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Filmbesprechung

Die kommenden Tage

Buch und Regie: Lars Kraume

“Die kommenden Tage” hat einiges an Dramatik aufzuweisen: Familiendramen, Gruppensex, Terrorismus, Aktion, Geburt und (Kinds)Tod, komplexe ökonomische, ökologische und politische Zusammenhänge, futuristische Computer usw. Dazwischen aufregende Charaktere wie z.B. KONSTANTIN (August Diehl), der schon fast an Dostojewski gemahnt.

Und doch werden vermutlich viele Zuschauer den Film mit einem Gefühl der Ratlosigkeit verlassen. Warum?

Die zentrale soziale Relevanz des Films besteht zweifellos im apokalyptischen Mangel an Wasser und Öl, der die ganze Welt bedroht. An der Peripherie des Films tritt dieses Thema immer wieder in den Vordergrund. Doch rätselhafter Weise kommt dieser Mangel bei den handelnden Figuren gar nicht vor.

LAURA, die meistbeschäftigte Person des Films, (Bernadette Heerwagen) scheint sich um die Zukunft gar keine Sorgen zu machen. Sie lebt in wohlversorgten Verhältnissen und blendet das Politische vollkommen aus. Dass ihr Geliebter HANS (Daniel Brühl) eine rabenschwarze Zukunft prognostiziert, tut sie empört ab. Dass die Schwester CECILIA (Johanna Wokalek) Ideen vom Weltumsturz im Kopf hat, scheint sie nicht zu tangieren. Selbst das Schicksal ihres Bruders, der in den Krieg zieht, beschäftigt sie kaum. Auch als sie mit Konstantin zusammen kommt, den sie ja als politischen Aktivisten kennt, scheint sie sich für seine Meinung nicht zu interessieren.

Dadurch führt uns die Hauptfigur gleichsam durch einen Film, der mit den sozialen Problemen, von denen er handelt, nichts zu tun hat. Die vielen privaten Krisen, die Laura durchleidet (Fehlgeburt; Trennung vom Geliebten; Schwangerschaft von einem Mann, der ein Doppelleben führt) weisen nahezu keine Verbindung zum eigentlichen Hauptthema auf, also dem Mangel an Wasser und Öl. Menschen, die unter dem Mangel leiden, kommen nicht vor. Es wirkt so, als lenkten uns die recht “normalen” Probleme der Familie (Scheidung; Vaterschaftstest; Vater verliert seinen Job) beständig vom eigentlich dringlichen Problem, das diese Welt bedroht, ab.

Bei Cecilia und Konstantin wird im bewaffneten Kampf immerhin ein wenig mehr soziale Relevanz spürbar. Doch es ist ganz offensichtlich, dass die destruktiven Aktionen der Untergrundkämpfer mit der ökologischen Krise ebenfalls nichts zu tun haben.

Und Hans’ Versuch, sich mit ein paar Vögeln in die Berge zurück zu ziehen, ist sicherlich keine Lösung. Nun wird man im Fall einer ökologischen Krise auch keine “Lösung” finden. Aber Menschen, die sich mit alternativen Lebensformen beschäftigen, also mit dem Versuch, mit Öl und Wasser ökonomischer umzugeben, oder andere Energiequellen zu nutzen, dürfte es in der beschriebenen Welt schon geben. Dass angesichts massiver Ölknappheit noch immer alle Auto fahren, mag nicht einleuchten. Daher könnte  “Die kommenden Tage” fast genau so gut auch heute spielen, ohne dass sich (vom Ende abgesehen) viel ändert. Denn es geht nur um die privaten, nie um die sozialen Fragen.

Man sieht also letztlich zwei Filme: der eine behandelt eine bedrohliche ökologische Situation unseres Planeten, bleibt aber fast unsichtbar; und eingelagert in diese Welt entwirft ein komplexes Familiendrama jede Menge Hin und Her – aber die Verbindung zu den eigentlich dringlichen Fragen der Prämisse fehlt.

Aus diesem Grund hinterlässt “Die kommenden Tage” trotz einer Menge fesselnder Einzelheiten selten den Eindruck, man habe es mit einer echten Zukunftsvision zu tun. Insofern ist die oben beschriebene Ratlosigkeit leider ein Webfehler, der schon dem Drehbuch eingeschrieben und durch keine Inszenierungskunst der Welt aus der Welt zu schaffen ist.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

Markteinschätzung:

„Die kommenden Tage“ reiht sich ein in eine Gruppe von teuren und massiv geförderten Filmen der vergangenen Monate wie „Henri 4“ oder „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, die im Kern der Geschichte unklar und am Publikum vorbei erzählen. Auch hier wurde erneut ein enormer Aufwand finanziert und betrieben, den die tatsächlich erzählte Geschichte nicht zu rechtfertigen scheint. Dabei ist das Thema durchaus relevant und die Besetzung publikumswirksam. Sowohl Daniel Brühl als auch August Diehl haben zuletzt mehr als zwei Millionen Zuschauer in „Inglourious Basterds“ gesehen. Johanna Wokalek erreichte zuletzt zwei Mal in Hauptrollen in „Die Päpstin“ und „Der Baader-Meinhof-Komplex“ sogar mehr als 2,4 Mio. Kinobesucher. Die Besetzung kann also deutlich auftrumpfen, wird aber in diesem düsteren Near-Future-Film (kein besonders attraktives Genre) sichtlich anders wahrgenommen. Der Regisseur Lars Kraume hat bisher mit den Kinofilmen „Viktor Vogel“, „Keine Lieder über Liebe“ und „This is Love“ maximal niedrige sechsstellige Zahlen erreicht. Da die Weiterempfehlungsrate für „Die kommenden Tage“ vermutlich stark unterdurchschnittlich ausfallen wird, könnte das Endergebnis zwar erneut sechsstellig ausfallen, aber am Ende wohl nur knapp über 100.000 liegen.

Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin/München 09.11.2010

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