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Filmbesprechung

Dschungelkind

Buch: Beth Serlin, Nathalie Scherf, Florian Schumacher, Richard Reitinger, Pia Hart, Roland Suso Richter, nach dem Roman von Sabine Kuegler;
Regie: Roland Suso Richter

Der ‚culture clash’ zwischen westlich-aufgeklärtem Gedankengut und archaischen Gesellschaftsformen hat mitunter zu den allererfolgreichsten Formen filmischen Erzählens verholfen: „Avatar“, „Der mit dem Wolf tanzt“ oder „Jenseits von Afrika“ beziehen sich auf dieses emotional höchst ergiebige Muster. Stets steht der Gegensatz zwischen einem eher intellektuell-rationalen Menschenbild und einem eher sozial-naturverbundenen Denken im Mittelpunkt. Immer geht es darum, im scheinbar Bizarren, Trennenden der fremden Kultur auch das Gemeinsame zu entdecken. Die scheinbar rückständigen Gesellschaften erweisen sich dann als die, die insgeheim auch längst verlorene Weisheiten bewahren.

In „Dschungelkind“ wird eine andere Richtung eingeschlagen. Die Erzählung nimmt weniger die Perspektive des Ethnologen KLAUS (Thomas Kretschmann) ein, der versucht, ein Naturvolk im Dschungel Indonesiens zu verstehen und zu decodieren. Das Drehbuch folgt eher der Sichtweise seiner Frau DORIS (Nadja Uhl). Sie steht der fremden Kultur moralisierend und ablehnend gegenüber, sie wirkt – zumindest zu Beginn – gleich mehrmals abweisend und ignorant (später scheint sich dies zu ändern, denn sie bleibt ja doch über lange Jahre; diese Wandlung wird aber nicht mehr thematisiert). Diese Ablehnung ist auch überwiegend die Grundhaltung des Films: die fremde Kultur wird überwiegend als brutal, frauenverachtend, fremdenfeindlich und unverständlich dargestellt. Das Naturvolk wirkt barbarisch und unmenschlich, die eigene Weltsicht ist die „richtige“.

Dies sind ungünstige Voraussetzungen. Denn dadurch bekommt nicht nur das Familienbild der Küglers einen Riss (Vater gegen Mutter); auch die grundsätzliche Entscheidung des Vaters, mit der Familie in den Dschungel zu gehen, bekommt durch die einseitig brutale Darstellung der “Wilden” den Anstrich des  Wissenschaftlers, der seine Kinder aus persönlichen Karrieregründen einer unzumutbaren Grausamkeit aussetzt.

Vor allem aber dauert es lang, bevor eine echte Beziehung zwischen SABINE (Sina Tkotsch bzw. Stella Kunkat) und dem Kind AURI (Felix Tokwepota) entstehen kann. Und auch diese neue Bindung – die einzig maßgebliche des Films!  – wird schnell wieder unterbrochen, als die Familie nach Deutschland fährt und den sozial isolierten Auri ganz allein für mehrere Monate seinem Schicksal überlässt. Ein wirklicher Austausch entsteht hier kaum. Die Beschäftigung mit dem Wertekanon der Ureinwohner bleibt aus. Wenn dann die erwachsene Sabine über Auris Tod klagt, fühlt man als Zuschauer die Erschütterung kaum mit – die Beziehung wurde nie wirklich durch Geben und Nehmen unterfüttert.

Vor diesem problematischen Hintergrund fällt doppelt ins Gewicht, dass „Dschungelkind“ eigentlich keine wirkliche dramatische Geschichte erzählt. Es gibt nicht nur wenig äußere, handgreifliche Ziele. Es fehlt auch innerlich weitgehend das Dilemma, der Gegensatz der Werte und Zugehörigkeiten. Sabine kommt erst ganz am Schluss in die Situation, sich entscheiden zu müssen – doch da ist Auri schon tot. Bis dahin folgt die Dramaturgie einer Reihung von Episoden, die keine wirkliche Spannung und nur nebenher menschliche Bindung hergeben. Letztlich hat die Protagonistin am Ende die Wahl zwischen einem Leben im Dschungel, wo sie außer der Familie kaum jemanden hat, und dem sozial für sie erst recht verödeten Deutschland. Dies wirkt als Schlussbild doch eher deprimierend.

So entsteht ein erzählerisch defizitäres Gesamtbild. „Dschungelkind“ wurde dramaturgisch in eine Richtung entwickelt, die es einer echten emotionalen Anteilnahme eher schwer als leicht macht. Dies wird sich – gerade auch gegenüber den Liebhabern der Romanvorlage! – beim Publikum bemerkbar machen und die Marktchancen des Films damit deutlich senken. Die Chancen, die in der respektvollen, liebevollen Offenheit gegenüber der fremden Kultur gesteckt hätten, wurden leider vergeben.

Dramaturgische Einschätzung: Roland Zag

Markteinschätzung:

Sabine Küglers Buch, das dem Film als Vorlage dient, wurde allein im deutschsprachigen Europa 1,2 Millionen Mal verkauft und in insgesamt 24 Sprachen übersetzt. Die Voraussetzungen für einen Millionenerfolg sind also grundsätzlich gegeben. Zudem gehen von den Namen im Vorspann einige kräftige Marktsignale aus. Roland Suso Richter fehlt zwar noch der Durchbruch im Kino, aber seine Regiearbeiten fürs Fernsehen wie „Mogadischu“ oder „Dresden“ haben viele Millionen Zuschauer erreicht. Thomas Kretschmann ist durch seine Nebenrollen in großen internationalen Kinoproduktionen wie „Der Pianist“, „Wanted“ oder „Operation Walküre“ vielen ein Begriff. Nadja Uhl hat sich durch Hauptrollen in erfolgreichen Kinofilmen wie „Männerherzen“ oder „Sommer vorm Balkon“ eine große Fangemeinde erarbeitet. Damit sieht die Marktlage für den Film von außen betrachtet sogar noch ein Stück besser aus als fürs Buch (relativiert allerdings durch die Tatsache, dass im Fernsehen nun wochenlang das Thema „Dschungel“ Dauerthema war).

Nach den ersten Zahlen wird der Film aber vermutlich insgesamt nur zwischen 240.000 und 280.000 Zuschauer erreichen. Woran liegt das? Aus unserer Sicht vor allem an der emotional unbefriedigenden Erzählweise, die für wenig positive Weiterempfehlungen sorgen dürfte. Aber auch die Darstellung der Dschungelbewohner lässt viele Möglichkeiten und Erwartungen offen. Die Frage, wie viele Kinozuschauer das derzeit in dieser – visuell allerdings eindrucksvoll umgesetzten – Form sehen wollen, hat sich damit beantwortet.

Markteinschätzung: Norbert Maass

Berlin/München 23.02.2011

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