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Filmbesprechung

Die andere Heimat

Buch: Gert Heidenreich, Edgar Reitz; Regie: Edgar Reitz

Inzwischen ist der Begriff “Heimat” ja nach drei Fernsehserien über drei Jahrzehnte fast schon zu einer Marke geworden. Nicht nur hinsichtlich des Ortes, von dem die bisherigen Folgen der Edgar-Reitz-Serie handelte, nämlich dem Dorf Schabbach im Hunsrück. Auch hinsichtlich eines Erzählprinzips, einer ausgesprochen epischen Grundhaltung gegenüber Menschen und Geschichte. Daran hat sich auch im 4. Teil “Die andere Heimat” nichts geändert. Dass der Film sich einem epischen (und eben nicht dramatischen) Erzählprinzip verschrieben hat, erkennt man u.a. auch daran, dass gegen Ende nach dem eigentlich dramaturgisch abschließenden Ereignis  – der Abreise von GUSTAV (Maximilian Scheibt) und JETTCHEN  (Antonia Bill) nach Brasilien – noch immer sehr viel Zeit vergeht. Der Bogen schließt sich erst, nachdem der erste Brief aus der Fremde in der Heimat ankommt. Solches Erzählen erfordert viel Zeit. Und die nimmt sich der Film in seltener Radikalität. Die enorme Länge des Films ist einer der Punkte, der dem Publikum den Zugang im ersten Moment scheinbar erschwert. Hinzu kommt auch das düstere Schwarz/Weiß, die komplexe Musik, die schwer verständliche Sprache.

Doch all diese Aspekte der Reibung und Schwierigkeit kommen dem Film in Wahrheit bei seinem Zielpublikum eher zu Gute. “Die andere Heimat” ist schwere Filmkunst für eine Schicht, die auch Romane wie “Die Buddenbrooks” oder Opern wie “Die Götterdämmerung” geduldig hinnimmt. Dieses Publikum ist in Deutschland vergleichsweise groß, und es kennt die Spielregeln: wer sich künstlerisch bereichern lassen will, muss auch selbst investieren… Zeit, Geduld, Hingabe. Nach diesen Regeln funktioniert “Die andere Heimat” mehr noch als andere Vertreter des Arthouse-Kinos. Und dieses Geben und Nehmen dürfte hier für beide Seiten befriedigend werden. Der Film hat einem geduldigen Publikum viel zu bieten.

Unter den vielen Elementen, die in “Die andere Heimat” wichtig werden – der Genauigkeit der historischen Rekonstruktion, der Geduld des erzählerischen Blicks, der Farbdramaturgie, der historischen Einbettung, der komplexen Musik- und Tondramaturgie – spielt die Ebene des Zwischenmenschlichen nicht unbedingt die Hauptrolle. Dennoch kommen von dort, wie immer, die entscheidenden Impulse. Obwohl “Die andere Heimat” eine Welt schildert, in der über Gefühle nicht gesprochen wird, ja sogar körperliche Berührung nur minimal erlaubt scheint,  wird  die Ebene der Zugehörigkeit stark bespielt. Als zentrale, weil nie befragte Achse sticht hier die Beziehung zwischen JAKOB (Jan Dieter Schneider) und seiner Mutter MARGARETE (Marita Breuer) heraus. Immer wieder wird die Liebe zwischen Mutter und Sohn forciert bespielt und liefert so ein starkes emotionales Rückgrat. Auffälliger freilich ist das Dreieck zwischen Jakob, Gustav und Jettchen.

Hier kommt das konsequent durchgehaltene Prinzip zum Tragen, dass der Lauf der Dinge nicht den Wünschen der Protagonisten entspricht, sondern einer Art höheren Zufallsdramaturgie folgt. Am Ende wandert nicht Jakob aus, obwohl er es sich die ganze Zeit vornimmt, sondern Gustav; am Ende sind nicht Jakob und Jettchen ein Paar, obwohl ihre Gefühle füreinander echt sind; nicht Gustav bringt die Dampfmaschine zum Laufen, sondern sein Bruder. Auch Jakobs wegweisende Erfahrung im Gefängnis entspringt mehr oder weniger einem Zufall. In einer Welt von dieser Härte und Grausamkeit hat das Wollen des Einzelnen kaum eine Chance. Es geschieht, was geschehen muss – ob es den Menschen so passt oder nicht.

Dennoch wird man interessanter Weise am Ende erkennen, dass sich der Bogen dieses so unkonventionell angelegten Films ganz regelkonform schließt. Denn “Want” und “Need” klaffen genau so weit auseinander, wie es die klassische Drehbuchlehre fordert. Jakobs Wunsch, auszuwandern, ist nicht in Erfüllung gegangen. Aber er wirkt am Ende, obwohl er eine ungeliebte Frau heiratet, sesshaft bleibt und der Begegnung mit HUMBOLDT (Werner Herzog) aus dem Wege geht, ungleich geerdeter, zufriedener und erwachsener. Insofern ist die emotionale Geschichte, die der Film erzählt, trotz der komplexen Figurenkonstellation und vielen Verästelungen nicht nur einfach, sondern auch befriedigend.

So steht “Die andere Heimat” als nur scheinbar sperriger Koloss in der Kinolandschaft. Wer sich auf den Film einlässt, wird auf der Beziehungsebene reich belohnt. Hier unterscheidet sich dieser Film vom vergleichbaren “Weißen Band”. Hanekes Film war zwar ebenfalls lang und figurenreich, aber eben doch DRAMATISCH. Er steuerte auf eine klare Erzählidee, ja beinahe eine “Botschaft” zu, indem er den Aspekt der Unterdrückung forcierte. Der Film von Reitz folgt mehr dem Gestus des Zeigens, als dass er etwas “beweisen” wollte. Insofern sind beides komplementäre Werke einer strengen Idee von Filmkunst. Beide erzählen viel über die Idee einer deutschen Identität. Beide bringen dabei eine sehr hohes Maß an künstlerischer Kompetenz auf allen Ebenen zum Einsatz. Beide dürften beim Zielpublikum zum “Must” werden.

Entsprechend könnte auch die Rezeption ausfallen. Man wird aufgrund der großen Schwierigkeiten von “Die andere Heimat” zwar keine Zuschauerzahlen wie im exoribanten Fall des “Weißen Bandes” erwarten. Aber eine vergleichsweise starke, lang anhaltende Laufzeit mit starker Mundpropaganda ist trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse trotzdem drin.

München, 4.10.2013

Roland Zag

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