. Selbst wenn die Umsetzung dem Text bildgewaltige visuelle Motive hinzufügt, bleibt doch das Erlebnis in erster Linie ein literarisches. Das erschwert die Aufnahme – “Die Wand” fordert ein geduldiges und literarisch offenes Publikum. Andererseits verschafft dieses Verfahren dem Film auch eine   erstaunliche künstlerische Konsequenz, die ihn deutlich aus dem Durcheinander des Marktgeschehens heraus hebt.

MARKTEINSCHÄTZUNG:


“Die Wand” verfügt, wie schon gesagt, in erster Linie über ein klares Profil.  Dieser Film ist anders als alle anderen. Das ist am Markt entscheidend – selbst wenn wie in diesem Fall der kulinarische Aspekt zu kurz kommt: “Die Wand” ist kein spannendes Erzählkino, sondern ein Leckerbissen für eine intellektuell vorgebildete Publikumsschicht.

Hier hilft die Ausstrahlungskraft der Romanvorlage. Marlen Haushofers Buch war zwar nie  ein Bestseller, verfügt aber doch über einen Nimbus. Letztlich bekommt das Publikum mit dem Film eine Art kondensierte, mit starken Bildern und einer fulminanten Hauptdarstellerin angereicherte Digest-Fassung des eher hermetischen Romans. Das sind Argumente, die überzeugen.

All diese Elemente führen dazu, dass “Die Wand”, trotz der Schwierigkeiten, die die wenig kulinarische Gesamtanlage bietet, ein attraktives Angebot darstellt – mindestens für ein aufgeschlossenes bildungsbürgerliches Publikum.

Gleichwohl muss man hier zugestehen, dass ein vergleichsweise großer Erfolg, wie ihn die jetzt sich abzeichnende Zahl von über am Ende vielleicht sogar 200.000 Zuschauern darstellt, im Vorheinein nicht absehbar war. Unsere Schätzung wäre ursprünglich wesentlich niedriger gelegen, Werte von mehr als 50.000 Zuschauern wären uns kaum vorstellbar gewesen. Der Marktauftritt des Films überrascht also und zeigt, dass doch immer wieder wagemutige künstlerische Alleingänge von Erfolg gekrönt sein können.

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag


München, 31.10.2012

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