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Filmbesprechung

Die vierte Macht

Buch und Regie: Dennis Gansel

Dass Russland nicht gerade das Mutterland von Demokratie, Transparenz und humanistischer Gefängniskultur ist, dürfte bekannt sein und sich durch Vladimir Putins augenblicklichen machtpolitischen Alleingang erneut bestätigen. “Die vierte Macht” erzählt also nichts wirklich Neues, wenn der Film im Stil des Politthrillers eine finstere Verschwörung antidemokratischer Strömungen in Moskau postuliert – zumal einige der in Frage stehenden Ereignisse schon über zehn Jahre zurück liegen. Die thematische Attraktivität des Themas für ein deutsches Publikum ist also begrenzt; gleichzeitig aber eignet sich gerade ein solch unübersichtlicher Machtapparat wie der in Moskau, um spannende Geschichten zu erzählen, wie das in der Vergangenheit z.B. in “Jagd auf Roten Oktober” oder “Gorki Park” gelungen ist.

Die zentralen Elemente, die auch den Politthriller in Gang halten müssen, kreisen, wie immer, um zwei Themen: die Griffigkeit des (Werte)-Konflikts  und die Intensität der Beziehungen. Auf beiden Ebenen hat “Die vierte Macht” leider eher nur durchschnittliche Qualitäten zu bieten.

Der Wertekonflikt baut sich zunächst stimmig auf: PAUL (Moritz Bleibtreu) entdeckt nach seinem zunächst stark hedonistisch angehauchten Arbeitsbeginn in Moskau die Untergrundwelt um KATJA (Kasia Smutniak). Katja kämpft für die Sache der Tschetschenen und vertritt damit einen ethisch-politisch höchst anspruchsvollen Standpunkt. Um ihr zu gefallen, exponiert sich der bisher eher unpolitische Paul sehr stark, gerät damit aber in undurchschaubare Machenschaften und einen chaotischen Trip durch die Unterwelt des russischen Gefängniswesens.

Soweit ist der Konflikt noch nachvollziehbar. Doch später wird sich zeigen, dass Katjas Handeln noch viel unethischer und verwerflicher war als das der russischen Behörden. Und damit verschwimmen die Fronten. Am Ende ist es nicht mehr leicht, an irgendwen oder irgendetwas zu glauben. Irgendwie sind alle schuldig. Paul vollzieht zwar eine Reifung, indem er den bisher erst abgelehnten toten Vater zu ehren lernt. Aber indem diese Figur nie auftaucht, bleibt dieser emotional wichtige Strang eher unergiebig und der Konflikt eher aufgeweicht als geklärt.

Was die Intensität der Bindungen angeht, sind die Aussichten erst recht trübe. Paul ist (zu) lange Zeit (zu) sehr allein. Für die Beschreibung von Pauls Beziehung zu Katja bleibt wenig Zeit. Und als er ihr nach seinem persönlichen Inferno wieder begegnet, muss er feststellen, dass sie ihn nur benutzt, verraten und missbraucht hat, was echten Gefühlen natürlich im Weg steht (und Katja mit dem Leben bezahlen muss). Doch auch die Beziehung zu ASLAN (Mark Ivanir), einem tschetschenischen Freiheitskämpfer, dem Paul im Gefängnis begegnet, bleibt mehr oder weniger folgenlos und auf der Bindungsebene unverbindlich. Die Freundschaft mit DIMA (Max Riemelt) nimmt nie wirklich intensive Formen an, und so steht “Die vierte Macht” emotional am Ende (abgesehen von der Aufwertung des toten Vaters) beinahe mit leeren Händen da.

Der Film hat also Schwierigkeiten, die grundsätzlich nicht sehr hohe Attraktivität des Themas aus eigener Kraft zu steigern (man beachte, dass bereits kürzlich mit “Hotel Lux” ein Film Schiffbruch erlitten hat, der das politische Russland zum Hauptthema hat). Das dürfte sich auswirken.

MARKTEINSCHÄTZUNG:

“Die vierte Macht” kann auf die relative Bekanntheit des Autors und Regisseurs Dennis Gansel zählen, der immerhin mit “Die Welle” einen sehr erfolgreichen Film hingelegt hat, allerdings mit seiner letzten Arbeit “Wir sind die Nacht” nicht zu reüssieren vermochte. Trotz der Erfolge von “Die Welle” wird man diesem Namen allein nicht allzu viel Marktmacht geben dürfen.

Moritz Bleibtreu ist ein bekannter und beliebter Schauspieler, dessen große Millionenerfolge aber schon etwas zurück liegen. Dass wegen ihm allein das Publikum nicht unbedingt in Scharen strömt, war bei “Jud Süß” und “Mein bester Feind” zu beobachten.

Die Qualität der Produktion ist hoch: der Film sieht professionell aus und kann in Sachen optische Umsetzung sicher mit europäischer Konkurrenz mithalten. Doch die Argumente, die sich aus der Story selbst ergeben, sind vermutlich doch zu schwach, um echte Mundpropaganda zu entfalten. Und die Presse, gegenüber deutschem Genre-Kino generell oft kritisch und verhalten, scheint den Film nicht wesentlich zu fördern.

Insgesamt ergibt dies trotz aller Qualitäten nur trübe Aussichten für den Markterfolg des Films. Aus unserer Sicht wird sich das Ergebnis vielleicht bei ähnlich gelagerten Genre-Arbeiten bewegen, wie vor nicht allzu langer Zeit bei “Die Tür” oder auch “Die kommenden Tage”. Dieser Filme kamen auf rund 50.000 – 70.000 Zuschauer, und viel mehr werden es aus unserer Sicht auch im Fall von “Die vierte Macht” leider auch nicht werden.

Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag

München, 6.3.2012

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