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Filmbesprechung

Die dunkle Seite des Mondes

Buch: Katharina Junk, Stefan Rick, nach dem Roman von Martin Suter; Regie: Stefan Rick

Der Film bewegt sich zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. BLANK (Moritz Bleibtreu) braucht als Banker  ein Maximum an Selbstbeherrschung. Zwar sieht man im Film nicht allzu viel davon, wie er dies bewältigt; doch die Klischees, die die Medien zum Thema 'Banker' beisteuern, machen es leicht, das Bild seiner vollkommen durchrationalisierten und zahlenfixierten Existenz zu vervollständigen.

Nach einem traumatischen Erlebnis hat Blank das Verlangen, auszusteigen. Ein Instinkt scheint in ihm wach geworden zu sein, eine Sehnsucht, ein Sog. Diese Auseinandersetzung mit dem Archaischen, Instinktiven und vor allem auch Gewalttätigen wird im weiteren Verlauf des Films die Hauptrolle spielen und vermittelt sich überzeugend. Blank verliert die Kontrolle - und dadurch entsteht ein mächtiger Culture Clash, der den Film bis zum Schluss unter Strom hält.

Zweifellos ist diese Auseinandersetzung mit den ungebändigten Instinkten in uns ein höchst relevantes Thema, das die Gesellschaft intensiv beschäftigt (wie man gegenwärtig im Erfolg von "The Revenant" erkennen kann). Zumal im Begriff "Raubtierkapitalismus" ja die Frage auftaucht, ob nicht die Finanzwelt in Wahrheit noch viel zügelloser vorgeht als einzelne Individuen. Gerade diese These wird in "Die dunkle Seite des Mondes" am Ende implizit vertreten: ein Einzelner kann gar nicht so korrupt sein wie die ganze Branche. So gesehen folgt der Film einer sehr viel versprechenden Spur. Sie führt nicht nur ins Innenleben der Figur (visuell eindrucksvoll durch Höhlen und Schründe evoziert), sondern auch die Ethik unseres Wirtschaftslebens.

Die Frage lautet in erster Linie: wird Blank es schaffen, die dunklen Seiten, die in ihm hochkommen, in sein Leben zu integrieren? Welche Wandlung wird sich in ihm vollziehen? Gibt es eine Möglichkeit, beide Seiten zu leben: die Kontrollierte und Strukturierte ebenso wie das Zügellos-Instinktive? Kann Blank wieder 'Mensch' werden? WILL er das überhaupt?

Auf diesem Weg begegnen ihm ein paar viel versprechende Ansätze: so ist die hübsche und recht befreit wirkende LUCILLE (Nora von Waldsterben) vom Fleck weg bereit, sich mit ihm zu verbinden; es gelingt ihm auch sehr schnell, sein bisheriges Leben aufzugeben; noch später findet er eine Art stille Freundschaft zu einer Pensionswirtin. Aber der Preis ist hoch: Blank tötet zunächst ein Tier, dann einen Menschen. Die Verzweiflung nimmt zu, die Selbstkontrolle ab. Ohne Zweifel findet der Film Bilder und Töne, die dieses Abgleiten - samt der Verzweiflung daran - stimmig vor Augen führen.

Gleichwohl zahlt die Dramaturgie auf diesem Weg auch den Preis einiger nicht beantworteter Fragen, vor allem auf der Beziehungsebene: warum ist die junge Lucille sofort bereit, sich mit Blank zu verbinden? Warum lässt EVELYN (Doris Schretzmayer), seine Frau, sich mehrere brutale Demütigungen gefallen, und hält dennoch zu ihm? Warum findet die angeblich so schwierige Fusion offenbar ganz reibungslos auch ohne ihn, den Meister der Verhandlungen, zum Erfolg? Und ist es glaubhaft, dass ein Top-Unternehmer einen missliebig gewordenen Mitarbeiter einfach so im Wald abknallt?

Hier wird dem mitdenkenden und mitfühlenden Zuschauer einiges an Gutgläubigkeit abverlangt.

Was dem Film vielleicht noch mehr zu schaffen macht, sind die Wechsel der Absichten und 'Wants'. Denn während wir zunächst dabei sind, uns auf die Geheimnisse in Blanks Seelenleben einzulassen, kommt plötzlich die recht triviale Idee auf, es könnten falsche Pilze untermischt gewesen sein, und der Film gleitet ein wenig in den Botanik-Thriller ab. Diese Spur führt ins Leere. Dann aber wird doch Blanks - bisher nie wahrgenommene - Moralität geweckt, indem er einen rücksichtslosen Deal verhindern will. Irgendwann ist nicht mehr so recht eindeutig klar, worum es Blank dann letztlich geht.

Die Schlusspointe allerdings wiederum, die aus dem Tier einen Gejagten macht,  liefert eine kraftvolle Metapher für das weit verbreitete Grundgefühl, dass das Wirtschaftsleben einer wilden und zügellosen Treibjagd gleicht. Wer sich da den Regeln entzieht, wird - so will es jedenfalls das Klischee - brutal eliminiert.

"Die dunkle Seite des Mondes" behandelt also ein gesellschaftlich relevantes, wenngleich auch hier meist auf Klischees reduziertes Thema. Aufgrund dieser enorm griffigen Metaphorik hätte "Die dunkle Seite des Mondes"  vielleicht das Zeug gehabt,  dem deutschen Genrekino eine kleine Auferstehung zu bescheren. Das dürfte aufgrund der Einwände (die eindeutige Stringenz der Handlungsführung sowie die emotionale Glaubwürdigkeit der Beziehungsebene bleiben beide etwas auf der Strecke) vermutlich doch nicht der Fall sein. Dennoch hat der Film gute Chancen, am Markt zu bestehen, wenngleich doch eher in der limitierten Genre-Nische als an vorderster Front.

München, 16.1.2016

Roland Zag

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