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Filmbesprechung

Drei

Buch und Regie: Tom Tykwer

Seit langem richtet sich ein deutscher Film erstmals wieder  an ein wirklich cinephiles, intellektuelles Publikum der Hochkultur ( zuletzt war das vielleicht bei „Das weiße Band“ oder „Jerichow“ der Fall). „Drei“ bewegt sich in einem urbanen Raum voll von hoch philosophischen Diskursen, wissenschaftlichen Höchstleistungen, modernem Tanz, Musik, bildender Kunst… lauter Elementen, die im TV oder Mainstream-Kino lieber ausgespart bleiben, weil sie als publikumsfeindlich gelten. Doch gerade das Segment der Zuschauer, die sich gerne als denkende, Feuilleton lesende Menschen sehen, dürfte sich ernst genommen fühlen.

„Drei“ behandelt zudem ein Thema, das ausgesprochen großstädtisch genannt werden kann und hier eine bestimmte Relevanz aufweist. Experimente in Sachen Beziehungsdynamik, Bisexualität und Patchwork-Vaterschaften sind einerseits spannend, und andererseits betreffen sie heutzutage doch eher Minderheiten, die sich auf die Ballungszentren reduzieren.

So wirkt „Drei“ schon rein äußerlich uneinheitlich. Jedes Argument FÜR die Markttauglichkeit des Films ist auch gleichzeitig eines DAGEGEN.

Betrachtet man die innere Dynamik des Films, setzt sich das fort. „Drei“ hat sicherlich berührende Momente, etwa zwischen dem frisch operierten SIMON (Sebastin Schipper) und ADAM (Devid Striesow), die sich im Bad auf eine erfrischend unerwartete Art und Weise kennen lernen, oder das Geben und Nehmen, das sich entspinnt, wenn Simons schwächelnde Galerie durch einen Großauftrag von Adam gerettet werden kann.  Gegen Ende entwickelt sich sogar ein fast boulevardesker Schwung, sobald klar wird, dass beide Ehepartner mit demselben Mann Ehebruch begehen. Sobald die Wahrheit ans Licht drängt, stellt sich Komik ein, die nicht ganz zum Rest des Films passt, aber jedenfalls unterhaltsam ist.

Doch einschränkend schlägt zu Buche, dass die Story lange Zeit kaum Dynamik aufweist. Die Figuren haben zwar alle ihre Beschäftigungen – sie moderieren TV-Sendungen, engagieren sich in Ethik-Kommissionen, Chören, beim Fußball, moderner Kunst… – aber sie wirken allesamt nicht committed. Wirkliche Bindung, wirkliche Leidenschaft für das, was sie tun, strahlen sie kaum aus. Es gibt eigentlich lange Zeit gar keine Zielsetzung, kein ‚Hin-zu’ Jemandem, aber auch kein ‚Weg-von’…(man braucht nur kurz an „Lola rennt“ zu denken, um sofort zu spüren, wie dynamisch ein Film werden kann, wenn es UM ETWAS GEHT).

Daher wirkt die Dramaturgie lange Zeit richtungslos. Benachteiligung ist kaum zu spüren (höchstens im Falle von Simons Hodenkrebs – doch der ist bald geheilt). Große Loyalität oder Beiträge für andere wird man kaum finden. Eine innere Zielsetzung haben vor allem HANNA (Sophie Rois), aber auch Sebastian und Simon kaum aufzuweisen. Und obwohl immer mal wieder über Ethik diskutiert wird, entsteht selten der Eindruck, dass sich die Figuren in ihrem eigenen Verhalten ethisch hinterfragen.

Und dabei gäbe es diesbezüglich schon so einiges zu diskutieren: ist es ethisch,  zu heiraten, wenn beide zeitgleich eine andere Beziehung am Laufen haben? Oder mit einem Kind im Bauch den Ehemann zu verlassen, um in England darüber zu grübeln, von wem es sein könnte? Auch ohne vorgefertigte moralische Werturteile darf man diese Fragen ruhig einmal stellen. Die Figuren tun das aber nicht.

Insgesamt wirkt „Drei“ in den angeschnittenen Themen daher eher theoretisch. Es wird eine Menge Stoff hingeworfen. Aber die Menschen, von denen die Rede ist, scheinen von diesem Stoff in ihrem Verhalten merkwürdig unberührt. Auch die zahlreichen Sexszenen verströmen nicht allzu viel Sinnlichkeit. Letztlich scheint hier gleichsam die Rechnung (das Beziehungsexperiment) ohne den Wirt (die zugehörigen Gefühle) gemacht zu werden: die Figuren verbinden sich zwar gleichsam chemisch zu einer neuen Form des Beziehungs-Patchworks. Aber indem die zugehörigen Gefühle (Eifersucht, Besitzanspruch, Rivalität, Ausschließlichkeitsanspruch usw.) ausgespart sind, bleibt der Eindruck der Künstlichkeit zurück.

Und wenn sich dann am Ende alle drei Protagonisten in einem utopisch erscheinenden Bild auf einen Dreierbeziehung einigen, ist klar, dass JETZT erst die Probleme beginnen. Jetzt würde es interessant…aber der Film ist zu Ende.

So verbinden sich in „Drei“ recht attraktive Elemente, die das Zielpublikum wirklich interessieren und befriedigen können, mit einem seltsam aseptischen Gesamtbild, das nie wirklich zu den Emotionen der Beteiligten vorstößt.


MARKTEINSCHÄTZUNG:

Dass Tom Tykwer, einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure, endlich wieder in Deutschland gedreht hat, dürfte großes Interesse hervorrufen. Die Thematik und die verhalten positive Presse dürften das urbane, der Hochkultur zugehörige Publikum zunächst anziehen.

Doch das intellektuell gebildete Publikum ist nicht nur relativ klein und stark auf Großstädte fixiert, sondern auch nicht unbedingt leicht ins Kino zu bewegen.

Mit wirklichen Stars dagegen kann der Film nicht locken; Devid Striesow wird zwar oft eingesetzt, aber ein Star mit Zugqualitäten ist er nicht, und Sophie Rois wird eher Theatergängern ein Begriff sein, Sebastian Schipper gar nur Cineasten, die wissen, dass er eigentlich Regisseur ist.

Visuell ist der Eindruck uneinheitlich. Die Split-Screen Technik erzeugt interessante Effekte, die aber nicht immer zünden, weil der Story die innere Dynamik fehlt; einige Bilder sind spektakulär; viele allerdings bleiben auf recht bescheidene Schauwerte begrenzt. Die Musik wirkt ebenfalls eher bunt gemischt als fokussiert.

Daher ist allein der Name des Regisseurs ein wirkliches Zugpferd. Und zusammen mit dem recht durchwachsenen Bild, das die innere Dramaturgie hinterlässt, ergeben sich keine allzu starken Faktoren.

Insofern kann man sich an Filmen wie „Jerichow“ oder „Caché“ orientieren. Zwischen beiden liegt ein Zielfenster, das etwa 100.000 bis 140.000 Zuschauer als möglich erscheinen lässt. Und trotz allen Rennommées des Regisseurs dürfte sich nach unserer Einschätzung das Endergebnis in diesem Korridor bewegen.


Dramaturgie-und Markteinschätzung: Roland Zag

München, 28.12.2010

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