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Filmbesprechung

Die verlorene Zeit

Buch: Pamela Katz; Regie: Anna Justice

Das Genre “KZ-Film” ist noch immer nicht ausgereizt. Im Laufe der Jahre kamen filmisch immer neue erzählerische Aspekte hinzu, bislang unbeachtete dramatische Geschichten wurden entdeckt und für die Leinwand bearbeitet. In “Die verlorene Zeit” nun wird die Liebe zwischen der deutschen Jüdin HANNAH (Alice Dwyer) und dem Polen MATEUSZ (Tomasz Limanowski) thematisiert. Gegen alle Widerstände ihres elenden Daseins in Gefangenschaft gelingt es ihnen, gemeinsam aus dem KZ zu fliehen. Dann verlieren sich die Liebenden auf höchst verwickelte Art und Weise im Polen der letzten Kriegswirren. Erst dreißig Jahre später erfährt die inzwischen in New York lebende Hannah, dass Mateusz noch lebt. Diese Nachricht erschüttert ihre Ehe, und sie macht sich auf, den einstigen Geliebten in dessen kommunistischer Heimat aufzusuchen.

“Die verlorene Zeit” behandelt zwei Zeitebenen. Und drastischer als hier lässt sich kaum belegen, wie schwierig es ist, eine Geschichte aus Gegenwart und Vergangenheit so unterschiedlichen Gewichts befriedigend auszutarieren. Selbstverständlich hat es die New York-Ebene extrem schwer, an Dramatik und Spannung mit den hoch aufgeladenen Rückblenden mitzuhalten. Entsprechend wenig vermag sich der Aspekt von Hannahs Loyalitätskonflikt zu entwickeln. Ihre Gewissensnot – ‘bleibe ich bei Ehemann und Tochter, oder gehe ich nach Polen zum Ex-Gelieben?’ – bleibt marginal. Inwiefern ihre Ehe, von der wir nichts erfahren, wirklich durch Mateusz in Gefahr gerät, können wir nur erahnen, aber nicht emotional nachfühlen.

Im Vergleich dazu nimmt die Schilderung der Zeit während des Kriegs eine überdimensionale Rolle ein. Die Erzählperspektive beschränkt sich dabei durchaus nicht auf Hannahs Blickwinkel. Die Kamera fängt jede Menge Szenen ein, die Hannah selbst gar nicht mit erlebt haben kann. Von “Rückblenden” im eigentlichen Sinn lässt sich  nicht sprechen. Wir haben es weniger mit einer subjektiven Wiedererweckung  vergessener Szenen zu tun, sondern mit einer objektivierenden Schilderung komplexer Zusammenhänge der deutsch-polnischen Geschichte, die weit mehr erzählen, als fürs Verständnis von Hannahs Situation nötig wäre.

Dass all diese Elemente keine wirklich geschlossene Einheit ergeben können, liegt auf der Hand. Die Szenen in New York müssen in Ermangelung von dramatischem Gewicht stets Fremdkörper bleiben. Letztlich erzählt “Die verlorene Zeit” zwei Geschichten, die sich erst mit dem letzten Bild für einen Augenblick berühren. Man mag das als Nachteil empfinden. Man kann diese Doppelgesichtigkeit des Films aber auch milde übergehen, wie dies vermutlich ein Großteil des Zielpublikums tun wird. Dem äußerst schmalen Feld der Kinogeher, die sich für einen solch undramatischen, auf historisch schwer nachvollziehbare Felder fokussierten Film interessieren, dürften dramaturgische Erwägungen eher zweitrangig sein. Berührend und erschütternd sind KZ-Geschichten natürlich allemal, und ob da noch eine späte Liebesgeschichte dazu kommt oder nicht, macht in letzter Konsequenz keinen so großen Unterschied.  Dennoch wäre es reizvoll gewesen, zu verfolgen, wie sich “Die verlorene Zeit” erzählen liesse, wenn man den Mut gefunden hätte, sich auf EINE Zeitebene und EINE Geschichte zu konzentrieren. Der dokumentarische Aspekt hätte gelitten, doch der emotional-humane Aspekt hätte sich bei klarere Konzentration auf Hannahs Loyalitätskonflikt sicherlich spannender herausarbeiten lassen.

Für eine konkrete Marktprognose bleibt daraus nur die Konsequenz, dem Film eine Auswertungschance auf allerniedrigstem Niveau, also unter 10.000 Zuschauern zu prognostizieren.

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag

München, 30.11.2011

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